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Bob Dylan in Hannover 2000


Hannover 2000
Newsclick
von
Roland Comes


Bob Dylan gab begeisterndes Konzert in Hannover


Bequem war er nie, weder als Künstler noch als Mensch. Als einen, 
der ständig Blumen pflückt, konnte man sich Bob Dylan nie recht 
vorstellen, auch wenn er sich Anfang der 80er Jahre mal mit einer Rose 
in der Hand auf einer Plattenhülle ablichten ließ. Doch der jüdische 
Kaufmannssohn Robert Allen Zimmermann aus Duluth im 
US-Bundesstaat Minnesota war schon immer für Legendenbildungen 
um seine Person gut, und so gehört sein It Aint't Me, Babe von 1964 
(aus dem die Absage ans Blumen pflücken stammt) wohl zu den wenigen Textdokumenten, in denen er einen Blick hinter die Maske gewährt hat. 
Dieses "Ich bin's nicht" gilt für alle Etiketten, die Dylan im Laufe seiner 40-jährigen Karriere umgehängt wurden - geblieben ist genau
jene Eigenschaft, mit der er schon bei seinem Auftauchen im New 
Yorker Greenwich Village im Winter 1960/61 seine Umgebung faszinierte: die Besessenheit von beinahe jeder Art von Musik, die ihn alles, was er vorfand, wie ein Schwamm aufsaugen ließ und die ihn einen Stil entwickeln half, der in der Geschichte der Rockmusik fast einzigartig ist. Und nun, im Mai 2000, ist er also mal wieder in deutschen Landen zu Gast.

Seine "Neverending Tour" führte Dylan am Freitagabend in die 
Stadionsporthalle Hannover, und er präsentierte sich den etwa 6000 
Zuhörern so frisch, so unter Hochspannung wie schon lange nicht mehr. 
Vor allem stimmlich ist er wieder auf der Höhe, will sagen, er knautscht, 
quetscht und jodelt wie zu besten Zeiten. An diesem Abend ließ er die Titel seines bislang letzten Albums Time Out Of Mind weitgehend im Koffer und kramte dafür jede Menge aus der Abteilung 
"die Legende lebt" hervor. Dylans Lieblingsspielzeug offenbar. Wie er 
seine Songs musikalisch wie textlich in ihre Bestandteile zerlegt, 
manchmal buchstäblich zertrümmert, manchmal nur noch Erinnerungsfetzen in die Gehörgänge jagt und mit Rock 'n' Roll der härtesten Sorte sofort wieder wegspült, ist ein elektrisierendes Erlebnis. Bevorzugtes "Opfer"  dieser Frischzellenkur sind gerade solche Stücke, die für ältere Dylan-Fans Teil des Evangeliums sind: The Times They Are A-Changin'  etwa oder Blowin' In The Wind. Einst, im nur mit der akustischen Gitarre begleiteten Original, dienten sie der vereinigten Linken der westlichen Welt als Schlachtrufe für den Angriff aufs Establishment; nun, da die Revolutionäre von einst brave Bürger geworden sind und 
teilweise schon aufs Rentenalter zugehen, stimmt Dylan - der selbst am 
24. Mai 59 wird und vierfacher Vater ist - den zynischen Abgesang auf 
die Ideale von einst an:

Kommt, Mütter und Väter im ganzen Land, 
und kritisiert nicht, was geht gegen euren Verstand.


Wenn er dann gemeinsam mit seinen Co-Gitarristen Larry Campbell 
und Charlie Sexton den Tombstone Blues anschlägt, weiß man, welche 
Glocke Dylan da anschlägt: Der mehrmals Totgesagte feiert eine Party auf 
seine Weise, und zufällig ist auch noch Publikum dabei. Das tanzt im 
Wirbel der peitschenden Rhythmen, erlebt zum großen Staunen, dass 
der Mann tatsächlich Gitarre spielen kann, auch die krachendsten Soli, und als er dann bei Leopard-Skin Pill-Box Hat zur Mundharmonika greift,  bebt die Halle. Zunächst ob der Kraft und Leidenschaft, die sein Spiel auszeichnet, dann vor Begeisterung. Dermaßen in Laune und Fahrt, 
machen Dylan und Band sogar solche abgelutschten Kamellen wie 
Country Pie oder I' ll BeYour Baby Tonight wieder erträglich. Zumal 
das Konzert als Wechselbad der Gefühle die irrsinnigsten Kombination
präsentiert: Dem apokalyptischen Zivilisationsporträt in
Desolation Row folgt eines der intimsten Dylan-Lieder, 
Tomorrow Is A Long Time diesmal als Country-Rock-Version. Nach 110 pausenlosen Minuten verabschiedet er sich mit einem 
ohrenbetäubenden Rainy Day Women, lächelt und winkt: So gut
gelaunt wirkt Dylan öffentlich selten.


Bob Dylan in Hannover 2000