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Klassiker auf dem Prüfstand
Bob Dylan in Oberhausen - Heute in der Kölnarena
Oberhausen. The Times They Are A-Changin. Dass sich die
Zeiten
ändern, trifft wohl am besten auf den Urheber des Songs
selbst, auf Bob
Dylan zu. Denn auf der Bühne der Arena in Oberhausen am
Dienstag
steht nicht der unnahbare Mythos, jener von Albträumen zerquälte
Sänger, der seine düsteren Botschaften dem Publikum entgegen
schleudert und der, wie kein zweiter Rockmusiker, mehr
Konzerte
nicht nur zur eigenen Pein, sondern auch zu der Pein seiner
Zuhörer
werden ließ. Fragt man Dylanologen - nur zu vergleichen
mit
Proustianern oder Exegeten von James Joyce in der Literatur -
welches
Konzert eines Künstlers das Beste und welches das
Grottenschlechteste
Der Dylan des Jahres 2000, in den nächsten Tagen wird er 59
Jahre
alt, kommt altersweise, entspannt und gut gelaunt daher, wenn
man
dies von jemanden sagen kann, der sich erstmals im
Zugabenteil
einsilbig beim Publikum bedankt und schnoddrig seine
vier
Begleitmusiker vorstellt. Doch es soll Zuhörer in den ersten
Reihen
geben, die sahen, wie bisweilen in Dylans Gesicht ein Lächeln
aufblitzte.
Rund 100 Minuten dauerte seine Show, die den etwa 4000
Zuschauern - Durchschnittsalter weit über 40 Jahren - einen
nahezu repräsentativen Querschnitt durch sein umfangreiches
Repertoire bot. Eine Retrospektive,
die die Facetten der eigenen Geschichte anreißt: den
Protestsänger, der
mit seinen Songs in den 60-er Jahren das Lebensgefühl und
Unbehagen
einer ganzen Generation ausdrückt, den Songlyriker, zu
dessen
Vergleich Rimbaud, Brendan Behan ebenso herangezogen wird
wie
Bert Brecht.
Und Bob Dylan, der Outlaw und Hobo, der sich den dunklen
Seiten Amerikas zuwandte. Dem mythischen Amerika der
Provinznester mit seinen Außenseitern und dem düsteren Erbe
alter
Folk- und Bluesstücke mit ihren existenziellen Dramen.
Doch sein Protest etwa in Masters Of War, ist nicht
mehr ein
apokalyptischer Aufschrei, sondern kommt eher lakonisch
daher.
Blowin In The Wind ist ein netter und aufrichtiger Song, der
aber
schon längst nicht mehr zur Friedenshymne taugt. Bisweilen
mutet
es an, als wolle Dylan die alten Klassiker noch einmal
einer
Bestandsaufnahme unterziehen, um live zu prüfen, welche ihrer
Inhalte
bis heute Bestand haben könnten. Dafür schlägt er nicht den
klagenden,
sondern den eher ruhigen und unaufgeregten Ton an, selbst das
sonst
typische endlose Ziehen mancher Silben unterlässt er.
Im Habit des verarmten Südstaatlers, mit hellem Gehrock
und
schwarzem Binder, steht er hoch konzentriert einer Band vor,
die dank
neuer und bisweilen überraschender Arrangements sowie
glänzendem Kollektivspiel selbst vermeintlich
"abgenudelten" Songs neuen Glanz
beschert. Das erste Drittel des Konzerts gehört ganz
dem
Countrysänger Dylan unter anderem mit Rowing Gambler, Tangled
Up In Blue und einer wunderschönen Version von It' s
All Over Now,
Baby Blue, das durch das betörende Spiel auf akustischen
Gitarren
besticht, während Larry Campbell die Pedal-Steel-Gitarre
herzergreifend und sehnsuchtsvoll zum Klingen bringt.
Spätestens bei Country Pie durften Schlagzeuger David
Kemper,
Bassist Tony Garnier und Gitarrist Charlie Sexton richtig
losrocken.
Bob Dylan mimt mit ironisch überzogenen Gesten Keith
Richards. In
den alten Tagen ein Rocker an der Gitarre, wer hätte das
gedacht?
Manche Songs, wie etwa All Along The Watchtower oder Watching
The River Flow sind auf Grund der ungewöhnlichen
Arrangements
erst nach einiger Zeit zu identifizieren. Bei der Zugabe fehlt
natürlich
nicht Like A Rolling Stone, das vor einigen Jahren
erfolgreich
gecovert wurde. Dies ließ Bob Dylan scheinbar nicht ruhen.
Seine
Replik heißt Not Fade Away. Und im federnd leichten Don'
t Think
Twice It' s Allright, dem 17. Song, greift der Meister
erstmals unter
dem Jubel des Publikums zur Mundharmonika - und das klang
sogar gut.
Dylans Auftritt in Oberhausen barg Gesprächsstoff genug für
alle
Dylanologen vor Ort. Jetzt warten sie nur noch gespannt
darauf,
ob sich die Nobelpreisjury in diesem Jahr durchringen kann,
Dylan den Literaturnobelpreis zu verleihen. Erste Anzeichen
wurden aus der ehrwürdigen Schwedischen Akademie
registriert. Sollte es mit dem Nobelpreis nicht klappen,
bleibt als Trostpreis die "Neverending"-
Welttournee, die bereits heute in der Kölnarena
Station macht. Es gibt noch Karten!
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