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Er singt seine Songs, als wäre es das erste Mal
Bei ihm ist kein Konzert wie das andere: In Genf
spielte Bob Dylan sehr gut. In Zürich spielte er
fantastisch.
Von Jean-Martin Büttner
Er scheint jene am wenigsten zu mögen, die ihn am
meisten lieben. Er habe es satt, sagte er einmal, in
der ersten Reihe immer dieselben Gesichter zu sehen
– «get a life!» Die Ungeliebten lassen sich nicht
beirren und reisen dem Schwierigen überallhin nach.
Und da Bob Dylan fast dauernd unterwegs ist, gibt es
viel zu reisen, viel zu hören und viel zu
vergleichen. Das Nachbeten der Setlists der Vorabende,
die aufgeregten Textauslegungen im Internet, das
gemeinsame Dechiffrieren angeblicher Zeichen oder
Botschaften wird so innig und andächtig betrieben,
dass es unfreiwillig komisch wirkt wie immer, wenn
sich zu viel Verehrung auf einen Menschen
konzentriert.
Zu den Wucherungen einer Sekte fehlt erfahrungsgemäss
nicht mehr viel. Glaubt man den Kritikern dieser Art
von Bewunderung, ist die weltweite Gemeinde längst
so weit. Beinahe geht vergessen, dass Dylan selbst
sich stets gegen die Verehrung gewehrt hat. Sie
steht für das, wogegen er seit über vierzig Jahren
ansingt. «Don’t follow leaders / watch the
parking-meters » höhnte er schon Mitte der
Sechziger, als ihm die Zudringlichkeit seines Publikums
erstmals zu viel wurde.
Natürlich hat es auch mit ihm zu tun, dass es so weit
kommen konnte. Dylan hat die Sinnsucher mit seinen
Verrätselungen und Vieldeutigkeiten immer schon angezogen.
Je mehr er sich ihren Zudringlichkeiten zu erwehren
sucht, desto aufgeregter folgen ihm die
Zudringlichen nach. Was dazu führt, dass es fast unmöglich
geworden ist, sich seiner Musik offen, also
unbefangen zu nähern. Die Freude über die Musik
eines Ungezähmten droht in einer virtuellen
Buchhaltung abzusterben – ein Köchelverzeichnis zu
Lebzeiten.
Dabei geht das ganz einfach. Man braucht nur an seine
Konzerte zu gehen. Er sagt es ja selber: Seine Songs
leben von der Aufführung, sie entstehen erst vor
Publikum und sind nicht auf seinen Platten zu finden.
Jede Aufführung ist eine neue Version des Songs und
seine Plattenaufnahme nur eine Variante. Kein
Songschreiber verändert sein Material auf der Bühne
dermassen ab, dekonstruiert es, zersingt es oder
belebt es wieder neu. Keines seiner Konzerte gleicht
dem anderen. Das zeigt sich auch in der Schweiz, die
er diesmal zweimal bespielt – erst in der Genfer
Arena und dann, nach zwei Auftritten in Italien, im Zürcher
Hallenstadion.
Spielerische Gelassenheit
In Genf wird nach den ersten Stücken klar, was sich
in Zürich auf grossartige Weise bestätigt: Dylan hat
die spielerische Gelassenheit beibehalten, aus der
heraus er sein letztes Album einspielte. Sie bestimmt
auch die Auftritte seiner laufenden Tournee. Die quälenden
Jahre, in denen er sein Publikum mit hingeröchelten
Versionen seiner alten Stücke quälte, scheinen überwunden.
Dylan wirkt hellwach an seinen Konzerten. Er singt
die Songs mit seiner unverwechselbaren Altersstimme,
aber man versteht jedes Wort, und es sind viele Wörter
bei ihm.
Sein Quintett, von dem er begeistert ist und dies auch
sagt, begleitet ihn mit Kraft und Raffinesse. Die
Begleiter spielen bald hart und dann wieder swingend,
mal Rock und dann wieder Roll, wie es eben sein muss.
In Genf und erst recht in Zürich wird das
Zusammenspiel des Sängers mit seiner Band zum
Ausdruck einer musikalischen Beziehung. Gemeinsam
haben sie auf seiner letzten Platte einen Sound entwickelt,
der Dylan durch die Konzerte trägt; die Musik wird
zum Boden, auf dem er geht.
Die Musik ist die Botschaft
Es ist also kein Zufall, dass Dylan fast die Hälfte
des Programms mit Stücken aus seinen beiden letzten
Alben bestreitet, Swing-Balladen und Bluesnummern, aufdatierten
Versatzstücken der amerikanischen Musiktradition in
neuen Varianten. Schon das macht ihm keiner nach, der
schon so lange Musik macht wie er.
Noch erstaunlicher ist die Reaktion: Das Publikum
reagiert auf die neuen Stücke ebenso begeistert wie
auf die bekannten. Es hat viele junge Leute an
beiden Konzerten, möglicherweise hören sie ihn zum
allerersten Mal. Möglicherweise sind ihm diese
Dazugekommenen viel lieber als die Devoten, die sich
ihm so nahe wähnen.
In Zürich dann steigern sich die Musiker nochmals und
geben ein fantastisches Konzert, das Dylans letzte
Schweizer Auftritte vergessen macht. Er singt noch
konzentrierter als vier Tage zuvor, man hat wirklich
das Gefühl, es sei ihm jede einzelne Zeile wichtig.
Dazu kommt die Auswahl der Lieder, die er im
Hallenstadion spielt. Bob Dylan hat an die 700 Songs
geschrieben, und er war noch nie daran inte-
ressiert, jeden Abend dieselben vorzutragen. Für Zürich
hat er fast die Hälfte seines Programms
ausgewechselt, spielt zum Beispiel das selten
gegebene «Visions Of Johanna » oder «Tangled Up
In Blue» in einem neuen Arrangement. Mit seinem mitreissenden
Vortrag macht er seinem entrückten, zuletzt
hingerissenen Publikum vor, was er immer schon über
seine Arbeit gesagt hat: dass es nur um die Musik geht
bei ihm. Die Musik ist seine Botschaft. Sie wird jeden
Abend neu verkündet.
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