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Fortschreitend stummer
Bob beschränkt sich auf seinen Sprechgesang
Vielleicht hat dieser Mann heute noch keinen Ton gesprochen.
Vielleicht gab es keinen Anlass zu sprechen. Vielleicht drückt sich
Bob Dylan nur noch in Gesten aus, wenn überhaupt. Wie sonst wäre
es zu erklären, dass seine Stimme in der Stuttgarter Schleyerhalle
mit einem krächzenden Hallelujah, I'm Ready To Go erst mal
eingesprochen werden muss. Mit einem The Times They Are A-Changin'
geht es in freier Rede weiter, und es bleibt auch an diesem Abend rätselhaft,
wohin die Zeiten sich verändern. Sicher in Richtung Sprechgesang,
denn kein Ton deutet auf die ursprüngliche Melodie des Liedgutes
hin. Die Freude am Wiedererkennen stellt sich selten ein, oft genug
gar nicht. Bob Dylan beschränkt sich auf das Wesentliche, und da wäre
Singen fast schon zu viel des Guten.
Die Fans feiern sein fortschreitendes Verstummen als weise
Interpretation des Lebens oder was auch immer. Zwanzig flüchtig
hingehauchte Versionen aus seinem 600 Songs umfassenden Repertoire
erschließen die gewaltige Dimension. Verständlich ist die Abkehr
von der schönen Melodie angesichts des inflatorischen Abspulens: Like
A Rolling Stone wurde 1 008 Mal gesungen (Stand Februar 2002), als
zweite Zugabe erneut in Stuttgart. Zu der Rätselhaftigkeit gehört
auch, dass Dylan mit zunehmender Stimmlosigkeit die Zahl seiner
Konzerte nur noch erhöht.
Und dennoch sind es zwei wertvolle Stunden. Das Gesamtkunstwerk
Dylan wechselt mehrmals zwischen Akustik- und E-Gitarre hin und her
und geht für seine Verhältnisse ausgesprochen gut gelaunt, ja fast
euphorisch zu Werke. Ein rockiges, wunderbar gitarrenlastiges Highway
61 Revisited bringt den ersten populären Höhenflug, nachdem die
Band mit Stücken aus dem aktuellen, nunmehr 43. Album (Love and
Theft) zu erkennen gegeben hat, wo die musikalischen Präferenzen
liegen. Der sorgsam ausgesuchte Genre-Mix wechselt hin zu Blues und
Country und endet in einem lang gezogenen Rainy Day Women, bevor
die Scheinwerfer auf die Zuschauer gerichtet sind: »How does it
feel« kann alles oder nichts bedeuten. Gerne singt man richtig laut
mit, die Tonlage ist wie beim Meister nebensächlich.
Angelangt beim fast zärtlich-verhallenden Blowin' In The Wind,
verbessert bis zur Unkenntlichkeit, sind sich die Zuhörer nicht
mehr ganz sicher: Ist es die Interpretation von 2000 oder eine ganz
neue Version? Das altbekannte Lagerfeuerlied jedenfalls ist es nicht
mehr.
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