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Dylan in Stuttart 2000


Stuttgart 2000
Die Welt
von
Wolfgang Büscher


Der Mann hinter der Dylan-Maske

Bei seinen Liedern sehen die Zuschauer ihr eigenes Leben an sich 
vorüberziehen: Bob Dylan auf Tournee in Deutschland

Das Wichtigste vorweg: Er hat genau zwei Stunden
gespielt, aber nur drei Stücke aus Time out of mind. Und er ist derzeit 
nicht zum Zersägen aufgelegt. Wäre es nicht gar so unpassend, man 
möchte sagen, er spiele sein Werk vom Blatt. Sonst ist natürlich alles so irritierend vertraut, so absurd und so zart wie je. Und es gibt wie 
immer zwei Möglichkeiten, nur diese zwei: Vor der Hülle aus 
Dylan-Patina zu verharren und ihn die ganze Zeit anzustarren und 
durch das Konzert zu gehen wie durch ein Wachsfigurenkabinett
des eigenen Lebens. Oder alle Gedanken fahren zu lassen und die Selbstbeobachtung hinter sich zu werfen wie ein ausgetrunkenes Glas. 
Gehst Du also zu Dylan, Oberhausener, Kölner, Bielefelder, Berliner, 
Görlitzer, Dresdner, Regensburger - Du tust gut daran, Dich mit ein 
wenig Ironie zu wappnen und mit einer reinen, des Erstaunens fähigen
Seele. Die Ironie brauchst Du, solange im Saal die Lichter brennen, 
das andere später. 

Es gibt kleine Vorzeichen. Die Stuttgarter S-Bahn hat in ihren 
Zügen Gedichte unter die Reklametafeln gemischt. Kleine Kassiber 
unbekannter Autoren. Zeilen über einen Strandgang und die Spur 
eines Lebens im Sand. "Die nächste Welle löscht es mit." Schlichtes 
Blues-Zeug, wenn man will. Kein Grund, nach der Lektüre sein 
Leben zu ändern, wie Rilke es fordert. Eine halbe Stunde und ein
paar Meter vor dem Konzert ist es nicht mehr so harmlos. Ein Mann 
zieht sich auf offener Straße um, unter der Fußgängerbrücke der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Hastig und verschämt wechselt er sein 
weißes Hemd und die Jacke seines dunklen Anzuges gegen ein 
schwarzes T-Shirt und eine schwarze Lederjacke aus. Ein anderer hat 
sich als Bob Dylan der Jüngere verkleidet; heller, hoher Schlapphut 
über dem alten Gesicht, bunt umwickelt, mit Feder. Wieder ein 
anderer hat Dylan als T-Shirt übergezogen und dessen Antlitz auf 
die Kugel gespannt - der Bauch wölbt den Bob. 
Auf dem Weg in den Saal fliegen einem Sätze wie aus 
Botho-Strauss-Stücken um die Ohren. Ein Mann bekennt fröhlich: 
"Ich bin seit heute Brillenträger." Er ist nicht allein. Tausende von 
ihnen sind da. Bart-, Glatzen-, Schlips- und Mandatsträger, die 
Leistungsträger nicht zu vergessen. Filialleiter und Volljuristen, 
Firmen- und Lehrstuhlinhaber. Sie alle sind von der Schwäbischen
Alb herunter und aus dem Rheintal herauf gekommen, nicht 
bloß der Typus rüstiger Oberstudienrat und in die Jahre gekommener 
Freak. Auch Jugend ist da, in der Minderheit natürlich und ein 
wenig befangen vorerst, wie man sich eben fühlt auf der Party seiner 
Eltern. Die ganze riesige Halle ist bestuhlt wie zu einem Parteitag.
Dicht vor der Bühne drängen sich die, denen es zu dumm ist, sich 
platzieren zu lassen, und machen sich gegenseitig Mut, die Drohungen 
der Ordner zu ignorieren. Man kann durchaus über sich selbst lachen, 
über die ermutigungsbedürftige kleine Bangigkeit vor lächerlichen 
drei Ordnern. So ist das, wenn der kleine Hunger kommt nach dem 
kurzen Sommer der Rebellion. Es ist ein bisschen lustig und tut ein 
bisschen weh. Genug Soziologie, die Lichter gehen aus. 

Fünf vor acht. Räucherstäbchen werden auf die Bühne gebracht, 
dicke, qualmende Büschel. Er mag das. Er will es so. Er kommt jeden 
Moment. Zehn nach acht. Er ist da. Ein hagerer Mensch in sandfarbenem Western-Anzug, das Longjackett fällt und schlottert, das hat es mit 
dem großen weißen Hemdkragen und dem schwarzen Yankee-Binder 
gemein. Er singt richtig. Er trägt vor. Alle fünf tragen vor. Sehr 
konzertant, sehr clubhaft. Sie stehen auf der Bühne, als ständen sie vor 
der kleinen Aula einer kleinen Stadt. Als hörten in der letzten Reihe 
die gerührten Eltern zu. Dazu passt hervorragend die Jugend seiner beiden Gitarristen. Er selbst ist der alte Gambler, er hat alles gesehen, alles 
gespielt. Er zieht durch die Welt, wie absichtslos. Seit über zehn 
Jahren macht er das jetzt - seit weit über tausend Konzerten. Er tanzt 
ein bisschen. Rückt ein wenig heraus von seinen gekonnt linkischen Verrenkungen. Übt das seitliche Einknicken der Knie nach innen, 
das Ausstellen der Gitarre nach vorn. Zeigt den Dylan vor. Den Sänger 
und ewigen Streuner auf seiner "never ending tour" über die Dörfer 
dieser Welt. Sie heißen New York und Gotha, Westpoint - 
Militärakademie und Duluth. Das ist das Dorf in the middle of nowhere, 
aus dem er stammt. Eine seiner rätselvollsten Masken ist sein
Lächeln. Es ist kurz da und wieder weg. Er lächelt wie Tiere lächeln. 
Hunde und Katzen. Man hat keine Ahnung, ob sie es so meinen wie 
man es sieht. 

In einem Interview hat er über sich selbst als dem Mann hinter 
der Bob-Dylan-Maske gesprochen. Interviews mit ihm sind Teil des 
Maskenballs. Er dementiert alles. Jeder angetragenen Bedeutung. 
Ein ernsthafter Dichter muss das tun. Er muss, wie Dylan, sagen: Da, 
heute bin ich rechts und morgen bin ich links, gestern war ich düster, 
und heute abend spiele ich nur. Wenn Dylanologen ihn auslegen, liest 
sich das, als ob Weinpäpste von Schwarzbeerentönen und Zimtaromen 
reden. Dann fallen Worte wie "knäckebrottrocken" und 
"sommerleicht". Der ganze Spuk um ihn ist der Tribut des Dichters, 
der sich als Popstar verkleidet. Musik und Lyrik, diese beiden, sind 
ein mächtiges Paar. Sie sind, wenn sie gut sind, Magie. In den besten 
Momenten und Zeilen seines letzten großen Werks Time Out Of 
Minds
steckt mehr von diesem Stoff als in ganzen anämischen 
Romanen. Das lebenslange Versteckspiel des Robert Zimmermann - er 
setzte seine Dylan-Maske mit 21 auf - hat auch etwas Zeittypisches. Das, 
womit sich frühere Geschlechter beschäftigten außer der Arbeit - 
denken, dichten, glauben -, ist nicht verschwunden wie die Zyniker 
behaupten. Es hält sich nur versteckt. Religion und andere große Gefühle verschwinden nicht einfach. Sie wechseln nur die kommunizierende 
Röhre. Sie sind in die Popmusik ausgewandert. 

Dylan spielt gleich am Anfang das Lied von den Zeiten, die sich ändern. 
Den Refrain singt er lauter, er übersingt das Mitsingen. Er kann es 
nicht hören, das schunkelnde they are a-changing. Dann 
Desolation Row
. Die Lippen des Mannes neben mir sprechen tonlos jede Zeile mit wie ein Gebet. Ein geföhnter Dylanologe hält sein Aufnahmegerät hoch. Rechts kreischt dem Sänger eine Gruppe junger Engländer ihre 
Hit-Wünsche zu. "Watchtower! Watchtower!" Ich drehe mich um. 
Die erste Reihe ist aufgestanden. Männer um die 50 und darüber schauen halb staunend, halb skeptisch, ungeheuer ernst jedenfalls hin. Ich weiß, was sie sehen. Sie sehen ihr Leben an sich vorüberziehen und hören ein paar Wahrheiten, über die im Büro nicht gesprochen wird. 

Aus der ersten Reihe ist die Frau mit der Kurzhaarfrisur und dem 
langen Kleid aufgestanden und unserem Pulk beigetreten, wie es 
scheint, nicht so sehr aus Begeisterung, mehr aus Rechtsempfinden. 
Ich habe teuer bezahlt, und nun sehe ich nichts. Aber sie lächelt schon, 
und nicht wie der alte, magere Tanzkater da vorn auf der Bühne. 

Es geht hin und her zwischen Country und Rock. Zwischen Liebe 
und Zyne, zwischen Schmerz und Show. Dylan hat es hinter sich. Er 
ist der Junge aus diesem Dorf mit dem unaussprechlichen Namen, 
und um ein Dichter zu werden, ist er durch den Protest und den 
Rausch seiner Jugend gegangen, durch Unfälle und Abstürze und 
Moden, ohne das alles zu sein oder gar zu bleiben, mit Ausnahme der 
Religion, aber das wissen wir nicht. Vielleicht wusste man
zwischendurch nicht, wer er war: ein Dichter oder nur ein 
Generationen - Fuzzy. Jetzt weiß man es. 

Vor mir gerät ein Rock' n-Roll-Schrank in Rot mit langem, 
schwarzem Pferdeschwanz in Wallung. Er wirft die Arme hoch und 
will seinen Rock 'n Roll. Er kriegt ihn, wenn Dylan will. Er kriegt ihn 
auf Maggie 's Farm. Zwei Stücke später steht ein sehr zarter Mensch 
auf der Bühne. Er hält sein Instrument, sein Lied im Arm, als hielte er 
sich selbst. Es ist die Düsternis und die Einsamkeit eines älteren 
Mannes, der sich vor einem heißen Tag hinter Jalousien versteckt:  
Not Dark Yet. Dann wird es ihm zu viel, und die sentimentale 
Schlichtheit einer eigenen Zeile ist ihm plötzlich peinlich. Er stellt sie 
aus wie im Brecht-Theater, grimassierend, ein rollender Stein mit 
rollenden Augen. Es schmerzt ihn, wenn er kurz zur Mundharmonika 
greift und begeistertes Johlen einsetzt. Dann zuckt er drei Schritte 
zurück und schnurrt, ganz Katze, auf das unvermeidliche Mikrofon 
von der Seite her zu, wie zufällig und bringt das Ding schnell an die 
Lippen - und schnell wieder weg. 

Die Frau mit der Kurzhaarfrisur und der kleinen Collegebrille muss 
aufpassen. Ein Schritt zurück, und sie ist eine treu sorgende Hausfrau 
aus Stuhlreihe eins; das steht geschrieben in den Schicksalslinien in 
ihrem Gesicht. Sie tut jetzt einen Schritt vor, Richtung Bühne. Sie 
ist soweit. Sie könnte sich vorstellen, heute Abend mit ihm essen 
zu gehen.


Dylan in Stuttart 2000