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Schwäbisch - Gmünd 2001
Jens Frederiksen
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Nach dem 60. Geburtstag wieder auf
Deutschland-Tour:
Bob Dylan zieht in Schwäbisch Gmünd 12000 Fans ins Stadion
Abend der surrealen Endlos-Poeme. Bob Dylan ist nach seinem
60. Geburtstag wieder auf Deutschland-Tour. Rund 12000
Besucher sind in den Universitätspark nach Schwäbisch Gmünd
gepilgert,
haben am Nachmittag noch mit bindfäden-dichtem Regen gekämpft
und
um halb neun den bedrohlichen Ausläufer einer letzten
Wolkenfront über
dem von VIP-Tribünen flankierten Freigelände aufziehen sehen
– da
klart es plötzlich auf, und zehn Minuten später ist der mürrische
Meister
in schwarzem Anzug, weißem Hemd und mit Krawatte auf der
Riesenbühne ... und spielt ein Riesenkonzert.
Schon im Eröffnungsstück, einem Traditional mit dem Titel Duncan
and Brady, beweist der ungerührt und konzentriert sein
Programm durchspielende Folk- und Protestsong-Veteran mit
einer Refrainzeile wie „Ich steck schon viel zu lange
in diesem Job fest“ eine gute Portion Selbstironie. Und auch wenn
er während des gesamten, über zwei Stunden dauernden
Auftritts nicht ein einziges Wort ans Publikum richtet
und auch sonst kaum je die Miene verzieht: er ist
unternehmungslustig und experimentierfreudig wie seit
langem nicht – und auch stimmlich hat er sich wieder
gefangen.
Vor allem aber ist die Zusammenstellung des Programms diesmal
vom
Feinsten. Unterstützt von einer vorzüglichen vierköpfigen
Band, die
mühelos zwischen elektrischen und akustischen Instrumenten
hin und her
schaltet, bietet Dylan eine Songfolge, wie sie
abwechslungsreicher auch
auf einem Insider-Sampler kaum nebeneinander geraten könnte.
Schon das mit Kontrabass, sparsamem Schlagzeug und
Konzertgitarren
bestrittene Dreier-Set zum Auftakt mündet in das selten
gespielte und
hier nur leicht verfremdete Desolation Row. Mit einem
temperamentvollen Stuck Inside Of Mobile schließt
sich eine weitere dieser Acht-Strophen-und-mehr-Kompositionen
an, die mit ihren aberwitzigen Sprachbildern und tollkühnen
Wortspielen längst zum Schatz der modernen Poesie gehören.
Ein dritter dieser Klassiker mit Überlänge, das noch aus der
frühen Protest-Phase stammende It´s Allright, Ma
(I´m Only Bleeding) krönt etwas später mit
augenzwinkernd dünn
angespieltem Riff ein weiteres Akustik-Set.
Besonders gut aufgelegt zeigt sich Dylan allerdings bei den härteren,
rockigen Stücken. Wie er, passagenweise nur vom ungeduldig
vorwärtsdrängenden Schlagzeug unterstützt, das eisige Cold
Irons Bound
von 1997 herausschnarrt; wie er das uralte Leopard-Skin
Pill-Box Hat
noch einmal gegen den Strich bürstet und doch als lupenreinen
Blues
erhält; oder wie er zu Beginn der zweiten Programmhälfte
seinen
jüngsten Hit Things Have Changed mit dieser Frische,
diesem
unverwechselbar kratzigen Dylan-Drive ausstattet – das ist
in einer
so ungebrochen vitalen Form schon grandios. Am schönsten aber
gelingt die Lesart von My Back Pages, in der Dylan den
in der
Melodie ruppig umgemodelten Refrain gegen eine süffige Geige
setzt
und so das allzu naheliegende Versinken in Nostalgie zugunsten
einer
neuen Rückbesinnung auf den Text unterbindet.
Der Schlussspurt wird dann zu einem einzigen Schnelldurchgang
durch
die von Dylan verantworteten Höhepunkte der Rock- und
Folk-Geschichte: Rolling Stone, Watchtower, Tambourine Man,
zuletzt
noch, mit wunderbar melodischem Gitarrenvorspiel, Blowin´
In The Wind
– alles in Teilen zersungen, zerdehnt, gegen den Strich
arrangiert und
doch ... ein großes stacheliges Vergnügen. Wie der Auftritt.
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