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Sally Barker im Vorprogramm


Offenbach 1991
Stadthalle 
Thomas Kirstein


Legende in den Jahren
Rockpoet Dylan sorgte für ausverkaufte Offenbacher Stadthalle
 

Don` t Think Twice It´s Alright - denk nicht nach, es geht schon klar. Bob
Dylans Klassiker aus den Sechzigern - am Mittwoch in der Offenbacher
Stadthalle textlich kaum verständlich, aber dennoch mitreißend intoniert - darf als
Aufforderung herhalten, sich nicht musikkritisch den Kopf zu zerbrechen, sondern
die Stimmung der 3000 älteren Fans als Beleg für ein gelungenes Konzert zu
akzeptieren. Gefallen hat´ s den weitaus meisten, was der Altmeister mit seiner
bodenstängig rockenden Drei - Mann - Band bot, Lieder, die schon zur
Rockgeschichte gehören, neuere Titel mit Abräumerqualitäten, beides nach
einigen Anlaufschwierigkeiten heftig beklatscht und gefeiert. Es passierte, was
sonst eher in Sportarenen zu beobachten ist: Der Beifall des Publikums peitscht
aus dem Akteur den vorhandenen Rest an Spielfreude heraus, beide schaukeln
sich hoch.

Anfangs ähnelt die Rocklegende einem müden Gärtner Pötschke, der die Harke
mit der Gitarre vertauscht hat; mit zunehmender Konzertdauer aber wird
glaubhafter, daß dieser heute 50jährige einstmals 500000 Woodstock - Pilger in
seinen Bann geschlagen hat. Zugegeben, bei der Beurteilung kann das
Bewusstsein mitspielen, dass nicht bloß irgendein alternder Rockfuzzy dort oben
auf der Bühne mit spätpubertären Faxen seine Rente aufbessern will - man
lauscht immerhin demjenigen, der wie kein anderer die Rockmusik
revolutionierte, indem er sie um eine kritisch - lyrische Qualität bereicherte. Und
was wären Manfred Mann oder die Byrds ohne melodische
Geniestreiche wie 
Mighty Quinn und Mr. Tambourine Man gewesen? Ganz zu schweigen davon,
dass auch heute noch fast jede Band mindestens eine Dylan - Nummer im
Repertoire hat und in der Regel auch besser und inspirierter interpretiert als der
Schöpfer selbst. Der nämlich, gehässig formuliert, veranstaltet mit seinem Oeuvre
zunächst ein heiteres Liederraten - dass All Along The Watchtower erklingt,
erschließt sich erst der nach ein paar Takten durch die wenigen verständlichen Textfetzen; das Liebeslied Lay, Lady, Lay erkennen sowieso nur noch die Eingeweihten; bei Shelter From The Storm erleichtert immerhin der Refrain die
Identifikation.

Darf denn einer so mit seinen Liedern umgehen? Darf denn einer seine ohnehin
schon brüchige, näselnde und nuschelnde Stimme in die endgültige
Giesskannenhaftigkeit treiben? Darf denn einer so grauslich Mundharmonika
spielen, dass man ihm am liebsten das Instrument aus dem Halter reißen möchte?
Darf denn einer dermaßen konsequent gegen die eigene Combo anklampfen? Ein
Bob Dylan darf das alles, solange er dabei nicht tödliche Langeweile verbreitet.
Genau das aber ist ihm nach dem Konzert in der Offenbacher Stadthalle nicht
vorzuwerfen.

Mag das Boulevard - Blatt gestern auch mitleidig getitelt haben "Bob Dylan in
Offenbach: Schade!", mag der treue Fan des "alten" Bob Dylan auch beklagen,
der Protest - Heroe von einst betreibe seine eigene Entmythologisierung, mag das
Bühnen - Charisma des Herrn Dylan auch dahin sein, mag ihm so mancher den Ruhestand empfehlen:
Don´t think twice,it´s alright. 


Sally Barker im Vorprogramm