Ein
Riesenrepertoire gegen den Strich gebürstet
Bob Dylan mit Band vor 2800 Fans in Worms
Das
Mikrophon in der Bühnenmitte bleibt
unberührt. Der Meister verschanzt sich
links außen hinter E-Piano und Zweit-Mikro,
ist allenfalls mal mit eigenartig tastenden
Bewegungen und maskenhaft starrem Gesicht im
Hintergrund unterwegs. Kein Griff zur
bereitgestellten Gitarre, kein Ausflug nach
vorn an die Rampe, kein Blick ins Publikum -
und fast kein Wort. Nur zur Vorstellung
seiner Band kurz vor Schluss kommt er für
Sekunden aus der Deckung, verlagert unruhig
das Gewicht von einem Bein aufs andere und
zernuschelt, was angesichts der wenigen
Worte kaum zu zernuscheln ist.
Bob
Dylan vor 2800 Zuschauern in Worms vor dem
Westchor des Doms - das ist der Kurzbesuch
eines ewig Rastlosen, eines gespenstisch
Unbeteiligten. Nicht ein einziges Mal
verzieht er während seines genau
zweistündigen Auftritts die Miene. Und
trotzdem spielt er ein großes Konzert.
Es
geht los mit "The Wicked Messenger",
einer bösen Fußnote von der "John
Wesley Harding"-Platte zur Gier des
Publikums, sich belügen und immer wieder um
den Finger wickeln zu lassen. Doch in Worms
wird weder gelogen noch schön getan - das
Stück ist in ein knochentrockenes
Rock-Arrangement gepackt, und Dylan schnarrt
den Text heraus, dass die Tünche von den
Reklamewänden platzt.
Das
anschließende "It´s All Over Now,
Baby Blue" birgt dann gleich zwei gute
Nachrichten. Zum einen: Die vier Mannen der
Begleitband, seit Jahren auf Dylan
eingeschworen, sind nach wie vor eine
sichere Bank, machen jeden Exkurs, jede
Eskapade des missvergnügt unter seinem
schwarzen Hut hervorblickenden 63-Jährigen
hinter dem E-Piano mit. Diesmal treibt er
sie in ein kraftvolles Country-Arrangement,
zu dem er auch eine völlig neue Melodie
ausgetüftelt hat. Und diese - Überraschung
Nummer Zwei - erschöpft sich nicht mehr im
bloßen Zersingen der bekannten alten, sie
entfaltet ihren eigenen Reiz, ihre eigene
Schönheit, die durch Dylans abrupt
wegsackenden Sprechgesang, auch durch das
krähende Überdehnen der Vers-Enden
allerdings kräftig gegen den Strich
gebürstet wird.
Zahlreiche
Songs von seiner jüngsten Studioplatte
"Love And Theft" machen das
Wormser Konzert in der Folge aber eher zu
einer Blues- und Rock´n´Roll-Session. Das
stampft und ächzt - und dann wieder klirrt
und scheppert es, als müsse Bill Haley die
Reverenz erwiesen werden. Und Dylan röhrt,
gurgelt, näselt dazu nach Herzenslust.
Die
Höhepunkte des Konzerts freilich sind
andere. Der uralte, um zwei Töne
herumgewickelte Klagegesang über den
Tagelöhner Hollis Brown gehört dazu - vor
allem aber die wunderbare Ballade von dem
rätselhaften "Man In The Long Black
Coat", der predigend über Land zieht
und eines Tages spurlos mit der schönsten
Frau der Stadt verschwindet. Dylan gibt
hierbei zu einem prachtvollen Klangteppich
aus aufgelösten Akkorden und schweren
Schlagzeug-Beats den Geschichtenerzähler
alter Schule, er röchelt, wispert,
unterstreicht die Dramatik des Geschehens
durch düstere Stimm-Modulationen. Toll!
Das
Zugaben-Set schließlich, bestehend aus
"Tangled Up In Blue", "Like A
Rolling Stone" und "All Along The
Watchtower", überrollt das Publikum
wie eine Lawine. Strahlende Akkorde von der
spanischen Gitarre hier, das einsame Jaulen
der Steel-Guitar dort: Die Arrangements sind
glänzend - und Dylans brüchige Stimme
steht in kernigem Kontrast dazu. Aber wenn
man ihn dann schier hilflos zum Bühnenrand
davontänzeln sieht, mischt sich unter die
Faszination unweigerlich ein gehörige
Portion Beklommenheit.