Hamburg/MZ. Neunzehn Uhr, das "Docks" auf der
Reeperbahn. Keine Zeit, kein Ort für ein Rockkonzert? Aber
sicher doch, und ob! In der Hamburger Musikkneipe, etwa so
groß wie die hallesche Easyschorre, hat Bob Dylan am
Freitag seine Deutschlandtour begonnen, übermorgen wird er
in Leipzig sein.
Das Wort Deutschlandtour ist
freilich in gewisser Weise irreführend angesichts dessen,
was den Großmeister der Verstellung und des Hakenschlagens
seit Jahren umtreibt in seiner unendlichen Weltreise - ein
einsamer, düster-genialischer Wolf, der den Mond anheult.
Aber das ist eben auch nicht mehr als eine der lyrischen
Legenden um Dylan, die allerdings zu den bestplatzierten im
Pop-Geschäft gehören. Sie werden von den Fans umso
begieriger aufgenommen, als sie ihrem Idol niemals näher
kommen, als sie es doch schon sind - wenn er singt, gibt er
ein Stück von sich preis. Das kann mal größer, mal
kleiner ausfallen, je nach Tagesform und Laune. In Hamburg,
am Freitag auf der Reeperbahn, gibt es ein dickes Stück
Dylan.
Eingekeilt, dass kein Ohnmächtiger
umfallen könnte, umwabert von Deodiesel, Kneipendunst und
ein paar zünftigen Haschischwölkchen, erleben glückliche
Menschen den 62-jährigen Sängerpoeten und seine Band in
großer, entspannter Form. Kopenhagen war gestern, in einem
Monat wird es Dublin sein - niemand weiß, ob Dylan weiß,
an welchem Punkt seiner Reise er gerade ist. "Hallo
Hamburg" hat er jedenfalls nicht gerufen und auch nicht
"Danke" gesagt. Die Reise unternimmt er zu sich
selbst, auf dem Ticket steht Blues, zeitweilige
Genossenschaft des Volkes im Saal ist willkommen.
Vielleicht ist ja auch Wolf
Biermann da, wer weiß. Das Gedränge ist groß, Herr
Biermann ist klein. Eben hat er Dylans "Eleven Outlined
Epitaphs" nachgedichtet (Kiepenheuer &
Witsch"), feine Arbeit. Nur eins der beigefügten
Notate, das Ostberliner Dylan-Konzert von 1987 betreffend,
macht den Zeugen gallig: "Der amerikanische Mietkünstler
sah nun die dressierten Blauhemd-Kolonnen der Staatsjugend
vor sich". So war das also!
Mensch, Biermann, da lob ich mir
das Original: Das zornige Lied von "Maggie's Farm"
singt er mit solchem Gänsehaut-Groove, dass heller Jubel
herrscht in allen Herzen. Genau dieser Song ist es, den er
hier als ersten spielen muss. Dieses Stück ist es, das die
Leute jetzt brauchen. Dylan macht das einfach großartig. Er
gibt ihnen, was sie hören wollen. Eben hatten sie das noch
gar nicht gewusst. Er erfindet seine Stücke immer und immer
neu, er lässt den Rhythmus im Augenblick fallen und jault
wie der verlorene Liebende, der er selber war und ist:
"Boots Of Spanish Leather" singt er und das
wundervolle "Love Minus Zero / No Limit". Am Ende
knallt er noch "Like A Rolling Stone" und
"All Along The Watchtower" hin. Dylan ist nicht
zurück - er war niemals fort, Freunde.