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Oberhausen 2000
NRZ


Bob top in OB Dylan-Konzert

 
Bei Altmeistern beginnt die Kür etwas früher: Nach
75 Minuten war Bob Dylan, kurzer, später Grüsser, von der 
Arena-Bühne verschwunden - und kam für eine dreiviertel Stunde mit fünf bejubelten Zugaben zurück. 

Vielleicht hat er sich nur einen Jux gemacht, der "Mann mit der 
Dylan-Maske" (Dylan), bei dem Outing und Versteckspiel, zweiter 
Frühling und ewiger Herbst scheinbar auf ewig zusammenfallen und bei 
dem man immer damit rechnen muss, dass man mit allem rechnen muss: 
mit einem muffigen, müden, introvertierten Superstar, der gegen seinen 
Mythos annölt, seine Hits mit der Nase zersägt, das Publikum mit dem 
Rücken ansieht - und mit einem vor Ironie und Spielwitz funkelnden, vitalen Überraschungspaket wie am Dienstagabend. 

20.10 Uhr, "Bob Dylan live on stage", quicklebendig, als wäre das 
nach Herzoperation, Grammys und päpstlichem Segen ein kleines Wunder: 
Dylan vor einem Giga - Wolkenvorhang im Giftlicht, grausig-gelb, 
orange, lila, grellblau. Das Männchen selbst in weißem Gehrock: ein 
Entertainer, ein drittklassiger Zauberer, ein Clown, willkommen in Las 
Vegas von vorgestern! Dylan legt akustisch als Hobo los: der Mann lebt 
auf der Bühne, vielleicht nur da. Beim zweiten Song beginnt das heitere 
Hitraten - auch für die Gruppe um den Gitarristen Larry Campbell: Was 
spielt der jetzt? In welchem Tempo, Rhythmus? Aus dem Chaos formt 
sich die erste abenteuerliche, beglückende Song-Expedition. In der 
Originalhymne hatte Dylan, 37 Jahre her, die Eltern aufgefordert, sich 
aus Sachen rauszuhalten, die sie nicht verstehen. Jetzt, mit fast 59, klingt 
es, als nähme er, milde, leise, weise, mit demselben Lied die Eltern vor 
den Kindern in Schutz: The Times They Are A -changin´. 

Dylan singt sich durch sein ganzes Klangton-Repertoire, singt nichts 
kaputt und manches wieder heil, setzt sargtraurige Masters Of War  
neben heitere Hillbillys, Rotzrock neben Folkwalzer, und das One Too
Many Mornings klingt sanft wie ein Wiegenlied für sich selber. Er 
rauht auf, attackiert Song-Ikonen durch seine magisch - komischen 
rupfigen Dreiton - Soli und gießt über manches sentimental - albern 
dicke Country-Gravy-Sauce. Die jüngeren Songkinder von Time Out Of 
Mind lässt er unangetastet: It´ s Not Dark Yet ist zum Heulen tröstend 
und zärtlich, Love Sick die pure lustvolle Seelenqual, und wenn er, ein 
Mal nur, phrasenweise zur Harp greift und 40 Jahre Folkgeschichte 
wehmütig im Wind wehen, wirkt er wie Harpo. Man muss sich Bob
Dylan als glücklichen Menschen vorstellen.