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Der
tricksende Schlager-König
Bob
Dylan arbeitet beim Auftakt seiner Deutschlandtournee in
Hamburg weiter an einem wundersamen Gesamtkunstwerk, das man
erkennen und lieben, aber nicht erklären kann.
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Man
bereitet sich vor, so isses ja nicht. Man liest, sucht
Trüffel im Internet, hört ein paar Platten. Dabei
stellt man fest, dass Bob Dylan, den man gleich in
Hamburgs so genannten Docks vor kleinem Publikum sehen
wird, in letzter Zeit seine Konzerte gern mit „To Be
Alone With You“ eröffnet, einem eher obskuren
Schlager von der countryfizierten „Nashville
Skyline“-Platte aus den späten 60er Jahren. Und
dass er live vorwiegend Klavier spielen soll.
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Schlager
zu schreiben war damals noch ein veritabler Beruf, und
Dylans Vermarkter sahen ihn anfangs sicher eher als
Autor denn als Interpreten: Wie sollte einer mit der
Stimme einer rostigen Gießkanne auch Pop-Star werden
können? Also setzte er sich gelegentlich bei
Musikverlegern hinters Piano und sang ihnen
Musterkoffer voll, mit denen sie hausieren gehen
konnten bei Odetta und den Byrds und Peter, Paul &
Mary. Für jeden etwas. Und so viel, dass Dylan allein
im Jahr 2003 bisher 102 verschiedene Lieder auf der
Bühne aufgeführt hat, ohne damit seine
Song-Ressourcen auch nur annähernd auszuschöpfen.
Nun war aber auf der Bühne in Hamburg weit und breit
kein Klavier zu sehen, und als die Lichter ausgingen
und die Musiker rauskamen, rumpelte keineswegs das
Erwartete aus den Boxen, sondern eine schwer herunter
gewirtschaftete „Maggie’s Farm“. Und Bob Dylan
stand hinter einem unscheinbaren E-Piano, hingehutzelt
vor sein Mikrophon, in das er erst einmal einen Sack
voll Mundharmonikakartoffeln entleerte: Weiter kann
man von gelackt zur Schau gestellten Arbeitsproben
für den Wiederverkauf nicht entfernt sein. Da liegen
mehr dazwischen als dreißig Jahre. Das hat ein Leben
gedauert und ein Leben erfordert, bis man so etwas
kann und darf.
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Aus den
Musikruinen von „Maggie’s Farm“ erstand im Lauf
von zwei Stunden wieder eines jener wunderlichen
Gesamtkunstwerke, die man Dylan-Konzert nennt. Auch
wenn ich ihn hier zum vielleicht zwanzigsten Mal sehe,
den großen Trick kann ich einfach nur beschreiben,
nicht erklären. Zuerst steigt die Dame im Bikini in
den Kasten, dann wird ein wenig mit Tüchern und
Reifen hantiert, schließlich eine Säge hervor geholt
und die Kiste durchgesägt. Hinten wackeln die Zehen,
vorne lächelt der Mund und in der Mitte ist deutlich
sichtbar getrennt, was eigentlich zusammen gehört.
Applaus und Vorhang. David Bowie vermag nur
Abziehbilder seiner alten Lieder zu präsentieren. Die
Stones perfektionieren die Karikatur. Neil Young
variiert mit Verve das ewig Gleiche. Und Lou Reed
macht sich über uns lustig. Aber nur Bob Dylan
schafft die Lieder bei jedem Konzert neu. Oder
zumindest vermag er diese Illusion zu erzeugen.
Rhythmen werden gewechselt und die Tempi, die
Instrumentierung, die Einzelbestandteile der Texte,
die Haltung zu den Songs, alles ist im Fluss; längst
aufgegeben Geglaubtes ersteht neu: Das einzig
Konservative an einem Dylan-Konzert ist der Glaube an
die permanente Umwälzung des Gesicherten. Dazu
braucht es die geeigneten Musiker, und die hat Dylan
zur Verfügung, seit er sich seine Working Band um
Tony Garnier und Larry Campbell leistet, aktuell
ergänzt um den hart rockenden Schlagzeuger George
Recile und den Gitarristen Freddie Koella. Dieser hat
Charlie Sexton abgelöst, und was man für einen
Verlust halten musste, erweist sich als Zugewinn:
Jetzt erst hört man, dass sich Campbell und Sexton
vielleicht zu oft im Weg waren. Koella bringt einen
tieferen, wärmeren Rock’n’Roll-Ton in die Musik
ein, Campbell verlässt sich vornehmlich auf die
Rhythmusarbeit. Nein: das Rhythmusvergnügen.
Denn hier wird plötzlich das noch niegelnagelneue „Cry
A While“ wie das steinalte „It's Alright Ma“ –
der frühe und unzweifelhafte Höhepunkt des Konzerts
– einer fast Magic Band-haften Verdichtung
unterworfen, Dylan im Beefheart-Kompressor, dazwischen
tänzelnder Freilauf, tippelnde Teeniehaftigkeit bei
„If You See her Say Hello“, danach erschlaffte
Lounge-Musik im „Moonlight“ oder Caligari-hafter
Gruselexpressionismus bei „Man in the Long Black
Coat“. Donnernder Fast-Metal bei „Cold Irons Bound“
und „All Along the Watchtower“. Aufgekratzt
swingender Scheinrockabilly über „Summerdays“,
die längst vergangen sind. Mehrstimmiger Gesang und
akustische Einlagen sind Vergangenheit: Dylan, meist
am Keyboard – für drei Stücke nur beschwert er
sich mit der E-Gitarre – scheint ein fast
unverschämtes Vergnügen zu haben an dieser
feuerspuckenden, schwertschluckenden Gaukelei aus
fünf Jahrzehnten Lebenswerk; mal gurrt er die Texte
einem Gretchen ins Ohr wie Mephisto, mal rezitiert er
sie scharf, ja brechtisch. Dann spuckt er Häme,
bleckt obszön die Zeilen ins Mikrofon – ein
scharfer, ein erschreckender Kontrast dann, wenn er
zum Abschied vor sein Publikum tritt, ein alter Mann,
sicher nicht bei bester Gesundheit. Als habe mit dem
letzten Ton, der letzten Textzeile alle Kraft seinen
Körper verlassen. Und so ist es wohl auch.
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