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Emmett und Mutter

The Death  of Emmett Till

Nacherzählt
  von
 Richard Powers

Buchcover Powers, Der Klang der Zeit

Der 
Klang der Zeit

S. Fischer Verlag


S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004 ISBN 310059021X,
Gebunden 764 Seiten, 22,90 EUR



Der Song Das Foto Der Anlass Der Mord Der Prozess Emmett heute






August 1955 
(Part:3)


Der Mord

Vier Tage später kommen sie und holen den Jungen, nach Mitternacht, wenn die Zeit das Innerste nah außen kehrt und die Kräfte des Tages wie ein Traum sind. Die dringen ein in das Haus des Predigers Mose Wright, Emmetts Großonkel. Sie sind zu zweit, brutal rücksichtslos. Einer ist kahlköpfig und raucht Zigaretten. der andere hat ein verkniffenes, hageres Gesicht, das nur zwei Dinge kennt: Wut und Essen. Sie wecken den alten Prediger und seine Frau. Sie wollen den Jungen, den Niggerjungen aus Chicago, das Großmaul. Die Männer haben Gewehre. der Junge ist ihnen sicher. Nichts auf der Welt kann sie abhalten. Sie benehmen sich wie Gesetzeshüter und verstoßen doch gegen jedes Gesetz. Die eiskalte Zielstrebigkeit der Zeit nach Mitternacht.



Die Großtante des Jungen fleht um Gnade. ,,Er ist doch noch ein Kind. Und nicht von hier. Was weiß der schon, der Junge? Er will doch niemanden etwas Böses."

Der Glatzkopf versetzt ihr mit dem Gewehrkolben einen Schlag an die Schläfe. Die beiden Weißen überwältigen den alten Mann. Sie packen den Jungen. So macht man das hier. Der Junge gehört ihnen.

Bobo - Emmett bleibt als Einziger ruhig. Er kommt aus Chicago, der großen Stadt im Norden. Er hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Er fällt nicht herein auf diese hinterwäldlerischen Drohgebärden, diese beiden Verrückten mit ihrem Schmierentheater, die ihre Nummer im einzigen Licht abziehen, bei dem man ihnen ihre Rolle abnimmt. Sie können ihm nichts anhaben. Er ist vierzehn; er ist unsterblich.

Die beiden Weißen führen Emmett ab, den Arm hinter den Rücken gedreht, marschieren mit ihm davon durch das nächtliche Gras. Er versucht sich aufzurichten, gerade zu gehen. Der mit dem verkniffenen Gesicht rammt ihm das Knie in die Leiste, und der Junge krümmt sich. Er schreit auf auf, und der Verkniffene schlägt dem Jungen sein Gewehr über den Schädel. Die Haut über Emmetts Auge platzt auf, eine klaffende Wunde. Sie binden ihn zusammen wie ein Kalb und werfen ihn auf die Pritsche ihres Pick - up. der Verkniffene fährt, der Glatzkopf sitzt hinten und drückt dem Jungen den Stiefel ins Gesicht.

Stundenlang fahren sie ihn über die schlaglochübersäten Strassen, unablässig schlägt er mit dem Kopf auf die metallene Ladefläche. Der Junge muss ja erst einmal einsehen, wie ungeheuerlich sein Verbrechen ist, bevor er anständig bestraft werden kann. Sie halten an und ziehen ihm mit der Pistole eins über, prügeln ihn von den Beinen bis hinauf zu den Schultern, damit der Gerechtigkeit Genüge getan ist.

,, Was hast du denn geglaubt, mit wem du da sprichst?" Die entscheidende Frage. Die ganze Nacht hindurch, während der Junge sich in einen stöhnenden Klumpen Blut verwandelte, haben sie sich Mut dafür gemacht. ,,Hast du keine Augen in im Kopf ?Hast du vielleicht gedacht, das ist eine schwarze Schlampe da in dem Laden?" die Augen des Verkniffenen, schlaffe Schildkrötenlider, erwachen zum Leben. ,,Das ist meine Frau, Niggerjunge. Meine Frau. Keine billige schwarze Hure."

Er genießt jedes Wort - Schlampe, Hure, Niger, weiße Frau - ,und jeden neuen Satz der Lektion untermahlt er mit einem Schlag des Gewehrkolbens. Er arbeitet unermüdlich, und trotzdem verschwindet der Makel der Untreue nicht. Er zieht den Jungen aus, schlägt ihn vor die nackte Brust, auf Schultern, Füße, Beine, Geschlecht. Jedes Stück dieses Fleisches, das sich gegen die Regeln aufzulehnen wagte, muss seine Überlegenheit spüren. ...

Der Junge antwortet schon lange nicht mehr. Aber selbst das Schreiben empfinden sie als Trotz. Die beiden Männer - der Ehemann der befleckten Frau und sein Halbbruder - nehmen sich seine nackten Leib vor:auf der Lastwagenpritsche, Schläge, Frage, Schläge, geduldige Lehrer, die nur ein wenig spät mit ihrer Unterrichtsstunde dran sind. ...

Später erzählen sie es, in allen Einzelheiten der Zeitschrift Look, verkaufen ihre Beichte für ein paar Dollar. Sie wollen ihn nur einschüchtern. Aber die Sturheit des Jungen, der nicht bereit ist seine Fehler einzusehen, lässt ihnen keine andere Wahl. Sie werfen ihn wieder auf den Wagen und fahren hinaus zu Milams Farm. Sie suchen im Schuppen und kommen mit der großen Spindel einer Baumwollentkörnungsmaschine hervor. Bryant, der Ehemann mit dem verkniffenen Gesicht, will sie in den Lastwagen wuchten. Sein Halbbruder Milam hält ihn auf.

,,Boy, was zum Teufel machst du denn da?"

Roy Bryant blickt zu Boden und lacht. ,,Da hast du Recht, J. W. Blöd von mir. Kommt davon, wenn man sich die Nacht um die Ohren schlägt."

Sie zwingen den Jungen sie aufzuladen. Bobo, der kaum mehr als die Spindel wiegt. Emmett, den die Weißen schon fast bewusstlos geschlagen haben. Er strauchelt unter dem ungeheuren Gewicht des Stahls, aber es gelingt ihm, ihn ohne Unterstützung in den Wagen zu wuchten. ...

Sie drohen ihm, sie werden ihm die Spindel mit Stacheldraht um den Hals binden. Bryant redet eindringlich auf ihn ein. ,,Verstehst du, Junge? Verstehst du, dass du uns dazu zwingst, das zu tun?" ...

Der Junge zeigte keinerlei Anzeichen von Reue, werden sie der Illustrierten später sagen. Er weigerte sich, seinen Fehler zuzugeben.

Milam wühlt in den blutbesudelten Kleidungstücken, während sein Halbbruder die Predigt hält. Er will sehen, was so ein schwarzer Junge für Unterhosen trägt. Er durchsucht Tills Taschen. Er reißt die Geldbörse auf und findet das Foto.

,,Roy". Milams Stimme ist wie Metall. ,,Sieh dir das an."

Das Foto wandert von Hand zu hand, im Schein der Taschenlampe. Ein harmloser Gegenstand. Er rüttelt an den Grundfesten des Universums. Bryant geht mit dem Foto zum Ufer und hält es dem Jungen vor das geschundene Gesicht. ,,Wo hast du das her, Junge?"

Von dem Jungen ist nicht mehr viel übrig, deshalb bekommt er keine Antwort. Dem Schweigen folgt eine neue Runde der Brutalität.

,,Wem hast du das gestohlen? Du solltest uns lieber gleich alles sagen. Sofort."
Sie könnten ebenso gut eine Antwort vom Erdboden verlangen, in den sie ihn hineinprügeln. Die Zeit zerfließt wie der Strassenteer im August. Die Fragen schwellen an, und jedes Wort birgt in seinem Kern eine brutale Ewigkeit: Sie schlagen ihn mit einem Schraubenschlüssel. Jeder Schlag ist endlos.

,,Wer ist dieses Mädchen? Was hast du mit ihr gemacht, du Scheißnigger?"

Emmett kehrt zurück von einem Ort, von wo er besser nicht entkommen wäre. Das Haus ist niedergebrannt, und es würde ihm auch nicht viel nützen, selbst wenn sie ihn am Leben ließen. Das Leben, das sie in ihrer Gewalt haben, bedeutet ihm nichts. Alle Vernunft ist zum Stillstand gekommen. Aber irgendwie kommt er zurück, findet das zerschmetterte Gehirn, den eingedrückten Kehlkopf.

,,Das ist meine Freundin."

Sein Verbrechen ist schlimmer als Vergewaltigung, schlimmer als Mord. Ein Schlag ins Gesicht der gesamten Schöpfung. Die Weißen tun, was sie tun müssen - sie handeln ohne Zorn, ohne Hysterie, ohne Hintergedanken. Das Töten ist ein tief sitzender Reflex, noch elementarer als Notwehr. Sie Jagen dem Vierzehnjährigen eine Kugel durch den Kopf, wie einem tollwütigen Tier. Ein verzweifelter Schutzmechanismus zur Sicherung der Art.

Mit einem Stacheldraht binden sie der Leiche die Spindel um den Hals. Dann werfen sie den toten Körper in den Fluss, wo er nie wieder jemanden bedrohen kann. Sie kehren zurück in den Schoss der Familien, deren Sicherheit sie in dieser Nacht verteidigt haben.

Als der Junge nicht nach Hause kommt, wendet Mose Wright sich an die Behörden, doch die denken nicht daran, etwas zu tun. Aber er ruft auch die Mutter des Jungen an, und die alarmiert die Chicagoer Polizei. Auf den Druck von außen hin setzen sich die örtlichen Gesetzeshüter in Bewegung. Die Polizei von Money verhaftet die beiden Männer, die aussagen, sie hätten den Jungen mitgenommen und ihm ordentlich Angst eingejagt, aber danach hätten sie ihn wieder laufen lassen.

Am dritten Tag taucht die versenkte Leiche wieder auf. Sie verfängt sich im Angelhaken eines weißen Jungen, der zunächst glaubt, er habe ein urzeitliches Wasserungeheuer gefangen. Nachdem es den toten Körper an Land gezogen hat, braucht das angelnde Kind einige Augenblicke, bis es erkennt, das sein Fang ein menschliches Wesen ist. Durch die brutalen Schläge ist jeder Zoll bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Selbst Mose Wright kann seinen Großneffen erst identifizieren, als er den Siegelring von Emmetts verstorbenen Vater entdeckt, den der Sohn immer an seinen schlanken Finger trägt.

Der Sheriff will den Toten so rasch wie möglich unter die Erde bringen. Aber Emmetts Mutter widersetzt sich der Polizei und besteht darauf, das die Leiche ihres Sohnes nach Chicago überführt wird. Wider Erwarten überwindet sie alle Hindernisse und setzt ihren Willen durch. Die Leiche kehrt mit dem Zug zurück nach Norden. Obwohl die Behörden angeordnet haben, dass der Sarg nicht mehr geöffnet werden darf, gleich auf dem Bahnhof von Chicago. Entgegen der Order schaut sie in den Sarg und bricht ohnmächtig zusammen. Als sie wieder zu sich kommt, ist sie fest entschlossen, dass die Welt sehen soll, was sie ihrem Jungen angetan hat.

Emmett Till im offenen Sarg

Die Welt würde lieber den Blick abwenden, aber das gelingt nicht. In der Illustrierten Jet erscheint ein Foto, und das wird überall in der schwarzen Presse nachgedruckt - und nicht nur da. Auf dem Bild trägt der Junge wieder sein weißes Weihnachtshemd, frisch gestärkt, die schwarze Jacke darüber. Diese Kleidungstücke sind das einzige Anzeichen dafür, dass das Foto ein menschliches Wesen zeigt. Dass der Beerdigungsunternehmer, der den Leichnam ankleiden musste, das überlebt hat, grenzt an ein wunder. Das Gesicht ist eine geschmolzene Gummimaske, ein Stück verrottetes Gemüse, aufgeschwemmt und entstellt. Die untere Hälfte eine einzige konturlose Masse. Das Ohr ist abgesengt. Wo einmal Nase und Augen waren, kann man nur noch vermuten.  

Fortsetzung:  Der Prozess (Part 4)