n.B.u
REGENSBURG 
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bob Dylan in Regensburg 2000 - Bootlegcover


Regensburg 2000
Mittelbayrische
Zeitung
Manfred Stuber

Niemals nur ein Singkasper seines eigenen
Repertoires! 


Am Tag nach seinem 59. Geburtstag legte Bob Dylan in der Regensburger
Donau-Arena ein wirklich tolles Konzert hin 

Die frohe Botschaft, die ihm von Stuttgart über Berlin und Dresden
 vorausgeeilt ist, hat sich also bewahrheitet: Bob Dylan ist derzeit 
sagenhaft gut drauf. Zwar soll er vor zehn Tagen, als er zusammen 
mit dem 79-jährigen Weltklasse-Geiger Isaac Stern vom schwedischen 
König Carl XVI. Gustaf den Polar-Musikpreis umgehängt bekam, wieder 
mal ein wenig neben sich gestanden haben, aber einen waschechten 
König kann man wahrscheinlich nur bekifft ertragen. Und die Journaille 
freut sich. Zwei Dylans sind, schlagzeilenorientiert betrachtet, sowieso 
besser als einer. 

Beim zweistündigen Konzert in der Donau-Arena zeigt sich Dylan, man 
muss das bei dem launischen Faun schon immer extra feststellen, voll 
konzentriert. Der ältere Herr, der nun auch schon in die Zielgerade seines sechsten Lebensjahrzehnts einbiegt - am Tag zuvor wurde er 59 - kommt ausgeschlafen auf die Bühne und er wird mit dem fortschreitenden Abend keineswegs schlapper. Er wird besser, intensiver und entspannter zugleich. 

Er singt wieder rauh und brüchig Die Halle ist fast voll, das Publikum ist konzentriert begeistert. Immer wieder hallen Zurufe durch die Arena: "Hey, Bob"! Wunderkerzen (verboten) werden gezündet, Feuerzeuge (erlaubt) angeknipst. Bei Don´ t Think Twice gibt es frenetischen Jubel. Klingt ja auch zu schön: I gave her my heart, but she wanted my soul. 
Ein erster Höhepunkt ist Tangled Up In Blue. Diese Ballade vom 
ewigen Streunen und dem ebenso ewigen Weltschmerz des Tramps hat merkwürdigerweise einen ganz kraftvollen Sound und in den schnoddrigen, fragmentarischen Milieuschilderungen einen sehr bildkräftigen Text: 

There was music in the cafes at night and revolution in the air.

Den Refrain singt er ganz langgezogen und laut, es klingt, als wolle 
er die unbesiegbare Melancholie als Botschaft verkünden. 

Bob Dylans Stimme klingt wieder anarchisch rauh und brüchig wie in 
den guten alten Zeiten: Es ist das von Kennern wie ein cherubinisches 
Hosianna genosseneWinselgebell. Aber hinter der Brüchigkeit ist 
heute immer, sozusagen als eine Art Reservemunition, ein sentimentales, 
oft sogar öliges Schluchzen, ein weiches Subtimbre, eine entfernte 
Ahnung von Gefühl und Harmonie, von Kitsch, Liebesfrieden und 
Country - Glück. 

Gerade in seinen "weichen" Songs wie Love Sick gelingt ihm eine ehrliche Synthese aus Herbheit und Gefühl. Perfekt cool bringt er die simple, 
volksliedhafte Ballade North Country Blues rüber, die er einst mit 
Johnny Cash mehr jodelte als sang. Dylan trägt einen dunklen, leicht westernmäßig geschnittenen Anzug mit weißen Smokingstreifen auf der Hosennaht. Die spitzen Schuhe mit dem weißen Einsatz an der Oberseite lenken den Blick auf seine Füße. Und tatsächlich tut sich da unten einiges. Dylan tänzelt elegant und zart wie ein junges Dressurpferd: Spitze, Hacke, Spitze. Und wie er verspielt immer im Knie einknickt. Das hat echt Grazie! 

Er duckt sich. Er stampft mit dem Fuß. Beim Verbeugen macht er ein 
paarmal einen chaplinesken Seiten - Step. Da wird er endlich mal 
seinem eigenen Anspruch gerecht, ein "sing- and danceman" zu sein. 
Für Dylans Verhältnisse ist das schon eine kleine Ekstase der 
Ausgelassenheit, sozusagen ganz nahe am Extremsport. 

Wie er seine alten Melodien schleift! Wie er sie kunstvoll dehnt, zerrt 
und stutzt, begradigt, verrenkt und sabotiert. Er singt seine längst 
zum Evergreen gewordenen Lieder, als könne er ihre abgenudelten 
Melodien nicht mehr hören und müsse sehen darum jeden Abend neu und ungewohnt interpretieren, um nicht als ein Singkasper seines eigenen 
Repertoires dazustehen. Die neueren Songs interpretiert er 
bezeichnenderweise fast alle nahe an der Originalversion. 

Dylan, der heute so eine Art zirpender Sologitarre spielt, ist zwar 
nicht immer völlig d ´accord mit seinem Musiker-Kollegen, 
zwischendurch verspielt er sich auch mal ziemlich nonchalant, aber im 
großen und ganzen klampft er heute ungewöhnlich diszipliniert. Selbst 
auf der Mundharmonika, die nur zwei, dreimal zum Einsatz kommt,
stimmt heute alles. Schon früh rafft er sich zu einem alten Schlachtgesang 
aus den 60ern auf: The Times They Are  A - Changing, natürlich mit 
einer total verzerrten, verschliffenen Melodie gesungen. Beim Refrain 
jagt er seine Stimme kraftvoll auf der Tonleiter nach oben, paraphrasiert 
ein paar Takte lang die wirkliche Melodie, wie wir sie von der Platte 
kennen, um dann plötzlich nach unten wegzusacken. Das ist eine seiner 
köstlichen Arten, ein Selbstzitat in resignativer Ironie aufzulösen. 

Haben er und seine Band sich im ersten Konzertteil noch akustisch 
gedrosselt, Gitarren und Stehbass zirpen da eher folkig, die Songs 
kommen in feingliederigsten Arrangements daher, so lassen die Männer 
in der zweiten Runde den elektrischen Strom aber ganz gewaltig von der 
Leine. Das ist nun härtester Rock. Sogar das süße Country Pie bellt 
Dylan als Rocknummer ins Volk, na meinetwegen! 

Er spielt endlose Zugaben Auch The Drifter kommt als fetziger Feger. Keine Spur mehr von der bizarren Melodie des Originals, die ja auch schon alles andere als singbar war. Dann nimmt er Anlauf zu All Along The Watchtower. Da geht, wie man in der Szene sagt, die Post ab, was immer das heißen mag. Das sind halt eben genau die drei Harmonien, bei denen das Volk in  wiedererkennender Verzückung regelrecht ausflippt. Zurecht Szenenapplaus! 

Die folkig und rockig durchwachsenen Zugaben, die gar kein Ende 
nehmen wollen, wären ein eigenes Konzert. Und wenn er am Ende auch 
noch seine zusammengesungene Edelschnulze Blowing In The Wind  
draufsetzt, ist das ein klares Zeichen, dass er sich wirklich wohlfühlt. 


bob Dylan in Regensburg 2000 - Bootlegcover