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Ein Magier und seine Songs
Bob Dylan: Auf seiner "Never
Ending Tour" trat die Rock-Ikone an zwei Abenden in
Hamburg auf.
Die Sicherheitskräfte im Docks haben
alle Hände voll zu tun. Jeder Besucher wird sorgfältig
abgetastet, jede Tasche mit Argusaugen durchsucht - nicht nach
Waffen oder Alkohol, sondern nach Kameras. Denn seit einigen
Jahren ist Bob Dylan so publicityscheu, dass ein Blitzlicht zu
einem abrupten Konzertende führen kann. Deshalb haben auch
noch nicht alle Fans die Kontrollen passiert, als Robert Allen
Zimmermann am Sonnabend beim zweiten seiner beiden
Hamburg-Auftritte in gewohnter Pünktlichkeit um 19.07 Uhr auf
die Bühne des Docks kommt.
Der in einen mit silbernen Nieten beschlagenen schwarzen Anzug
bekleidete Dylan greift nicht zu seiner Fender Stratocaster,
sondern stellt sich am linken Bühnenrand hinter ein E-Klavier
und drückt in den folgenden zwei Stunden die Tasten eher
anfängerhaft, als dass seine Finger virtuos über das
Keyboard fliegen. Aber wegen seiner instrumentalen
Fähigkeiten hat sich noch kein Fan eine Eintrittskarte
gekauft, auch kaum wegen seiner krächzenden, näselnden
Stimme. Er kann nicht spielen, er kann eigentlich nicht
singen, doch er fasziniert ein großes Publikum seit 1962, als
er 21-jährig sein erstes Album veröffentlicht und zur New
Yorker Folkszene zählt, die später zur Protestsongbewegung
wird.
Es sind seine Songs und ihre immer
neuen Interpretationen, denen man sich nicht entziehen kann.
Es sind die Weltklassemusiker, die Dylan immer wieder um sich
schart und die ihn bei seiner "Never Ending Tour"
begleiten, die 1988 in Los Angeles begonnen hat und in deren
Verlauf Dylan mehr als 1500 Shows mit mehr als 400
verschiedenen Songs und insgesamt 14 wechselnden Musikern
gespielt hat. Vielleicht sind es auch der tiefe Respekt und
die Bewunderung, die diesem Ausnahmekünstler und wichtigsten
Songschreiber der vergangenen Jahrzehnte entgegengebracht
werden. Oder die Geheimnisse, die ihn umgeben. Denn Dylan gibt
keine Interviews, über sein gegenwärtiges Privatleben ist
nichts bekannt. Nur seine Platten sind da und seine Konzerte.
Die beiden Hamburger Abende eröffnet
er mit "Maggie's Farm". Doch neun von 17 Songs
wechselt er in der Sonnabend-Show gegenüber dem Vorabend. Zum
Beispiel eine rockige Version von "Highway 61 Revisited"
ist gegenüber dem Original von 1965 kaum wiederzuerkennen.
Oder das schnelle "Tweedle Dee & Tweedle Dum"
aus seinem jüngsten Studio-Album "Love & Theft".
Dylan und seine Band mit den Gitarristen Larry Campbell und
Freddie Koella, Bassist Tony Garnier (der ihn seit 1989
begleitet) und Schlagzeuger George Recile spielen einen Set
aus temporeichem groovenden Rock und Bluesstücken, neue Songs
aus "Love & Theft" neben Klassikern wie "It's
All Over Now, Baby Blue" und "It's Alright Ma (I'm
Only Bleeding)". In der Zugabe gibt es mit "Like A
Rolling Stone" und "All Along The Watchtower"
noch zwei der bekanntesten Dylan-Songs.
Kommunikation mit dem Publikum gibt
es während der 130 Minuten des Konzertes nicht. Ein auf die
Bühne geworfener Blumenstrauß wird ignoriert und schnell von
einem Roadmanager weggeräumt. Dylan schenkt dem Publikum
seine Songs, aber sonst nichts. Kein "Danke,
Hamburg", am Ende immerhin die Andeutung eines Lächelns
und einer Verbeugung. Am Hinterausgang des Docks wartet
bereits der Tourbus. Minuten später haben Dylan und seine
Band ihn bestiegen. Keine Autogramme, nur schnell weg. Denn
die "Never Ending Tour" geht weiter und weiter. In
ein bis zwei Jahren wird Bob Dylan wieder nach Hamburg kommen.
Mit der gleichen Griesgrämigkeit und einem anderen Programm.
Und seine Fans werden wieder zu Tausenden kommen. Denn wer mit
dem Dylan-Virus infiziert ist, kann sich seiner Musik nicht
entziehen.
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