n.B.u
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Bob Dylan in Zuerich 2005 - Bootlegcover


Zürich 2005
Hallenstadion
Vielen Dank
Stefan Dietrich


Es ist die Musik allein, die zählt’
Über Dylans Auftritt im Hallenstadion Zürich am 13.11.2005
von Stefan Dietrich; CH-6460 Altdorf

Schon nach wenigen der nonstop vorgetragenen Songs hörte ich die
Menschen um mich herum muffeln und maulen. „Es ist eine
Unverschämtheit,“ ruft mein grau melierter Nachbar zur Linken seiner
Flower-Power-Gefährtin zu, „diese Unhöflichkeit. Dieser Dylan stellt
sich nicht vor, sagt keinen Ton zum Publikum. Es ist eine Unverschämtheit.“
Ich mustere ihn. Dem Dialekt nach stammt er aus der Region Zürich.
Wohl ein Ersthörer von Dylan, der sich bemüht, jedoch den Zugang
zu dem kleinen, dürren Männchen mit schwarzem Hut über dem wilden
Wuschelkopf, der sich über ein elektronisches Klavier, das eher an ein Bügelbrett erinnert, beugt und den Oberkörper unablässig auf und ab
schwingt, nicht so recht findet. Dylans Schatten zeichnet sich auf den
roten Samtvorhang im Hintergrund ab.

Hinter mir sagt eine junge Blondine: „Wer ist eigentlich dieser Dylan
von den Herren auf der Bühne?“ Da stehen ausser dem leicht zurück
versetzten, auf und ab wippenden Dylan, der sich hinter sein E-Piano verschanzt hat, Männer in tadellosen Anzügen auf der Bühne mit
Gitarren und anderen altmodischen Instrumenten. Niemand hampelt
oder hoppelt herum, niemand zieht den Kegel der Scheinwerfer allein
auf sich. Alles ist eine Einheit. Diese Einheit ist dabei aber nicht erstarrt,
sondern im Fluss. Dylan, der Meister der Paraphrasierung, der sich auf
der Bühne samt seinen Songs ständig neu entwirft, lenkt das Augenmerk
des Publikums nicht auf sich. Dylan ist ein Meister darin, seine Songs
seinem Publikum auf immer neue Weise näher zu bringen und sich ihm
dadurch gleichzeitig zu entziehen, als wolle er sich gegen Vereinnahmung
und Schubladisierung schützen. Es tut wohl, in einer Zeit der Ich-ich-ich-Rufer jemanden vor sich zu haben, der allein seine Musik
sprechen lässt ohne glitzernde und steril einstudierte Show, ohne
künstliche Reizüberflutung, die vom Eigentlichen ablenkt.


Es wird dunkel im neuen Hallenstadion. Pünktlich wie fast immer betritt
der Columbia Recording Artist mit seiner Band die Bühne. Es sollte eine
traumhafte Songauswahl werden.

Nicht wie gewöhnlich wird mit Maggie’s Farm eröffnet, sondern mit
einem rockigen Drifter’s Escape. Erstaunlich die Tatsache, dass Dylans
Soli auf der Mundharmonika (Harp) inspirierter zu sein scheinen als an
anderen Konzerten. Das wunderbare Senor, eher selten gespielt, folgt.
Die Band verfällt in eine fast meditative Langsamkeit. God Knows
ebenfalls ein seltenes Hörvergnügen auf einem Dylan-Konzert – gerät in
eine sprudelnde, jedoch zärtliche Intensität. Gott kennt dich, lautet die
Botschaft dieser Version, und gerade deswegen ist er ganz auf deiner
Seite. Er nimmt dich mit allem, was dich ausmacht, an. Auf ein solides
The Times They Are A-Changin’ folgt das wundervoll bluesig
stampfende Watching The River Flow. Standing in The Doorway
vom Meisterwerk ,,Time Out of Mind" kommt mit einer melancholischen
Verzweiflung daher, dass es mir fast die Tränen in die Augen treibt.

Allein für High Water hat sich der Besuch des Konzerts gelohnt. Zu
Beginn des Stücks leise Gitarren, die langsam an Fahrt gewinnen. Man
spürt förmlich die Wasser steigen. Dylans Gesang ist schneidend, ruft
in die Weite der Halle mit grosser Intensität. Die ganze Band läuft zur
absoluten Höchstform auf, ein Banjo gesellt sich dazu. Manchmal
versinkt der Song leise im Nichts, dann schaukeln sich Schlagzeug und
Gitarrenriffs zu ungeahnten Höhen auf verschlungenen Wegen hinauf.
Es ist, als wolle das Wasser nie aufhören zu steigen. Erschütternd.

Und schon folgt der nächste Song: Dylan trägt das biblische
Every Grain of Sand vor, ein Song mit einem wunderschönen Text.
Fast wird der Song zu einer liebevollen Predigt: Nichts geht verloren
auf dieser Welt, nicht einmal ein Körnchen Sand. Das tut wohl!

Nach dem letzten Ton von Every Grain auf Sand geht His Bobness
zu seiner Band und gibt – wie an diesem Konzert recht häufig – Instruktionen. Und schon steht er wieder am Klavier und gibt die
ersten Takte des nächsten Stückes vor.

Die Band fällt in ein dynamisches New Morning ein. Highway 61
ist häufig in einem Konzert zu hören. Aber diese Version verschlägt
mir den Atem. Der Song wird zu einer Art Rockoper. Verschiedene Elemente wechseln sich ab. Der Song soll  niemals enden. Dylans
Gesang wird immer besser. Er scheint tatsächlich jünger zu werden. Und
tatsächlich folgt auf diesen Eindruck der Song My Back Pages mit dem
Rafrain: I was so much older than, I’m younger than that now.
Im Text erfährt man so viel über Bob Dylan wie selten. Der Meister trägt
ihn brüchig, suchend, fast zärtlich vor. In der Ruhe liegt jetzt die Kraft.

Und wieder ein Höhepunkt. Seit drei Jahren hat er es nicht mehr
gepielt: Til I fell in love with you. Die Band stampft wunderbar
altmodisch daher. Und Dylan ordnet seinen Gesang ganz in das Stampfen
hinein. Wer hätte gedacht, dass Liebe so weh tun kann? Ein leichtes
Visions of Johanna ist wie ein sanfter Regen, der niedergeht. Dieses
Liebeslied hat er mir schon immer angetan, und Dylan lässt keinen Zweifel
offen, dass er von den Johanna-Visionen voll und ganz erobert ist. Danach
Dunkel. Das Licht ist gegangen. Und als es wieder da ist, steht die Band
einen Moment lang vor dem Samtvorhand, der inzwischen aufgezogen ist.

Dylan tänzelt einen Moment lang hin und her. Dann verschwindet der
Song and Dance Man von der Bühne. Der Applaus ist fast
ohrenbetäubend. Die Menschen springen von ihren Sitzen auf. Standing
Ovations. Der Augenblick dauert. Dann plötzlich wieder dunkel. Und im
wiederkehrenden Licht steht plötzlich der kleine Mann mit dem schwarzen
Totengräber-Hut hinter seinem Klavier. Man munkelt davon, er könne aus
gesundheitlichen Gründen keine Gitarre mehr anrühren.

Ich denke an den Beginn des Songs I want you. Aber es folgt das
berühmte Like A Rolling Stone, der Song, der der Rockmusik das Hirn
einpflanzte. Und dann ein lang gedehntes, krächzendes ‚Thank you,
friends’. Mein Nachbar zur Linken ist schon beruhigt. Komisch,
denke ich, hat er denn die Botschaft in Dylans Songs nicht gespürt?
Muss es denn ein ‚I love you all, you are the best audience I ever saw’
sein? Zum Glück nichts dergleichen. Stattdessen die Vorstellung der Band
mit Herkunftsort der einzelnen Mitglieder.

Und dann, ohne Vorwarnung, das krachende All Along The Watchtower
als obligate Schlussnummer. Die Band holt nochmals alles aus diesem Song
heraus. Und schon stehen die Herren in den Anzügen mit dem kleinen
Männchen in der Mitte vor dem begeisterten Publikum. Dylan hält zwei
Mundharmonikas wie zwei Trophäen vor sich in die Luft. Er steht einfach
da und wartet. Dann dreht er sich um und verschwindet.

Seit 1988 ist er mit mehr als hundert Konzerten pro Jahr ständig auf der
Durchreise. Heute hat er wieder einmal in Zürich einen Zwischenhalt eingelegt. Und wer ihn heute finden wollte, konnte ihn in seiner Musik
finden. Man musste auf das Anklopfen des sich stets Bewegenden nur die
Tür auftun. Und doch hat mein Nachbar zu meiner Linken irgendwie recht:
Obwohl Dylan heute wach und präsent war, spielt er dann am besten, wenn es so aussieht, als höre niemand zu.


Bob Dylan in Zuerich 2005 - Bootlegcover