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Hallenstadion Zürich



Zürich 2007
Hallenstadion

Tagesanzeiger
Jean Marie Büttner


Er singt seine Songs, als wäre es das erste Mal

Bei ihm ist kein Konzert wie das andere: In Genf spielte Bob Dylan sehr gut. In Zürich spielte er fantastisch.

Von Jean-Martin Büttner
Er scheint jene am wenigsten zu mögen, die ihn am meisten lieben. Er habe es satt, sagte er einmal, in der ersten Reihe immer dieselben Gesichter zu sehen – «get a life!» Die Ungeliebten lassen sich nicht beirren und reisen dem Schwierigen über­allhin nach. Und da Bob Dylan fast dau­ernd unterwegs ist, gibt es viel zu reisen, viel zu hören und viel zu vergleichen. Das Nachbe­ten der Setlists der Vor­abende, die aufgeregten Textauslegungen im In­ternet, das gemeinsame Dechiffrieren angeblicher Zeichen oder Botschaften wird so innig und andäch­tig betrieben, dass es un­freiwillig komisch wirkt wie immer, wenn sich zu viel Verehrung auf einen Menschen konzentriert.
Zu den Wucherungen einer Sekte fehlt erfah­rungsgemäss nicht mehr viel. Glaubt man den Kritikern dieser Art von Bewunde­rung, ist die weltweite Gemeinde längst so weit. Beinahe geht vergessen, dass Dylan selbst sich stets gegen die Verehrung ge­wehrt hat. Sie steht für das, wogegen er seit über vierzig Jahren ansingt. «Don’t follow leaders / watch the parking-me­ters » höhnte er schon Mitte der Sechziger, als ihm die Zudringlichkeit seines Publi­kums erstmals zu viel wurde.
Natürlich hat es auch mit ihm zu tun, dass es so weit kommen konnte. Dylan hat die Sinnsucher mit seinen Verrätselungen und Vieldeutigkeiten immer schon ange­zogen. Je mehr er sich ihren Zudringlich­keiten zu erwehren sucht, desto aufgereg­ter folgen ihm die Zudringlichen nach. Was dazu führt, dass es fast unmöglich ge­worden ist, sich seiner Musik offen, also unbefangen zu nähern. Die Freude über die Musik eines Ungezähmten droht in ei­ner virtuellen Buchhaltung abzusterben – ein Köchelverzeichnis zu Lebzeiten.
Dabei geht das ganz einfach. Man braucht nur an seine Konzerte zu gehen. Er sagt es ja selber: Seine Songs leben von der Aufführung, sie ent­stehen erst vor Publikum und sind nicht auf seinen Platten zu finden. Jede Aufführung ist eine neue Version des Songs und seine Plattenaufnahme nur eine Variante. Kein Songschreiber verändert sein Material auf der Bühne dermassen ab, de­konstruiert es, zersingt es oder belebt es wieder neu. Keines seiner Konzerte gleicht dem anderen. Das zeigt sich auch in der Schweiz, die er diesmal zweimal bespielt – erst in der Genfer Arena und dann, nach zwei Auftritten in Italien, im Zürcher Hal­lenstadion.
Spielerische Gelassenheit
In Genf wird nach den ersten Stücken klar, was sich in Zürich auf grossartige Weise bestätigt: Dylan hat die spielerische Gelassenheit beibehalten, aus der heraus er sein letztes Album einspielte. Sie be­stimmt auch die Auftritte seiner laufen­den Tournee. Die quälenden Jahre, in de­nen er sein Publikum mit hingeröchelten Versionen seiner alten Stücke quälte, scheinen überwunden. Dylan wirkt hell­wach an seinen Konzerten. Er singt die Songs mit seiner unverwechselbaren Al­tersstimme, aber man versteht jedes Wort, und es sind viele Wörter bei ihm.
Sein Quintett, von dem er begeistert ist und dies auch sagt, begleitet ihn mit Kraft und Raffinesse. Die Begleiter spielen bald hart und dann wieder swingend, mal Rock und dann wieder Roll, wie es eben sein muss. In Genf und erst recht in Zürich wird das Zusammenspiel des Sängers mit seiner Band zum Ausdruck einer musika­lischen Beziehung. Gemeinsam haben sie auf seiner letzten Platte einen Sound ent­wickelt, der Dylan durch die Konzerte trägt; die Musik wird zum Boden, auf dem er geht.
Die Musik ist die Botschaft
Es ist also kein Zufall, dass Dylan fast die Hälfte des Programms mit Stücken aus seinen beiden letzten Alben bestreitet, Swing-Balladen und Bluesnummern, auf­datierten Versatzstücken der amerikani­schen Musiktradition in neuen Varianten. Schon das macht ihm keiner nach, der schon so lange Musik macht wie er.
Noch erstaunlicher ist die Reaktion: Das Publikum reagiert auf die neuen Stü­cke ebenso begeistert wie auf die bekann­ten. Es hat viele junge Leute an beiden Konzerten, möglicherweise hören sie ihn zum allerersten Mal. Möglicherweise sind ihm diese Dazugekommenen viel lieber als die Devoten, die sich ihm so nahe wäh­nen.
In Zürich dann steigern sich die Musiker nochmals und geben ein fantastisches Konzert, das Dylans letzte Schweizer Auf­tritte vergessen macht. Er singt noch kon­zentrierter als vier Tage zuvor, man hat wirklich das Gefühl, es sei ihm jede ein­zelne Zeile wichtig. Dazu kommt die Aus­wahl der Lieder, die er im Hallenstadion spielt. Bob Dylan hat an die 700 Songs ge­schrieben, und er war noch nie daran inte- ressiert, jeden Abend dieselben vorzutra­gen. Für Zürich hat er fast die Hälfte seines Programms ausgewechselt, spielt zum Bei­spiel das selten gegebene «Visions Of Jo­hanna » oder «Tangled Up In Blue» in ei­nem neuen Arrangement. Mit seinem mit­reissenden Vortrag macht er seinem ent­rückten, zuletzt hingerissenen Publikum vor, was er immer schon über seine Arbeit gesagt hat: dass es nur um die Musik geht bei ihm. Die Musik ist seine Botschaft. Sie wird jeden Abend neu verkündet.


Hallenstadion Zürich