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Emmett und Mutter

The Death  of Emmett Till

Nacherzählt
  von
 Richard Powers

Der 
Klang der Zeit

S. Fischer Verlag

Emmett Till


S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004 ISBN 310059021X,
Gebunden 764 Seiten, 22,90 EUR



Der Song Das Foto Der Anlass Der Mord Der Prozess Emmett heute






August 1955 
(Part:1)


Das Foto
Das Ende eines langen Sommers. Der Junge ist vierzehn, ein freundliches Kind mit offenem, runden Gesicht. Niemand auf der ganzen Welt strahlt mehr Selbstvertrauen aus. Er marschiert in einem Eisenbahnwagen Richtung Süden mit schwungvollen Schritten den Gang entlang, als sei das jedermanns gutes Recht. 

Emmett Till and his mother, Mrs. Mamie Bradley, 1954.


In der Tasche seiner adretten Hose steckt ein Foto vom letzten Weihnachtsfest: Ein frisch gebackener Teenager an der Seite seiner stolzen Mutter. Auf dem Bild trägt er die Haare kurz, wie alle Jungen in seinem Alter. Das nagelneue Festtagshemd, blütenweiß und konzertfein, hat noch die Kniffe aus dem Laden. Unter den gestärkten Pfeilspitzen des Hemdkragens schaut eine neue Krawatte hervor, mit einem goldenen Streifen in der Mitte. Sein Gesicht strahlt, ein Dreiviertelmond, bei dem der Erdschatten nur den äußersten rechten Rand verdunkelt. Er blickt voller Selbstvertrauen in die Welt, als sei er dazu ausersehen, bei einer feierlichen Hochzeit dem Brautpaar die Eheringe voranzutragen. Das ganze Leben liegt vor ihm. Seine kindliche Schönheit macht ihn glücklich; vielleicht ist es auch umgekehrt, und das Glück macht ihn schön.

Die Mutter auf dem Schwarzweißfoto trägt Blau. Ihr Kleid hat einen weißen Spitzenkragen und weite Rüschenärmel. Die Kette um ihren Hals blitzt festtäglich. Die lockigen Haare sind hoch gesteckt. Sie legt ihrem Sohn die rechte Hand um die Schultern. Der Junge blickt direkt in die Kamera, aber die Frau lächelt in die Ferne, über den Rand des Fotos, an ihrem Jungen vorbei, die weichen , rot geschminkten Lippen ein wenig geöffnet. Ihre Augen funkeln, denn sie denkt an die Weihnachtsüberraschung, die sie für später am Nachmittag geplant hat. ... Sie hat den Jungen zu Verwandten nach Mississippi geschickt, ein paar Tage Ferien auf dem Land, bevor die Schule wieder anfängt.



Noch ehe der Junge sein Ziel erreicht. hat er den Zug im Sturm erobert. Wildfremde Mitreisende wünschen ihm alles Gute, als er in einem winzigen Deltastädtchen namens Money aussteigt. Schon auf dem Bahnsteig umringt ihn eine Horde von Jungs, und sie schließen sofort Freundschaft. Er kommt ihnen vor wie ein Wesen von einem anderen Stern. Die Kleidung, das Auftreten, seine Art zu sprechen: So wie er sich in ihrer Mitte bewegt, voller Selbstvertrauen und immer zu einem Scherz oder einer Aufschneiderei bereit, hat er nichts auf der Welt mit seinen Blutsverwandten gemein. Außer dem Blut.

Seine Mutter hat ihm eingeschärft, er soll sich anständig benehmen, in der Fremde. Aber jetzt, in der Fremde, weiß er nicht mehr, was das heißt. Diese Provinzstadt ist träge und unkrautüberwuchert und leicht in Erstaunen zu versetzen. Wo immer er auftaucht, auf diesen von der Hitze aufgeweichten Teerstrassen, scharen sich die Jungen um ihn; sie lechzen nach Sensationen, auch wenn sie es bis zu seiner Ankunft nicht wußten. ...

Sie wollen Geschichten aus der Stadt hören, je abwegiger desto besser. ,,Da wohne ich", sagt Bobo, ,,ist alles anders. Wir können tun und lassen was wir wollen. In meiner Schule? Da gehen Schwarze und Weiße in einer Klasse, im gleichen Klassenzimmer. Reden miteinander, sind Freunde. Ehrlich, ohne Quatsch".

Die Vettern aus dem Süden lachen ihn aus, den Spinner.

,,Da. Seht doch selbst", Bobo zeigt ihnen ein Foto von seinen Schulfreunden; er hat es in der Geldbörse, zusammen mit dem Weihnachtsfoto. Den Jungs aus dem Delta bleibt das Lachen im Halse stecken. Sie sind starr vor Staunen. Sie können nicht wissen, dass dieser Irrsinn - umgehend und mit dem gebotenen  Nachdruck  - überall eingeführt werden soll. Sie haben nicht gehört, dass die Männer, die in Jackson, der Hauptstadt des Staates Mississippi, das Sagen haben, sich in diesem Sommer stolz erhobenen Hauptes zu Gesetzesbrechern erklärt haben. Für die Jungs auf der staubigen, unkrautüberwucherten Strasse in Money ist all das weiter weg als der Mond.

Schaut mal hier, sagt der Junge namens Bobo. Er zeigt mit dem Daumen auf ein Mädchen. Zerbrechlich, blond, anämisch - auf ihre kränkliche Weise fast schön. Für die Jungen, die sich um das Foto drängen, ist es das Gesicht eines fremden Lebewesens. Mit so etwas kann man doch nicht reden, genauso wenig wie man durchs Feuer gehen kann. ,,Seht ihr die?", fragt Bobo seine ländliche Jüngerschar. ,,Das ist meine Freundin."...

,,Du Lügner. Du willst uns verarschen. Für wie blöd hältst du uns eigentlich?"
Bobo lacht einfach nur. ,,Wenn ich ´s euch doch sage, das ist meine Freundin. Über so was macht man keine Witze."

Die Zuhörer können ihn nicht einmal verspotten. Wozu sollen sie sich diesen Blödsinn überhaupt anhören? Das Foto, das Mädchen, das Wort Freundin - das sind doch Hirngespinste; er will sie einfach nur herausfordern. Noch nicht einmal im Norden ist so etwas möglich. Der Junge hat ein brennendes Streichholz in der Hand und eine Stange Dynamit im Mund. Er will sie allesamt in Schwierigkeiten bringen. Die anderen wichen vor dem Foto zurück wie vor Rauschgift, Pornographie oder Diebesgut. Und aus dem gleichen Grund kommen sie auch wieder näher und sehen es sich noch einmal ganz genau an. 

Fortsetzung:  Der Anlass (Part 2)