n.B.u
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ZÜRICH

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Zürich 2002 - Man of Constant Sorrow


Zürich 2002
Hallenstadion
Vielen Dank
Stefan Dietrich


Bob Dylan in Zürich am 21. April 2002
von 
Stefan Dietrich, Basel, Schweiz
stefan.dietrich@balcab.ch

Es passierte leider schon beim ersten Song: Zahlreiche Fans stürmten 
nach vorne zur Bühne und versperrten den in den ersten Reihen 
Sitzenden den Blick auf Bob Dylan, der wortlos seine Songs spielte. 

Die Bühnenshow war zurückhaltend, wurde aber sehr wirkungsvoll 
eingesetzt. Die Wortlosigkeit Dylans war aber nicht auf einen 
Schlechte - Laune-Tag zurückzuführen, im Gegenteil: Wirkliche 
Hänger gab es keine, Dylan und seine Band - wohl die zur Zeit beste 
Gitarrenband überhaupt - entwickelten schon vom ersten Song an, 
der alten Country - Ballade Wait for the light to shine, Spielfreude und Zielstrebigkeit. Dylan, leicht tänzelnd, erinnerte eher an jemanden, 
der nicht genau weiss, wohin er seinen Fuss stellen soll, als dass man 
hinter dem Torkeln auf den ersten Blick Tanzschritte vermuten würde. 
Dazu seine Knie, die ,wie etwas zu locker, immer wieder hin und her 
geschwungen wurden. Hier wird dem Fan gezeigt, dass "His Bobness" 
heute alles dafür tun wird, um ein umwerfendes Konzert zu bieten. 

Überraschend, dass Bob nicht mehr, wie bei den letzten von mir 
gesehenen Auftritten, die Mundharmonika als Ausleitung und 
gleichzeitigen Höhepunkt einiger Songs einsetzt (in Lörrach (2001) 
passierte dies siebenmal!!!), sondern am Anfang einiger Songs, quasi 
als Einleitung, so dass man sofort in die Melodien hinein genommen 
wird, bevor dann die Gitarren ihre wahre Spielkunst entfalten können. 
Apropos Gitarren: Es ist immer wieder erstaunlich festzustellen, 
wie wenig Freiraum Dylan seinem grossartigen Gitarristen Sexton 
lässt, vielmehr übernimmt der Meister selbst sämtliche Soli, die meist 
aus der Wiederholung von kaum mehr als drei Tönen bestehen, und
 Sexton hat artig an seiner Seite Zurückhaltung zu üben. Das kann man 
lieben oder nicht. An solchen Dingen scheiden sich bei Dylan 
bekannterweise die Geister. Für mich gehört es zu einem Dylan 
Konzert dazu. Gerade daran zeigt sich die Unverwechselbarkeit des 
Künstlers, seine Genialität, denn auf der Bühne ist und bleibt Dylan ein 
kreatives Genie.


Dylan im Unipark
 

 
    Sicher historisch war 
Dylans Kniefall 
vor dem Publikum: 
Das rechte Bein
 angewinkelt, verharrte
 Dylan in dieser 
Position ungefähr 
eine Minute, als erwarte 
der wackere Recke 
den Ritterschlag.

Bekanntermassen scheiden sich auch bei Dylans Gesang die Geister. 
Doch in Zürich war er kraftvoll - Dylan scheint mit den Jahren, wie sein 
Publikum, immer jünger zu werden. Dabei beschrieb der letzte wahre 
Troubadour eine gefährliche Gratwanderung, indem er am Ende jeder
  Zeile die Stimme anhob. Der Gesang drohte, in Monotonie zu verfallen. 
Aber heute Abend schaffte es Dylan, dadurch eine Spannung zu erzeugen, 
die den Blick an seine Lippen fesselte. Nur Wenige mögen bemerkt haben, 
dass der Drummer in einer ganz kurzen Pause von Keltner zu dem 
eigentlichen Drummer Reicelli wechselte, dessen Arme der Schonung 
bedurften.

Sicher historisch war Dylans Kniefall vor dem Publikum: Das rechte 
Bein angewinkelt, verharrte Dylan in dieser Position ungefähr eine 
Minute, als erwarte der wackere Recke den Ritterschlag. Tatsächlich 
ist das Bild vom "Ritterschlag" nicht ganz abwegig, denn hier erwartet
  jemand einerseits die Anerkennung durch seine ZuhörerInnen, 
andererseits ist mit einer solchen Geste niemals Überheblichkeit oder gar Abschätzigkeit verbunden - nein, hier wird stille Zuneigung und 
Dankbarkeit ausgedrückt, denn Dylan weiss genau: Wären seine Shows
  beim Volk in Missgunst geraten, könnte er seinen Job an den Nagel 
hängen.

Ohne grosse Effekthascherei und ohne Mitgrölszenarien "spulte" die 
Band ihre Songs herunter. Es scheint Dylan fast zu wundern, dass da 
Tausende zu seinen Füssen ihm zujubeln, wo er doch einfach nur Musik
  machen möchte. Immer wieder schon ist zu sehen, dass keine Show 
einstudiert oder vorgeprobt ist, hier zählt einzig die momentane Stimmung, 
der Augenblick, das gemeinsame Erleben mit dem Publikum - eine Wohltat 
in einer Zeit, wo alles vorgeplant und beherrschbar sein muss. Dylan ist 
während des Konzerts keine Maschine, sondern bleibt ganz Mensch, wenn 
auch die Band an diesem Abend sehr gut geölt war. Dylan-Shows sind wohl die "ehrlichsten" Momente des Meisters. Hier vermag die ZuschauerIn 
für einen Abend einen Blick hinter die Maske  zu werfen.

The Times They Are A-Changin` kommt mit grosser Zielstrebigkeit 
daher und wurde mit viel Emphase vorgetragen, Tonight I`ll be staying 
here with you swingte mit einer unwiderstehlichen Lockerheit heran,
der Drive bei Subterranean Homesick Blues  
war schlicht unglaublich, 
Summer Days, das aus den 50er Jahren stammen könnte, bleibt 
ebenfalls in dauerhafter Erinnerung, Highwater ist ein umwerfender Song, 
so auch wie Not Dark Yet, die Dylans Repertoire in solchen Versionen, 
wie in Zürich vorgetragen, veredeln. 

Ganz grosse Überraschungen bezüglich der Songauswahl waren neben
Subterranean Homesick Blues auch ein krachendes Solid Rock
und ein unbeschreiblich gutes Man of constant sorrow. Vor der Zugabe schaltete 
ich einmal ab, weil ich Rainy Day Women einfach schon zu oft gehört 
habe - was aber nicht für Tangled up in Blue gilt, das in einer neu 
arrangierten Version daherkam, so auch wie ein raffiniert arrangiertes 
Cold Irons Bound. Nach der Pause ein für mich inzwischen etwas 
abgenutztes, aber kraftvolles Like a rolling stone, ein donnerndes 
Honest with me und ein herausgegospeltes Forever Young, das 
Seinesgleichen sucht; zum Abschluss ein solides Blowin` In The Wind.

Insgesamt ein unvergesslicher Abend - trotz der Sichtversperrer von 
den billigen Plätzen und den ungenügenden Ordnungsmassnahmen. 
Dazu bleibt im Gedächtnis dieser unnachahmliche, schlicht überwältigende
  Sound der Band - ihr Name: Bob Dylan.

(Vielen Dank an Stefan Dietrich - n-b-u) 



Zürich 2002 - Man of Constant Sorrow