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Das letzte Rätsel der
Rock-Geschichte
Annäherung an einen großen Unbekannten: Bob Dylan gastierte
auf seiner
"Never Ending Tour" in der Regensburger
Donau-Arena
In Niemandsland zwischen Wissenschaftsbetrieb, Kulturszene und
Ersatzreligion gibt es weltweit nur drei ernstzunehmende
Geheimbünde,
die unbeirrt an der Aufklärung der Sinnfrage menschlicher
Existenz
arbeiten: Donaldisten, die Enten für die besseren Menschen
halten,
Wagnerianer, die den Grünen Hügel als Wallfahrtsort
begreifen und
Dylanologen, die einen gewissen Robert Zimmermann aus Hibbing,
Minnesota, als komischen Heiligen verehren. Der umkreist seit
Jahren
auf seiner "Never Ending Tour" die Erde: Bob Dylan
will mit seiner
Endlos-Tournee offensichtlich nicht ins Guiness-Buch der
Rekorde,
sondern als großes Rätsel in die Rock-Geschichte eingehen.
Der große Verweigerer
Am Tag nach seinem 59. Geburtstag trat der Meister in
Regensburg
auf. Dass es schönere Spielorte als die zweckmäßige
Donau-Arena gibt,
scheint ihn nicht weiter zu stören. Wo fünf- oder
sechstausend in
seinem Namen versammelt sind, da fühlt er sich jedenfalls
nicht fehl
am Platze. Es ist das einzige Konzert in Bayern und der letzte
Auftritt in Deutschland, anschließend geht's nach Italien und
dann in
die USA, wo bis Ende Juli fast täglich ein (bereits jetzt
schon ausverkauftes) Konzert ansteht. Dylan kümmert sich
schon lange nicht mehr um die Gepflogenheiten des
Musikgeschäfts: Der große Verweigerer gibt seit Jahren
kaum Interviews, er lässt sich nicht fotografieren, es gibt
keine offiziellen Informationen und auch keine neue Platte,
die Tournee-Plakate sehen aus wie Steckbriefe. Diese
Geheimniskrämerei macht die Sache für die
internationale Fangemeinde, die sich im Internet über
die neuesten Dylan - News ausführlich unterhält, natürlich
nur noch interessanter: Dieser Mann ist nicht zu fassen.
Fest steht, dass Bob Dylan bereits zu Lebzeiten zu den
Klassikern des
20. Jahrhunderts zählt. Der Rock-Poet, der es vom Jugend-Idol
zum Nobelpreis-Kandidaten gebracht hat, wirkt am Anfang des
neuen
Jahrtausends wie ein Relikt aus alter Zeit. Oder wie ein
Hoffnungsträger
in geistlosen Zeiten, kommt ganz auf den Standpunkt an.
Geschmacksache waren die Auftritte des genialen Grantlers, der
sich
bewusst hinter seinem Werk versteckt, schon immer. Das
Aufregende
an Dylan ist, dass er sich nicht berechnen lässt, musikalisch
nicht auf der
Stelle tritt, sein Repertoire jeden Abend ändert, seine Songs
ständig neu
erfühlt und erfindet. Und seit einigen Jahren kann man sich
darauf
verlassen, dass seine Konzerte nicht als Desaster enden, wenn
auch
nicht immer Sternstunden zu erwarten sind.
Auf der nach oben und unten offenen Dylan-Skala nimmt
Regensburg
einen respektablen Platz im oberen Drittel ein. Der Meister
ist wie
immer wortkarg, aber spielfreudig, der Sound astrein und die
Band
(Larry Campbell und Charly Sexton an den Gitarren, Tony
Garnier
am Bass, David Kemper am Schlagzeug) traumhaft eingespielt.
Zwei
Stunden und zwanzig Songs lang dauert der Auftritt, der
mit einem
akustischen Teil beginnt.
Dylan fängt gern mit einem traditionellen Blues an, diesmal
ist es nicht
wie üblich Roving Gambler, sondern Duncan and Brady.
Darin geht es um einen, der seinen Job schon viel zu
lange macht. Im schwarzen Anzug
mit schwarz-weißen Cowboy-Stiefeln steht der Sänger auf der
Bühne
und tänzelt nervös mit dem Spielbein. Schon der zweite Songs
verwirrt das Publikum: The Times They Are A - Changing
ist keine Protest-Hymne mehr, sondern als melancholischer
Walzer kaum wiederzuerkennen. Aber dann bei den
Klassikern Desolation Row und Tangled Up In Blue
wird Dylan, der manchmal näselt und quengelt wie seine eigene Karikatur,
plötzlich packend und kraftvoll. Und dann klingt er so
wie die alten Blues-Sänger voller Lebenserfahrung, die er zu
Beginn seiner Karriere imitierte.
Runderneuerte Songs
Mit dem energiegeladenen Country Pie eröffnet Dylan
die
Elektro-Abteilung und bringt Schwung in die Bude; bei All
Along The
Watchtower dröhnen die Rock-Riffs ausgelassen, bei Drifter'
s Escape
greift Dylan zur Mundharmonika. Mit dem traurigen Liebeslied
Love Sick eröffnet er den langen Zugabenteil, es
folgt Like A Rolling Stone in einer wehmütigen
Zeitlupen-Fassung, eine anrührende Version von Girl
Of The North Country und zum Schluss sein bekanntester
Song: Blowin' In The Wind. Er klingt wie ein
düsteres Selbstgespräch.
Die Dylanologen haben wieder was zu rätseln.
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