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Ekstatisches Wippen in weißen
Westernboots
Bob Dylan zeigt sich in der Regensburger Donauarena ungewohnt
gutgelaunt und spielfreudig
Wahr ist: Bob Dylan kann nicht singen. Nicht so ganz richtig
und
nicht so ganz richtig schön jedenfalls. Wahr ist auch: Bob
Dylan ist
kein großer Performer, keiner, dem man die Spielfreude oder
sonst
irgendeine innere Regung ansieht. Er redet wenig, lacht kaum,
er
schwitzt nicht einmal in seinem schwarzen Cowboyanzug. Als
Zuschauer überkommt einen da schon mal das ungute Gefühl,
mehr
Störfaktor als Animation bei einem Dylan-Konzert zu sein. Who
cares?
Eine Eintrittskarte für eine Show von Robert Allan Zimmermann
aus
Dulluth (Minnesota) ist ungefähr das, was für den
amerikanischen
Leinwand - Dummi Forrest Gump das Leben ist: eine
Pralinenschachtel,
bei der man nie weiß, was drinnen steckt.
Unweigerlich stellen sich quälende Fragen:Ist der Meister
wieder
mal hackedicht - wie bei seinem unsäglichen Auftritt beim
Live-Aid-Konzert 1985 im Londoner Wembley-Stadion? Oder, was
mindestens genauso schlimm ist, aufs Übelste gelaunt und
schrammt
er deshalb seine Songs ähnlich lustlos herunter wie beim Gig
vor zwei
Jahren im Nürnberger Frankenstadion?
TheTimes They Are A-Changin, sagt sich der geneigte Dylan-Fan
und
wagt gerne einen neuerlichen Versuch. Lebende Legenden kriegt
man
halt nicht alle Abende zu Gesicht, dafür lässt man schon
einen knappen
Hunderter springen. Um es vorweg zu nehmen: Jede Mark, die die
über 4000 Besucher am Donnerstagabend in der Regensburger
Donau-Arena ausgegeben hatten, war bestens angelegt.
Schon nach den ersten Takten ist klar: Dylan ist - jedenfalls
für
seine Verhältnisse - bester Laune und unterstreicht dies,
indem er sich
zu einem fast ekstatischen Wippen seiner in beige - weißen
Gamaschen - Westernboots steckenden Füße hinreißen lässt.
Wie
gewohnt verzichtet der 59-jährige (am Abend zuvor hatte er
auf der
Bühne in Dresden seinen Geburtstag gefeiert) auf ein Grußwort,
doch ein
"How Are You?" ans Publikum wäre ohnehin überflüssig
gewesen. Ist
der Meister gut drauf, sind` s auch seine Anhänger. Die
erfreuen sich
im ersten Teil des gut zweistündigen Konzerts an sauber
vorgetragenen
Unplugged - Nummern, die in Desolation Row ein erstes
Highlight
haben. Zwei Gitarren, ein Kontrabass und ab und an ein wenig
Steel-Guitar. Die Mundharmonika, die normalerweise zu Dylan
gehört
wie der offene C-Dur-Akkord, hätte da nur gestört und blieb
deshalb -
bis auf zwei Kurzeinsätze - in der Westentasche verstaut.
Doch Dylan wäre nicht Dylan, würde er nicht ausgerechnet da, wo
Lagerfeuer-
Romantik aufkommt, die Akustikklampfe beiseite legen und die
E-Gitarre anstecken. Dies hat er erstmals 1965 beim legendären
Newport - Folkfestival getan und dafür von den Puristen viel Prügel
("Judas", "Verräter") einstecken müssen. 35 Jahre später
gibt` s vom
Regensburger Publikum uneingeschränkt Beifall. Aber das
hatten
wir ja schon: The Times They Are A-Changin`. Vor allem weil
Dylan
und seine musikalischen Mitstreiter jetzt auch flottere -
neudeutsch:
groovigere - Nummern durch die Lautsprecher schicken. Spätestens
bei Leopard-Skin Pill-Box Hat ist der (Elektro-) Funke
endgültig
übergesprungen. Bis dato haben Dylan und Kollegen gut eine
Stunde
mit Bravour hinter sich gebracht und verabschieden sich
erstmals
in die Bandgarderobe. Kurzes Durchschnaufen vor dem Finale,
einer
rasanten Fahrt auf dem Highway 61, in dem ein Höhepunkt
(All Along The Watchtower) den anderen (Rainy Day Women #
12 & 35, Don`t Think Twice It`s Allright) jagt. Und zum
Abschied
wird sogar noch das eingestaubte Blowin` In The Wind
hervorgekramt -
in ein locker-jazziges Gewand gepackt und zum Weinen
schön. Everybody Must Get Stoned, näselt der Songwriter dem graumelierten
Studienrat und der gepiercten BWL-Studentin im Publikum entgegen. Die
Beiden und mit ihnen weitere 4000 berauschen sich an den Liedern
eines Mannes, der mit seiner Lyrik die Rockmusik vor dem Verblöden bewahrt
hat.
Als Dankeschön feiert ihn Regensburg mit stehenden Ovationen,
und
dem Meister entfährt sogar ein leises "Thank You".
Mehr darf man
wirklich nicht erwarten. Mehr kann man gar nicht erwarten!
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