n.B.u
HANNOVER 
REVIEWS

n.B.u
HANNOVER 
REVIEWS


Bob Dylan in Hannover 2000


Hannover 2000
Hannoversche
Zeitung
Matthias Schmidt


Bob Dylan fasziniert in der Stadionsporthalle Hannover


Der helle Südstaatenanzug sitzt perfekt, über der Schleife am Hals 
ragt der wuschelige Kopf hervor. Zugeknöpft wirkt das auf den ersten 
Blick, wie das passende Outfit eines großen alten Grantlers und 
nörglerischen Eigenbrötlers - wie man Bob Dylan eben kennt. Doch 
schon beim zweiten Titel, The Times They Are A-Changing, den der 
Altmeister des Folkrock am gestrigen Abend in der hannoverschen Stadionsporthalle anstimmt, machen sich Verzückung und Jubel breit: 
Er ist gut drauf. Dylan hat durch frühere, eher desolate Auftritte in 
Hannover nicht unbedingt neue Freunde gewonnen, doch wer ihn
schätzt, lässt sich von vergnatzten, vernuschelten und früh beendeten
Konzerten nicht vergraulen - das ist nun mal das ungeschminkte 
Gesicht des Meisters, das ist ehrlich, wenn auch ärgerlich.

Dafür zieht er heute die 3500 Menschen in seinen Bann. Natürlich 
gibt's auch diesmal kein persönliches Wort, und das ihm eigene 
verhuschte Singen ist auch nicht grundlegend anders geworden - aber, 
siehe, zu Desolation Row schlenkert er gar mit einem Bein. Die 
Band spielt zurückhaltend, aber schwungvoll; zwei akustische Gitarren 
ein Kontrabass und ein Schlagzeug begleiten Strophe um Strophe, Solo 
um Solo Dylans. ,,Tääängled up in blue", geradezu übermütig ,,intoniert", 
macht die ganze Größe dieser charismatischen Stimme deutlich: Schneidend-schlunzig, nuschelig-nasal, aber sie bestimmt das 
Geschehen. Sie fasziniert.

Er, der Mitte der sechziger Jahre den Folk um den Rock erweiterte, 
indem er plötzlich zur E-Gitarre griff, der die Rockmusik von der 
Banalität befreite, der 40 Jahre seinen Weg ging, ohne sich um Kommentare von Kritikern zu kümmern, er spielt auch kurz vor seinem 59. Geburtstag einen Mix aus Folk, Country, Blues und Rock‘n' Roll.

Zur Mitte des Konzerts wird es zupackender, elektrische Instrumente 
greifen ein, das Prinzip aber bleibt: Rund schaukelt die Musik, scharf 
schneidet der Text. ,,Die Melodie ist unwichtig", hat Dylan vor 34 
Jahren einem Journalisten erzählt, ,,die kommt einfach so."

Auch wenn man Dylan, der der Öffentlichkeit gegenüber schon immer 
wenig auskunftsfreudig war - Fotografen sind bei dieser Tournee erst 
gar nicht zugelassen - nicht jede Interview-Antwort abnehmen sollte: 
Hier könnte er es ernst gemeint haben. Zumal er live seine Klassiker in
 immer wieder neue Formen packt, und dabei schließt er die Melodien 
nicht aus. "Welches Stück ist das?" "Ich glaube...nein..." ist ein oft gehörter Dialog unter Zuhörern. Begeisterter Applaus ruft Dylan nach 90 Minuten zum Zugabenblock. Satter Rock beschließt den Abend, darunter Like a rolling Stone, durchaus zum Wiedererkennen. Und es ist nicht nur Nostalgie, die diesen Abend so großartig werden lässt: Ein Klassiker lebt.

Und ist gut drauf.


Bob Dylan in Hannover 2000