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Schwäbisch - Gmünd 2001
von
Henning Dedekind
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Tramp-Romantik unter rosa Wolken
Weltstar in der Region: Bob Dylan in Schwäbisch Gmünd
Zwei Fragen bewegten im Vorfeld von Bob Dylans Schwäbisch Gmünder Gastspiel die Gemüter. Nummer eins: Hält das Wetter? Und
zweitens: In welcher Tagesform ist der Meister selbst - gilt unter
eingefleischten Fans doch die Weisheit, dass Dylan-Konzert
nicht
gleich Dylan-Konzert ist. Oft genug hat der US-Songwriter sein
Publikum mit lustlosem Geschrammel vor den Kopf gestoßen -
oder
eben völlig fasziniert. Während die Lokalmatadoren Fraser
Cameron
und Hubert Stytz noch mit soliden Rock-Klängen den
musikalischen Boden bereiten, findet in dem kleinen Universitätspark
am frühen Samstagabend ein Treffen der Generationen statt.
Dylan vereint: Weißhäuptige Altersgenossen des Poeten teilen
sich den
Rasenplatz mit ledern angetanen Mittdreißigern und aufgeregt
schnatternden Teenagern. Bei Kaffee und Kuchen wird eifrig
diskutiert, Fachwissen ausgetauscht: Dylans Band sei dieselbe
wie im
letzten Jahr, das Programm vielleicht auch, befindet sich der
60-Jährige
doch immer noch auf jener "Never Ending Tour'', die ihn
anno 2001 nun
auch nach Schwäbisch Gmünd führt - wenige Tage nur nach
einem
Festivaltriumph im schwedischen Roskilde vor 70 000 Besuchern.
Pünktlich zu dem mit solcher Spannung erwarteten
Konzertbeginn der
Ikone klärt sich der regenverhangene Himmel auf. Unter
zartrosa
durchfluteten Wolken wirken die Musiker fast wie das Personal
eines
Western: einsame Cowboys im letzten Saloon vor der Wüste. Bob
Dylan, huldvoller Dichterfürst und zugleich den ein wenig linkisch
wirkenden ewigen Jungen mimend, nickt kaum merklich zur Begrüßung.
"I've Been On The Job Too Long'', singt er mit hustender
Stimme, die
über kleine Passagen hinweg knödelt wie zu Zeiten seiner
Nashville-
Seitensprünge. Dass der besungene Job auch nach über drei
Jahrzehnten noch nicht zur lästigen Routine geworden ist,
beweist der
über zweieinhalbstündige Konzertabend auf eindrucksvolle
Weise.
Schon im zweiten Song The Times They Are A-Changing
überrascht Dylan seine Fans: Das Gitarrensolo übernimmt
nicht etwa
Leadgitarrist Charlie Sexton, sondern der Sänger selbst. Mit
der
Miene eines Totengräbers versprüht er eine trockene
Spielfreude, die
an frühe Werke wie Subterranean Homesick Blues erinnert.
Die hervorragend eingespielte Band groovt sich unter stetem
Wechsel
zwischen akustischen und elektrischen Saiteninstrumenten durch
ein
Programm aus vorwiegend altem Material. Neben Klassikern
wie All Along The Watchtower' und dem wunderschönen
Don't Think Twice gibt es dabei auch seltener gespielte Perlen
wie etwa
Desolation Row oder Leopard-Skin Pillbox-Hat zu hören. Ein
Ausflug durch die Musikgeschichte und ein kurzer Abriss vom
Schaffen
eines Mannes, der Lieder für ein ganzes Zeitalter geschrieben
hat.
Das gesprochene Wort ist indes nicht Sache des Musikers Dylan,
der
ganz hinter seinem Werk zurücksteht. Songs, die keines
Kommentars
bedürfen, werden somit zum eigentlichen Star des Abends.
Erst im Zugabteil entsteht ein schüchterner Publikumskontakt:
"I'm Not Sleepy And There Ain't No Place I'm Going To''
heißt es mit
mystischer Tramp-Romantik im Refrain von Mr. Tambourine
Man.
Die Menge bestätigt die Zeilen mit innigem Jubel. Bob Dylan
ist dieser
Tramp. Er lächelt.
Wir haben einen guten Tag erwischt.
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