n.B.u
LEIPZIG 
REVIEWS

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Bob Dylan in Leipzig 2002


Leipzig 2002
Freie Presse
Matthias Zwarg


Audienz beim Meister

Bob Dylans entspannte Botschaften in Messehalle 7

Leipzig. Wer sich ändert, bleibt sich treu. Er ist immer derselbe: Robert
Zimmerman; der Meister lädt zur Audienz, am Freitagabend in der
Leipziger Messehalle 7. Aron Coplands „Fanfare For The Common Man“
und „Rodeo“ leiten die Show ein - live and in person: Bob Dylan and his
band. 

Im feinen Tuch, mit hellem Hut, ein Country - Gentleman vom Scheitel bis
zur Sohle. Auf dem Vorhang hinter ihm eine Krone und ein stilisiertes
Auge: Der König hat sein Volk im Blick. Mit einfachen Mitteln sendet der
Meistersinger Signale ins Parkett. 3000, 4000 mögen gekommen sein,
mehr als beim vorigen Leipziger Gastspiel während der Never Ending
Tour, wie seit Jahren generationenübergreifend.

Dylan ist besser drauf denn je zuvor - und auch die Eintrittspreise sind in
der Oberliga angekommen. Geschäft ist Geschäft. „Put yourself together
and wait for the light to shine“ singt er zu Beginn - es ist noch was zu
machen in der Welt, wenn wir zusammenhalten - The Times They Are
A-Changin´
legt er nach, zückt bald die Mundi unter tosendem Beifall und
zelebriert Desolation Row, seine kafkaeske Weltbeschreibung, die auch
nach 30 Jahren nichts an Faszination eingebüßt hat.

Mehr denn je ist er mit seiner Art Musik vielleicht „einen Morgen zu 
spät dran“ und deshalb wiedermal seiner Zeit voraus. Nach dem Beginn im
Country-Stil wechselt die Kapelle in die elektrische Abteilung; krachiger
Blues und rumpelnder Rock, bodenständig und kultiviert. Die Krone
verschwindet, und die Bühne wird in wechselnde Farben getaucht.
Wenige Songs nur von der neuen, hochgelobten Platte Love And Theft,
einiges von seinem Meisterwerk aus den 90ern Time Out Of Mind
unter anderem das prophetische Not Dark Yet: „It’s not dark yet, but it’s
getting there“. Dazwischen immer wieder Klassiker. Dylan gibt dem
Publikum, was das Publikum will, und gibt es ihm doch nicht.

Verfremdet, verschliffen, kunstvoll verschoben die Betonungen, 
widersetzt er sich dem Beharrungsvermögen und den Erwartungen nach 
einem Fixpunkt in der Welt, fordert immer wieder zum fröhlichen 
Titel-Raten und damit zur Auseinandersetzung heraus (die vollständige 
Set-Liste wie immer unter www. bobdylan. com). Nachdenklicher und
weiser klingen Tangled Up In Blue, Rainy Day Woman; gleißend
beleuchten die Scheinwerfer das Publikum bei Like A Rolling Stone, 
als würde Dylan sagen: Welche Antwort gebt ihr euch eigentlich auf 
die Frage „How does it feel“?

So entspannt wie Dylan mit seiner ausgezeichneten langjährigen
Begleitband musiziert - herausragend die ausgedehnten
Gitarreneskapaden mit Larry Campbell und Charlie Sexton, die diesmal
auch schön schräg mitsingen dürfen -, erscheint er wie einer, der sein
Maß gefunden hat. Reichlich zwei Stunden dauert die Show mit einem
langen Zugabenblock, bevor der Meister mit Forever Young noch einmal
seine Hoffnung bekräftigt. Ans Ende hätte gut Tryin’ To Get To Heaven
Before They Close the Door gepasst, aber er hat Blowin’ In The Wind
gesungen, wie immer, nur diesmal mit besonders eindrucksvollen
Versprechern. Auch da ist er sich treu geblieben.

Am Ende verbeugt sich der 60-Jährige vor dem Publikum, fast sinkt
er auf die Knie: Ich bin, was ich bin, durch euch, und werde immer ein 
anderer sein. Er wird in den Rock-Himmel kommen, bevor sie die Tür
schließen - viele werden ihm die Tür offen halten.


Bob Dylan in Leipzig 2002