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Die Stimme des Leidens
Es war das Jahr 1970, als Bob Dylan die Platte mit dem
programmatischen Titel ‚Self Portrait‘; veröffentlichte.
Der Sänger hatte dafür auch ein Stück seines Kollegen Paul
Simon aufgenommen, ‚The
Boxer‘, und er hatte es mit sich selbst im Duett gesungen.
Es hört sich an wie eine durch den Wolf gedrehte Version von
Simon & Garfunkel, die eine der beiden Stimmen wirkt wie
die eines schmierigen
Elvis-Presley-Imitators, die andere aber spuckt das Geständnis,
auch mal bei den Huren auf der 7th Avenue gewesen zu sein, in
bester Dylan-Manier heraus: Verwischt, vernuschelt, und aus
welchem
Grund sollte man den Ton halten? Die Platte fiel überall
durch. Ein amerikanischer Kritiker schrieb: "What a shit."
Zu dem Zeitpunkt war Dylan schon acht Jahre lang im Geschäft,
eine Spanne, die heute
locker von sieben Boygroups gefüllt wird, und er hatte zehn
Alben veröffentlicht. Und jetzt, im Jahr 2000, ist er
immer noch da, tourt durch die Lande, und die Liste mit den
Platten umfasst 43 Positionen
einschließlich der soeben erschienenen "Best of"
Numero zwei.
Dylan wird demnächst 59, er wurde am 24. Mai 1941 als Robert
Allen Zimmerman in Minnesota geboren, seine Vorfahren waren
russische
Juden. Dass er seinen Künstlernamen aus Wertschätzung für
den walisischen Dichter Dylan Thomas gewählt hat, wird zwar
gerne herumerzählt, aber er hat es immer dementiert.
Allerdings muss man
auf Dylans Dementi nicht allzu viel geben: Er hat sich ja auch
angeblich nie für Politik interessiert. Dafür hat er die Masters
of War angeklagt und ihnen gedroht, eines Tages auf ihre
Gräber zu spucken. Oder er hat in
"Hurricane" der amerikanischen Justiz vorgeworfen,
sie habe den schwarzen Boxer Rubin Carter zu Unrecht wegen
Mordes verurteilt - nur, weil er schwarz war. Dennoch hat
Dylan keine Botschaften. Er erzählt einfach Geschichten, die
ihn beschäftigen, von sich selbst oder von anderen. Er ist
dabei gar kein guter Dichter - er verwendet in seinen Texten
immer noch Bilder, in denen die Wolken weinen oder die
Stille laut wie Donner ist. Er kann auch nicht exzellent
Gitarre spielen.
Und natürlich kann Dylan nicht singen. Aber genau deswegen
ist er so gut. Er hat immer gemacht, was er wollte, und hat
sich dabei keinen Deut um Konsumenten oder Kritiker gekümmert.
Als Dylan 1965 der Protestsängerbewegung den Rücken kehrte
und seine Gitarre elektrisch verstärkte, wurde er ausgebuht.
Als er irgendwann später Country-Stücke aufnahm, faßten
sich die Rezensenten an den Kopf. Als er Mädchenchöre
einsetzte, sah man ihn einem schon wieder vergangenen Trend
hinterherlaufen. Als er Gott entdeckte, zum Katholizismus
konvertierte und
darüber sang, hielt man ihn für komplett durchgedreht. Aber
er scherte sich nicht drum. Wenn er etwas Neues machen wollte,
dann tat er das, selbst wenn es etwas Altes war. Er fuhr 1978
nach Japan und nahm ein Live-Doppelalbum auf, das ausschließlich
aus alten Stücken bestand,
einschließlich der Schullandheimlagerfeuerhymne Blowin' in
the Wind. Joan Baez, die mit Dylan eine Weile liiert war,
bevor er 1965 seine Frau Sara kennenlernte, hat 1975 auf ihrer
Platte "Diamonds and Rust" Dylans Simple Twist of
Fate aufgenommen. Es stammte von dem Album
Blood on the Tracks, in dem Dylan sich mit einer gar nicht so
einfachen Wendung des Schicksals befaßt hat: mit dem
Scheitern seiner Ehe. Baez singt dieses Trennungslied mit der
traurigen Kopf-hoch-Mentalität
mit ihrer hellen FolkStimme. In einer Strophe parodiert sie
Dylan, verschluckt Silben und verschmiert die Töne. Zuerst
wirkt das lustig. Aber es macht deutlich, worin Dylans
Meisterschaft besteht:Dass er so ist, wie er ist. Dass er
singt, wie er singt, obwohl das gar kein Gesang ist. Es ist zu
Tönen gewordene Verletzung. Noch deutlicher wird das, wenn
man den alten Dylan hört, so wie er jetzt singt, wie auf der
1997 erschienenen Scheibe Time out of Mind. Er krächst
die Worte von der alten Sehnsucht
nach Liebe, die ihn immer noch krank mache, hervor, röchelt
sich durch eine endlose, schwermütige Wanderschaft, berichtet
von den neuen Augen, die er jetzt habe, aber: "Everything
looks far away." Viel mehr als sein Gitarrengeschrammel
und seine Texte transportiert Dylans Stimme das Schlingern des
Lebens, das Leiden an den Kriegen in der Welt wie in
den Wohnzimmern, die Schmerzen des Altwerdens, und dass man
all dem nicht entgeht, wenn man es wegzuschieben versucht.
Dass man weitergehen muss, auch wenn man kein Ziel sieht.
Diese Stimme, die
auch zornig und zärtlich sein kann, diese Stimme ist es, die
Dylan einen direkten Zugang zur Seele des Zuhörers
verschafft. Neuerdings wird Bob Dylan als Kandidat für den
Literaturnobelpreis gehandelt. Eigentlich müßte er einen
Nobelpreis dafür bekommen, dass er nicht singen kann.
Bob Dylan spielt am morgigen Freitag um 20 Uhr in der
hannoverschen Stadionsporthalle. Es gibt noch Karten an der
Abendkasse.
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