| "Like
a rolling stone" war der
musikalische Bruch
Der
amerikanische Kulturkritiker Greil
Marcus hat allein diesem Lied jüngst
ein über 300 Seiten dickes Buch
gewidmet. Für einen wie Marcus
versteckt sich in einem sechsminütigen
Rocksong die ganze Welt. Anderen geht
genau das ziemlich auf den Keks - wie
jede Dylan-Zeile mit Bedeutung
aufgeladen wird. "Die beste Musik
spricht die Seele an, nicht den
Verstand", meint der englische
Popliterat Nick Hornby. Die
Dylan-Verehrung sei "in gewisser
Weise antimusikalisch" - weil
"sie uns weismacht, das Herz würde
nicht zählen".
Der Meister selbst schlägt in die
gleiche Kerbe, will nicht allzu ernst
genommen werden - oder zumindest nicht
zuviel verraten. Seine Philosophie?
"Ich trinke keine harten Schnäpse."
Laut Bluesgitarrist Mike Bloomfield
haftete dem Junitag 1965, an dem in New
York "Like A Rolling Stone"
eingespielt wurde, wenig Magie an:
"He, Moment mal, Leute: die vier
Takte vor C, es-Moll mit Quartvorhalt,
es-Moll 7, dann ein Takt As mit Vorhalt
und dann As... okay? So sollte es
klingen!" Trotzdem steht fest, dass
der Mann, der im Mai 1941 als Robert
Allen Zimmerman in Minnesota geboren
wurde, mit einigen seiner Kompositionen
nicht nur die Musik, sondern eine ganze
Generation geprägt hat.
Kaum volljährig verließ das schmächtige
Bürschchen die Bergarbeiterstadt
Hibbing und landete bald im New Yorker Künstlerviertel
Greenwich Village. Mit Mundharmonika und
lässigem Auftreten, aber ohne Verstärker
zog der Folkmusiker Dylan durch die
Clubs. Und traf mit schräger Stimme und
anfangs noch eindeutigen Texten den Nerv
einer aufbegehrenden Jugend.
Das hymnische "The Times They Are
A-Changin’" schweißte Schüler
und Studenten in aller Welt zusammen,
die der Glaube verband, die Welt völlig
neu gestalten zu können. Als die frühen
Protestsongs um 1968 ihre stärkste
Wucht entfalteten, war ihnen Dylan
freilich längst um Meilen enteilt.
Die elektrische Gitarre in "Like A
Rolling Stone" markiert den
musikalischen Bruch - vom Folk zum Rock.
Inhaltlich, so Marcus, löste sich der
krauslockige Barde vom Image des naiven
Weltverbesserers und konfrontierte die
rebellische Jugend mit ihrem möglichen
Scheitern. Anders gesagt: Mit dem Album
"Highway 61 Revisited"
wandelte sich der engagierte Protestsänger
zum unergründlichen Rockpoeten.
In der Ballade "Desolation Row"
beispielsweise zieht ein bizarrer Reigen
merkwürdiger Gestalten - der
barmherzige Samariter, der sich kostümiert,
oder Einstein, als Robin Hood verkleidet
- vorbei, ehe die Verflossene erfährt,
dass der Sänger keine Briefe mehr
erhalten möchte. Mit derartigen Bildern
lässt der scheue Dylan die Welt allein
und baut sich seine eigene. Diese loten
selbsternannte Dylanologen (das gibt es
wirklich) bis in den verstecktesten
Winkel aus.
Doch der Meister, die Zigarette im
Mundwinkel, verschließt sich. Wovon
seine Songs handeln? "Das ist mir
zu hoch, Mann", antwortet er.
"Ich gehe einfach raus und singe
sie."
Bleibt die Ahnung, dass das Pokerface,
"His Bobness", trotzdem auf
der inneren Suche ist. Seine Muse, die
Folk-Lady Joan Baez, überließ er ihrem
Schicksal als Stimme der Linken.
Nacheinander wurde er Buddhist, Christ,
fundamentaler Jude. Seiner ersten Ehe
mit Sara Lowndes entstammt Jakob Dylan,
mittel erfolgreich mit der Band "The
Wallflowers".
Noch heute berufen sich Folksänger auf
Dylan, der einst in die Fußstapfen des
Tramps Woody Guthrie gestiegen war.
Professoren nominieren ihn für den
Literatur-Nobelpreis. Niemand will ohne
ihn. Dylan pflanzte dem Rock das Gehirn
ein und brachte sogar den Punk in die
Spur. "He not busy being born is
busy dying", singt er - wer sich
nicht ständig neu erfindet, stirbt.
Dazu gehört seine "Neverending
Tour", die ihn morgen nach München
führt. Auf dem 1997er Album "Time
out of mind" heißt es: "It’s
not dark yet but it’s getting there."
Noch ist es nicht dunkel. So lange rollt
der Stein weiter.
WERNER KURZLECHNER UND CHRISTINE
ULRICH
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