n.B.u
SHOW 
REVIEWS

n.B.u
SHOW 
REVIEWS


Bob dylan in Schwäbisch - Gmünd 2001


Schwäbisch - Gmünd 2001
von
Ulrich Bauer


Lob der Endlichkeit 
Bob Dylans Konzert im Universitätspark Schwäbisch Gmünd 

Der Mann tut, was er tun muss, das sieht jeder. Zieht seit vielen Jahren 
von einer Bühne zur nächsten, "Never Ending Tour'' nennt er das. 
Dabei hätte er das, an landläufigen Maßstäben gemessen, nun wirklich 
nicht mehr nötig. Als allseits respektierter Klassiker in seinem Gewerbe 
hat er Auszeichnungen und Orden en masse gesammelt, hat Grammys 
kassiert, hat den Oscar, eine Nominierung für den Literaturnobelpreis, 
ja sogar den Segen des Papstes und sicher auch ein dickes Sparbuch. 

Zum sechzigsten Geburtstag vor gut zwei Monaten, da sind Jubelbücher 
erschienen, und die Feuilletons auf der ganzen Welt haben sich 
überschlagen vor lauter Lobhudeleien und mehr oder weniger hilflosen 
Deutungen dieser Person Bob Dylan, die ja allen, und sicher auch ihm 
selbst, immer rätselhaft geblieben ist. 

Vielleicht hat dieser Bob Dylan, diese längst bei den Popgöttern thronende Kunstfigur, an diesem Tag kurz in  sich hineingegrinst, so wie sie es auch 
an diesem Abend in Schwäbisch Gmünd ein paarmal tut. Im
Zugabenblock zum Beispiel, beim fulminant dahertosenden 
All along the Watchtower, pünktlich zu dieser in lauter biblische Bilder 
gebetteten Zeile There are many here among us, who feel that life is but a joke, in derein Dieb uns erklärt, dass das Leben ein Scherz sei, da 
umspielt dieses kurze mechanische Lächeln seine Lippen. Ein Ereignis, 
ein Artefakt, ein mit Bedeutung aufgeladenes Zeichen, so werden die 
Jünger und Anhänger dieses seltsamen Herrn jetzt gleich wieder vermuten. Und sie werden es sich zuraunen, sie werden es lebhaft besprechen, interpretieren und untereinander kolportieren. 

Dylanologen nennt man sie seit vielen Jahren, und sie überbieten sich in 
einer grotesken Verehrung ihres Meisters, die bis zum Sammeln der vom 
Popgott weggeworfenen Zigarrettenstummel reichen kann. Der
genetische Code will schließlich für die Nachwelt aufbewahrt sein, vielleicht lässt sich dieser Dylan in nicht allzu ferner Zeit klonen. 

Dann ist's vielleicht vorbei mit der Einmaligkeit dieses Künstlers, der sich 
unter dem wolkenverhangenen Himmel des Remstals mal wieder so 
abweisend, mysteriös und in sich gekehrt gibt, wie das im großen
Popgeschäft kein Zweiter tut. Über mehr als zwei Stunden keine einzige 
Ansage, keinerlei Zeichen der Zuwendung und schon gar kein Abrufen 
der üblichen Mitklatsch- und Grölreflexe. Nur dieser merkwürdig
hüftsteife, überaus spröde und verschlossene Griesgram mit seinen 
Liedern, die er scheinbar teilnahmslos in ein Rund hineinnölt, an dessen 
anderem Ende die heißen Würstchen duften und die neuesten Modelle 
einer zur Schau gestellten Automarke blitzen. 

Und trotzdem übt er auf dieses weit über 10000-köpfige Auditorium im Universitätspark, das ja mit seinem "Mister blowin' in the Wind'' 
eine Sommernachtsparty feiern will, seine eigene und jederzeit 
spürbare Faszination aus. Ganz still werden sie während seiner Lieder, 
und manchmal scheint es, als würden sie augenblicklich die Kunst des 
Zuhörens wieder lernen. Dylan, das Phänomen, das allein schon deshalb 
in dieser Welt der notorischen Showlächler und penetranten 
Gute-Laune-Onkels einzigartig ist. Und er gibt ihnen sogar sein von 
so manchem Gesangsverein und Tanzorchester grässlich missbrauchtes 
Blowin' in the Wind, ebenfalls im Zugabenteil. Aber er versieht es mit 
so merkwürdigen Betonungen und Dehnungen, er bringt es so jeder
Sentimentalität entkleidet und im Rhythmus verändert, dass nach ein paar 
zaghaften Versuchen niemand mehr mitklatschen mag. Und so klingt 
dieser Song neu, gewinnt mit seinen zynischen Untertönen eine der Zeit
angepasste Ernsthaftigkeit zurück. Typisch Dylan. 

Eröffnet hat er sein Set mit Duncan and Brady, der Song zum Warmspielen für ihn und die zu allen Launen bereite vierköpfige Band: eine Pflichtübung, nichts weiter. Dann schon The Times they are a changin', zu dem er aus dem Bühnenhintergrund seinen berühmten Mundhobel herbeiholt und ihn bisweilen so falsch bläst, wie nur er das darf. Kurze Besprechung mit den Vasallen, vielleicht ein Wort nur, die Gitarren getauscht, und schon geht es weiter - das Programm scheint 
vom Meister spontan gelenkt zu werden. Ein bisschen bluesgetöntes, in drei Akkorden gearbeitetes Liedgut ertönt: Watching the River flow etwa, wozu die Band von Dylan zunächst ein bisschen Auslauf bekommt, dann aber von seinen zum Teil geradezu obsessiv wiederholten und sich wirr verheddernden Gitarrenriffs und -phrasen an allzu großer Gefälligkeit gehindert wird. Rock ist Risiko und nicht Routine, so würden seine Jünger diese schroffen Passagen ohne jeden Anflug des Zweifels deuten. Er kann es einfach nicht besser, so entgegnen cool seine Kritiker - beide nunmehr seit vierzig Jahren. 

Nun gut, er provoziert halt die Auseinandersetzung und die Gefühle, gerade auch mit seiner Stimme, diesem näselnd nölenden, diesem krächzigen Organ, das über die Jahre hinweg seine eigene Klasse geschaffen hat und deshalb wohl nur noch an sich selbst gemessen 
werden kann. Jawohl, wir hören von ihm an diesem Abend auch 
Routinen, typische Dylan-Routinen, die er gleichgültig wie ein Automat abspult. Aber auch grandiose und jenseits aller Geschmäcklerei stehende Momente. Wenn er beispielsweise an das trotzige It's alright, Ma jenes zarte "I'm only sighing'' hinhaucht, dieser spröde Zausel, wenn er dieselbe Zeile ein paar Verse weiter mit einem leise gebrochenen "It's Life, and Life only'' quittiert, so ist in dieser scheinbaren Trivialität eine Tiefe aufgehoben, die jeden anrühren muss und die so wohl nur ihm möglich ist. 

Und genauso, wie dieses Konzert in Schwäbisch Gmünd irgendwann geendet hat, wird eines Tages auch die Never Ending Tournee dieses noch immer einzigartigen Songpoeten enden. Hoffentlich wird es dann keine Bob- Dylan-Klone geben, die sie bis in alle Ewigkeit fortsetzen. 


Bob dylan in Schwäbisch - Gmünd 2001