n.B.u
REGENSBURG 
REVIEWS

n.B.u
REGENSBURG 
REVIEWS



Regensburg 2000
Nürnberger
Nachrichten
Steffen
Radlmaier

Das letzte Rätsel der Rock-Geschichte 

Annäherung an einen großen Unbekannten: Bob Dylan gastierte auf seiner 
"Never Ending Tour" in der Regensburger Donau-Arena 

In Niemandsland zwischen Wissenschaftsbetrieb, Kulturszene und 
Ersatzreligion gibt es weltweit nur drei ernstzunehmende Geheimbünde, 
die unbeirrt an der Aufklärung der Sinnfrage menschlicher Existenz 
arbeiten: Donaldisten, die Enten für die besseren Menschen halten, 
Wagnerianer, die den Grünen Hügel als Wallfahrtsort begreifen und 
Dylanologen, die einen gewissen Robert Zimmermann aus Hibbing, 
Minnesota, als komischen Heiligen verehren. Der umkreist seit Jahren 
auf seiner "Never Ending Tour" die Erde: Bob Dylan will mit seiner 
Endlos-Tournee offensichtlich nicht ins Guiness-Buch der Rekorde, 
sondern als großes Rätsel in die Rock-Geschichte eingehen. 

Der große Verweigerer 

Am Tag nach seinem 59. Geburtstag trat der Meister in Regensburg 
auf. Dass es schönere Spielorte als die zweckmäßige Donau-Arena gibt, 
scheint ihn nicht weiter zu stören. Wo fünf- oder sechstausend in 
seinem Namen versammelt sind, da fühlt er sich jedenfalls nicht fehl 
am Platze. Es ist das einzige Konzert in Bayern und der letzte
Auftritt in Deutschland, anschließend geht's nach Italien und dann in 
die USA, wo bis Ende Juli fast täglich ein (bereits jetzt schon ausverkauftes) Konzert ansteht. Dylan kümmert sich schon lange nicht mehr um die Gepflogenheiten des Musikgeschäfts: Der große Verweigerer gibt seit Jahren kaum Interviews, er lässt sich nicht fotografieren, es gibt keine offiziellen Informationen und auch keine neue Platte, die Tournee-Plakate sehen aus wie Steckbriefe. Diese Geheimniskrämerei macht die Sache für die internationale Fangemeinde, die sich im Internet über die neuesten Dylan - News ausführlich unterhält, natürlich nur noch interessanter: Dieser Mann ist nicht zu fassen. 

Fest steht, dass Bob Dylan bereits zu Lebzeiten zu den Klassikern des 
20. Jahrhunderts zählt. Der Rock-Poet, der es vom Jugend-Idol zum Nobelpreis-Kandidaten gebracht hat, wirkt am Anfang des neuen 
Jahrtausends wie ein Relikt aus alter Zeit. Oder wie ein Hoffnungsträger
 in geistlosen Zeiten, kommt ganz auf den Standpunkt an. 
Geschmacksache waren die Auftritte des genialen Grantlers, der sich
bewusst hinter seinem Werk versteckt, schon immer. Das Aufregende 
an Dylan ist, dass er sich nicht berechnen lässt, musikalisch nicht auf der 
Stelle tritt, sein Repertoire jeden Abend ändert, seine Songs ständig neu 
erfühlt und erfindet. Und seit einigen Jahren kann man sich darauf 
verlassen, dass seine Konzerte nicht als Desaster enden, wenn auch 
nicht immer Sternstunden zu erwarten sind. 

Auf der nach oben und unten offenen Dylan-Skala nimmt Regensburg 
einen respektablen Platz im oberen Drittel ein. Der Meister ist wie 
immer wortkarg, aber spielfreudig, der Sound astrein und die Band 
(Larry Campbell  und Charly Sexton an den Gitarren, Tony Garnier  
am Bass, David Kemper am Schlagzeug) traumhaft eingespielt. Zwei 
Stunden und zwanzig Songs lang dauert der Auftritt, der mit einem 
akustischen Teil beginnt. 

Dylan fängt gern mit einem traditionellen Blues an, diesmal ist es nicht 
wie üblich Roving Gambler, sondern Duncan and Brady. Darin geht es um einen, der seinen Job schon viel zu lange macht. Im schwarzen Anzug 
mit schwarz-weißen Cowboy-Stiefeln steht der Sänger auf der Bühne 
und tänzelt nervös mit dem Spielbein. Schon der zweite Songs verwirrt das Publikum: The Times They Are A - Changing ist keine Protest-Hymne mehr, sondern als melancholischer Walzer kaum wiederzuerkennen. Aber dann bei den Klassikern Desolation Row und Tangled Up In Blue wird Dylan, der manchmal näselt und quengelt wie seine eigene Karikatur, plötzlich packend und kraftvoll. Und dann klingt er so wie die alten Blues-Sänger voller Lebenserfahrung, die er zu 
Beginn seiner Karriere imitierte. 

Runderneuerte Songs 

Mit dem energiegeladenen Country Pie eröffnet Dylan die 
Elektro-Abteilung und bringt Schwung in die Bude; bei All Along The 
Watchtower
dröhnen die Rock-Riffs ausgelassen, bei Drifter' s Escape  
greift Dylan zur Mundharmonika. Mit dem traurigen Liebeslied
Love Sick eröffnet er den langen Zugabenteil, es folgt Like A Rolling Stone in einer wehmütigen Zeitlupen-Fassung, eine anrührende Version von Girl Of The North Country und zum Schluss sein bekanntester Song: Blowin'  In The Wind. Er klingt wie ein düsteres Selbstgespräch. 
Die Dylanologen haben wieder was zu rätseln.