n.B.u
WORMS 
REVIEW

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Dylan in Worms 2004 - Bootlegcover


Worms 2004

Wormser Zeitung
von
Jens Frederiksen


Rätselhafter Barde ganz in schwarz

Ein Riesenrepertoire gegen den Strich gebürstet
Bob Dylan mit Band vor 2800 Fans in Worms

Das Mikrophon in der Bühnenmitte bleibt unberührt. Der Meister verschanzt sich links außen hinter E-Piano und Zweit-Mikro, ist allenfalls mal mit eigenartig tastenden Bewegungen und maskenhaft starrem Gesicht im Hintergrund unterwegs. Kein Griff zur bereitgestellten Gitarre, kein Ausflug nach vorn an die Rampe, kein Blick ins Publikum - und fast kein Wort. Nur zur Vorstellung seiner Band kurz vor Schluss kommt er für Sekunden aus der Deckung, verlagert unruhig das Gewicht von einem Bein aufs andere und zernuschelt, was angesichts der wenigen Worte kaum zu zernuscheln ist.

Bob Dylan vor 2800 Zuschauern in Worms vor dem Westchor des Doms - das ist der Kurzbesuch eines ewig Rastlosen, eines gespenstisch Unbeteiligten. Nicht ein einziges Mal verzieht er während seines genau zweistündigen Auftritts die Miene. Und trotzdem spielt er ein großes Konzert.

Es geht los mit "The Wicked Messenger", einer bösen Fußnote von der "John Wesley Harding"-Platte zur Gier des Publikums, sich belügen und immer wieder um den Finger wickeln zu lassen. Doch in Worms wird weder gelogen noch schön getan - das Stück ist in ein knochentrockenes Rock-Arrangement gepackt, und Dylan schnarrt den Text heraus, dass die Tünche von den Reklamewänden platzt.

Das anschließende "It´s All Over Now, Baby Blue" birgt dann gleich zwei gute Nachrichten. Zum einen: Die vier Mannen der Begleitband, seit Jahren auf Dylan eingeschworen, sind nach wie vor eine sichere Bank, machen jeden Exkurs, jede Eskapade des missvergnügt unter seinem schwarzen Hut hervorblickenden 63-Jährigen hinter dem E-Piano mit. Diesmal treibt er sie in ein kraftvolles Country-Arrangement, zu dem er auch eine völlig neue Melodie ausgetüftelt hat. Und diese - Überraschung Nummer Zwei - erschöpft sich nicht mehr im bloßen Zersingen der bekannten alten, sie entfaltet ihren eigenen Reiz, ihre eigene Schönheit, die durch Dylans abrupt wegsackenden Sprechgesang, auch durch das krähende Überdehnen der Vers-Enden allerdings kräftig gegen den Strich gebürstet wird.

Zahlreiche Songs von seiner jüngsten Studioplatte "Love And Theft" machen das Wormser Konzert in der Folge aber eher zu einer Blues- und Rock´n´Roll-Session. Das stampft und ächzt - und dann wieder klirrt und scheppert es, als müsse Bill Haley die Reverenz erwiesen werden. Und Dylan röhrt, gurgelt, näselt dazu nach Herzenslust.

Die Höhepunkte des Konzerts freilich sind andere. Der uralte, um zwei Töne herumgewickelte Klagegesang über den Tagelöhner Hollis Brown gehört dazu - vor allem aber die wunderbare Ballade von dem rätselhaften "Man In The Long Black Coat", der predigend über Land zieht und eines Tages spurlos mit der schönsten Frau der Stadt verschwindet. Dylan gibt hierbei zu einem prachtvollen Klangteppich aus aufgelösten Akkorden und schweren Schlagzeug-Beats den Geschichtenerzähler alter Schule, er röchelt, wispert, unterstreicht die Dramatik des Geschehens durch düstere Stimm-Modulationen. Toll!

Das Zugaben-Set schließlich, bestehend aus "Tangled Up In Blue", "Like A Rolling Stone" und "All Along The Watchtower", überrollt das Publikum wie eine Lawine. Strahlende Akkorde von der spanischen Gitarre hier, das einsame Jaulen der Steel-Guitar dort: Die Arrangements sind glänzend - und Dylans brüchige Stimme steht in kernigem Kontrast dazu. Aber wenn man ihn dann schier hilflos zum Bühnenrand davontänzeln sieht, mischt sich unter die Faszination unweigerlich ein gehörige Portion Beklommenheit.

 


Dylan in Worms 2004 - Bootlegcover