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August 1955 (Part:1)
Das Foto
Das Ende eines langen Sommers. Der Junge ist vierzehn,
ein freundliches Kind mit offenem, runden Gesicht.
Niemand auf der ganzen Welt strahlt mehr
Selbstvertrauen aus. Er marschiert in einem
Eisenbahnwagen Richtung Süden mit schwungvollen
Schritten den Gang entlang, als sei das jedermanns
gutes Recht.
In der Tasche seiner adretten Hose steckt ein Foto vom
letzten Weihnachtsfest: Ein frisch gebackener Teenager
an der Seite seiner stolzen Mutter. Auf dem Bild
trägt er die Haare kurz, wie alle Jungen in seinem
Alter. Das nagelneue Festtagshemd, blütenweiß und
konzertfein, hat noch die Kniffe aus dem Laden. Unter
den gestärkten Pfeilspitzen des Hemdkragens schaut
eine neue Krawatte hervor, mit einem goldenen Streifen
in der Mitte. Sein Gesicht strahlt, ein
Dreiviertelmond, bei dem der Erdschatten nur den
äußersten rechten Rand verdunkelt. Er blickt voller
Selbstvertrauen in die Welt, als sei er dazu
ausersehen, bei einer feierlichen Hochzeit dem
Brautpaar die Eheringe voranzutragen. Das ganze Leben
liegt vor ihm. Seine kindliche Schönheit macht ihn
glücklich; vielleicht ist es auch umgekehrt, und das
Glück macht ihn schön.
Die Mutter auf dem Schwarzweißfoto trägt Blau. Ihr
Kleid hat einen weißen Spitzenkragen und weite
Rüschenärmel. Die Kette um ihren Hals blitzt
festtäglich. Die lockigen Haare sind hoch gesteckt.
Sie legt ihrem Sohn die rechte Hand um die Schultern.
Der Junge blickt direkt in die Kamera, aber die Frau
lächelt in die Ferne, über den Rand des Fotos, an
ihrem Jungen vorbei, die weichen , rot geschminkten
Lippen ein wenig geöffnet. Ihre Augen funkeln, denn
sie denkt an die Weihnachtsüberraschung, die sie für
später am Nachmittag geplant hat. ... Sie hat den
Jungen zu Verwandten nach Mississippi geschickt, ein
paar Tage Ferien auf dem Land, bevor die Schule wieder
anfängt.

Noch ehe der Junge sein Ziel erreicht. hat er den Zug
im Sturm erobert. Wildfremde Mitreisende wünschen ihm
alles Gute, als er in einem winzigen Deltastädtchen
namens Money aussteigt. Schon auf dem Bahnsteig
umringt ihn eine Horde von Jungs, und sie schließen
sofort Freundschaft. Er kommt ihnen vor wie ein Wesen
von einem anderen Stern. Die Kleidung, das Auftreten,
seine Art zu sprechen: So wie er sich in ihrer Mitte
bewegt, voller Selbstvertrauen und immer zu einem
Scherz oder einer Aufschneiderei bereit, hat er nichts
auf der Welt mit seinen Blutsverwandten gemein. Außer
dem Blut.
Seine Mutter hat ihm eingeschärft, er soll sich
anständig benehmen, in der Fremde. Aber jetzt, in der
Fremde, weiß er nicht mehr, was das heißt. Diese
Provinzstadt ist träge und unkrautüberwuchert und
leicht in Erstaunen zu versetzen. Wo immer er
auftaucht, auf diesen von der Hitze aufgeweichten
Teerstrassen, scharen sich die Jungen um ihn; sie
lechzen nach Sensationen, auch wenn sie es bis zu
seiner Ankunft nicht wußten. ...
Sie wollen Geschichten aus der Stadt hören, je abwegiger desto besser. ,,Da wohne ich", sagt
Bobo, ,,ist alles anders. Wir können tun und lassen
was wir wollen. In meiner Schule? Da gehen Schwarze
und Weiße in einer Klasse, im gleichen Klassenzimmer.
Reden miteinander, sind Freunde. Ehrlich, ohne Quatsch".
Die Vettern aus dem Süden lachen ihn aus, den
Spinner.
,,Da. Seht doch selbst", Bobo zeigt ihnen ein
Foto von seinen Schulfreunden; er hat es in der
Geldbörse, zusammen mit dem Weihnachtsfoto. Den Jungs
aus dem Delta bleibt das Lachen im Halse stecken. Sie
sind starr vor Staunen. Sie können nicht wissen, dass
dieser Irrsinn - umgehend und mit dem
gebotenen Nachdruck - überall
eingeführt werden soll. Sie haben nicht gehört, dass
die Männer, die in Jackson, der Hauptstadt des
Staates Mississippi, das Sagen haben, sich in diesem
Sommer stolz erhobenen Hauptes zu Gesetzesbrechern
erklärt haben. Für die Jungs auf der staubigen,
unkrautüberwucherten Strasse in Money ist all das
weiter weg als der Mond.
Schaut mal hier, sagt der Junge namens Bobo. Er zeigt
mit dem Daumen auf ein Mädchen. Zerbrechlich, blond,
anämisch - auf ihre kränkliche Weise fast schön.
Für die Jungen, die sich um das Foto drängen, ist es
das Gesicht eines fremden Lebewesens. Mit so etwas kann
man doch nicht reden, genauso wenig wie man durchs
Feuer gehen kann. ,,Seht ihr die?", fragt Bobo
seine ländliche Jüngerschar. ,,Das ist meine
Freundin."...
,,Du Lügner. Du willst uns verarschen. Für wie blöd
hältst du uns eigentlich?"
Bobo lacht einfach nur. ,,Wenn ich ´s euch doch sage,
das ist meine Freundin. Über so was macht man keine
Witze."
Die Zuhörer können ihn nicht einmal verspotten. Wozu
sollen sie sich diesen Blödsinn überhaupt anhören?
Das Foto, das Mädchen, das Wort Freundin - das
sind doch Hirngespinste; er will sie einfach nur
herausfordern. Noch nicht einmal im Norden ist so
etwas möglich. Der Junge hat ein brennendes
Streichholz in der Hand und eine Stange Dynamit im
Mund. Er will sie allesamt in Schwierigkeiten bringen.
Die anderen wichen vor dem Foto zurück wie vor
Rauschgift, Pornographie oder Diebesgut. Und aus dem
gleichen Grund kommen sie auch wieder näher und sehen
es sich noch einmal ganz genau an.
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