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Der Mann hinter der
Dylan-Maske
Bei seinen Liedern sehen die Zuschauer ihr eigenes Leben an
sich
vorüberziehen: Bob Dylan auf Tournee in Deutschland
Das Wichtigste vorweg: Er hat genau zwei Stunden
gespielt, aber nur drei Stücke aus Time out of mind. Und er
ist derzeit
nicht zum Zersägen aufgelegt. Wäre es nicht gar so
unpassend, man
möchte sagen, er spiele sein Werk vom Blatt. Sonst ist natürlich
alles so irritierend vertraut, so absurd und so zart wie je.
Und es gibt wie
immer zwei Möglichkeiten, nur diese zwei: Vor der Hülle aus
Dylan-Patina zu verharren und ihn die ganze Zeit anzustarren
und
durch das Konzert zu gehen wie durch ein Wachsfigurenkabinett
des eigenen Lebens. Oder alle Gedanken fahren zu lassen
und die Selbstbeobachtung hinter sich zu werfen wie ein
ausgetrunkenes Glas.
Gehst Du also zu Dylan, Oberhausener, Kölner, Bielefelder,
Berliner,
Görlitzer, Dresdner, Regensburger - Du tust gut daran, Dich
mit ein
wenig Ironie zu wappnen und mit einer reinen, des Erstaunens fähigen
Seele. Die Ironie brauchst Du, solange im Saal die
Lichter brennen,
das andere später.
Es gibt kleine Vorzeichen. Die Stuttgarter S-Bahn hat in ihren
Zügen Gedichte unter die Reklametafeln gemischt. Kleine
Kassiber
unbekannter Autoren. Zeilen über einen Strandgang und die
Spur
eines Lebens im Sand. "Die nächste Welle löscht es
mit." Schlichtes
Blues-Zeug, wenn man will. Kein Grund, nach der Lektüre sein
Leben zu ändern, wie Rilke es fordert. Eine halbe Stunde und
ein
paar Meter vor dem Konzert ist es nicht mehr so harmlos. Ein
Mann
zieht sich auf offener Straße um, unter der Fußgängerbrücke
der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Hastig und verschämt
wechselt er sein
weißes Hemd und die Jacke seines dunklen Anzuges gegen ein
schwarzes T-Shirt und eine schwarze Lederjacke aus. Ein
anderer hat
sich als Bob Dylan der Jüngere verkleidet; heller, hoher
Schlapphut
über dem alten Gesicht, bunt umwickelt, mit Feder. Wieder ein
anderer hat Dylan als T-Shirt übergezogen und dessen Antlitz
auf
die Kugel gespannt - der Bauch wölbt den Bob.
Auf dem Weg in den Saal fliegen einem Sätze wie aus
Botho-Strauss-Stücken um die Ohren. Ein Mann bekennt fröhlich:
"Ich bin seit heute Brillenträger." Er ist nicht
allein. Tausende von
ihnen sind da. Bart-, Glatzen-, Schlips- und Mandatsträger,
die
Leistungsträger nicht zu vergessen. Filialleiter und
Volljuristen,
Firmen- und Lehrstuhlinhaber. Sie alle sind von der Schwäbischen
Alb herunter und aus dem Rheintal herauf gekommen, nicht
bloß der Typus rüstiger Oberstudienrat und in die Jahre
gekommener
Freak. Auch Jugend ist da, in der Minderheit natürlich und
ein
wenig befangen vorerst, wie man sich eben fühlt auf der Party
seiner
Eltern. Die ganze riesige Halle ist bestuhlt wie zu einem
Parteitag.
Dicht vor der Bühne drängen sich die, denen es zu dumm ist,
sich
platzieren zu lassen, und machen sich gegenseitig Mut, die
Drohungen
der Ordner zu ignorieren. Man kann durchaus über sich selbst
lachen,
über die ermutigungsbedürftige kleine Bangigkeit vor lächerlichen
drei Ordnern. So ist das, wenn der kleine Hunger kommt nach
dem
kurzen Sommer der Rebellion. Es ist ein bisschen lustig und
tut ein
bisschen weh. Genug Soziologie, die Lichter gehen aus.
Fünf vor acht. Räucherstäbchen werden auf die Bühne
gebracht,
dicke, qualmende Büschel. Er mag das. Er will es so. Er kommt
jeden
Moment. Zehn nach acht. Er ist da. Ein hagerer Mensch in
sandfarbenem Western-Anzug, das Longjackett fällt und
schlottert, das hat es mit
dem großen weißen Hemdkragen und dem schwarzen Yankee-Binder
gemein. Er singt richtig. Er trägt vor. Alle fünf tragen
vor. Sehr
konzertant, sehr clubhaft. Sie stehen auf der Bühne, als ständen
sie vor
der kleinen Aula einer kleinen Stadt. Als hörten in der
letzten Reihe
die gerührten Eltern zu. Dazu passt hervorragend die Jugend
seiner beiden Gitarristen. Er selbst ist der alte Gambler, er
hat alles gesehen, alles
gespielt. Er zieht durch die Welt, wie absichtslos. Seit über
zehn
Jahren macht er das jetzt - seit weit über tausend Konzerten.
Er tanzt
ein bisschen. Rückt ein wenig heraus von seinen gekonnt
linkischen Verrenkungen. Übt das seitliche Einknicken der
Knie nach innen,
das Ausstellen der Gitarre nach vorn. Zeigt den Dylan vor. Den
Sänger
und ewigen Streuner auf seiner "never ending tour"
über die Dörfer
dieser Welt. Sie heißen New York und Gotha, Westpoint -
Militärakademie und Duluth. Das ist das Dorf in the middle of
nowhere,
aus dem er stammt. Eine seiner rätselvollsten Masken ist sein
Lächeln. Es ist kurz da und wieder weg. Er lächelt wie Tiere
lächeln.
Hunde und Katzen. Man hat keine Ahnung, ob sie es so meinen
wie
man es sieht.
In einem Interview hat er über sich selbst als dem Mann
hinter
der Bob-Dylan-Maske gesprochen. Interviews mit ihm sind Teil
des
Maskenballs. Er dementiert alles. Jeder angetragenen
Bedeutung.
Ein ernsthafter Dichter muss das tun. Er muss, wie Dylan,
sagen: Da,
heute bin ich rechts und morgen bin ich links, gestern war ich
düster,
und heute abend spiele ich nur. Wenn Dylanologen ihn auslegen,
liest
sich das, als ob Weinpäpste von Schwarzbeerentönen und
Zimtaromen
reden. Dann fallen Worte wie "knäckebrottrocken"
und
"sommerleicht". Der ganze Spuk um ihn ist der Tribut
des Dichters,
der sich als Popstar verkleidet. Musik und Lyrik, diese
beiden, sind
ein mächtiges Paar. Sie sind, wenn sie gut sind, Magie. In
den besten
Momenten und Zeilen seines letzten großen Werks Time Out Of
Minds steckt mehr von diesem Stoff als in ganzen anämischen
Romanen. Das lebenslange Versteckspiel des Robert Zimmermann -
er
setzte seine Dylan-Maske mit 21 auf - hat auch etwas
Zeittypisches. Das,
womit sich frühere Geschlechter beschäftigten außer der
Arbeit -
denken, dichten, glauben -, ist nicht verschwunden wie die
Zyniker
behaupten. Es hält sich nur versteckt. Religion und andere
große Gefühle verschwinden nicht einfach. Sie wechseln nur
die kommunizierende
Röhre. Sie sind in die Popmusik ausgewandert.
Dylan spielt gleich am Anfang das Lied von den Zeiten, die
sich ändern.
Den Refrain singt er lauter, er übersingt das Mitsingen. Er
kann es
nicht hören, das schunkelnde they are a-changing. Dann
Desolation Row. Die Lippen des Mannes neben mir sprechen tonlos jede Zeile mit
wie ein Gebet. Ein geföhnter Dylanologe hält sein Aufnahmegerät
hoch. Rechts kreischt dem Sänger eine Gruppe junger Engländer ihre
Hit-Wünsche zu. "Watchtower! Watchtower!" Ich drehe
mich um.
Die erste Reihe ist aufgestanden. Männer um die 50 und
darüber schauen halb staunend, halb skeptisch, ungeheuer
ernst jedenfalls hin. Ich weiß, was sie sehen. Sie sehen ihr Leben
an sich vorüberziehen und hören ein paar Wahrheiten, über die im Büro nicht gesprochen wird.
Aus der ersten Reihe ist die Frau mit der Kurzhaarfrisur und
dem
langen Kleid aufgestanden und unserem Pulk beigetreten, wie es
scheint, nicht so sehr aus Begeisterung, mehr aus
Rechtsempfinden.
Ich habe teuer bezahlt, und nun sehe ich nichts. Aber sie lächelt
schon,
und nicht wie der alte, magere Tanzkater da vorn auf der Bühne.
Es geht hin und her zwischen Country und Rock. Zwischen Liebe
und Zyne, zwischen Schmerz und Show. Dylan hat es hinter sich.
Er
ist der Junge aus diesem Dorf mit dem unaussprechlichen Namen,
und um ein Dichter zu werden, ist er durch den Protest und den
Rausch seiner Jugend gegangen, durch Unfälle und Abstürze
und
Moden, ohne das alles zu sein oder gar zu bleiben, mit
Ausnahme der
Religion, aber das wissen wir nicht. Vielleicht wusste man
zwischendurch nicht, wer er war: ein Dichter oder nur ein
Generationen - Fuzzy. Jetzt weiß man es.
Vor mir gerät ein Rock' n-Roll-Schrank in Rot mit langem,
schwarzem Pferdeschwanz in Wallung. Er wirft die Arme hoch und
will seinen Rock 'n Roll. Er kriegt ihn, wenn Dylan will. Er
kriegt ihn
auf Maggie 's Farm. Zwei Stücke später steht ein sehr zarter
Mensch
auf der Bühne. Er hält sein Instrument, sein Lied im Arm,
als hielte er
sich selbst. Es ist die Düsternis und die Einsamkeit eines älteren
Mannes, der sich vor einem heißen Tag hinter Jalousien
versteckt:
Not Dark Yet. Dann wird es ihm zu viel, und die sentimentale
Schlichtheit einer eigenen Zeile ist ihm plötzlich peinlich.
Er stellt sie
aus wie im Brecht-Theater, grimassierend, ein rollender Stein
mit
rollenden Augen. Es schmerzt ihn, wenn er kurz zur
Mundharmonika
greift und begeistertes Johlen einsetzt. Dann zuckt er drei
Schritte
zurück und schnurrt, ganz Katze, auf das unvermeidliche
Mikrofon
von der Seite her zu, wie zufällig und bringt das Ding
schnell an die
Lippen - und schnell wieder weg.
Die Frau mit der Kurzhaarfrisur und der kleinen Collegebrille
muss
aufpassen. Ein Schritt zurück, und sie ist eine treu sorgende
Hausfrau
aus Stuhlreihe eins; das steht geschrieben in den
Schicksalslinien in
ihrem Gesicht. Sie tut jetzt einen Schritt vor, Richtung Bühne.
Sie
ist soweit. Sie könnte sich vorstellen, heute Abend mit ihm
essen
zu gehen.
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