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Das Hamburger Konzert war gut. Ein sanft ansteigendes
Mundharmonikasolo führte in ein Just Like A Woman , das auf dieser
Tour noch manche Bearbeitung und in Barcelona eine völlig ausgefreakte
Version erleben sollte. Bei Like A Rolling
Stone wird man von einer
Hamburger Version sprechen müssen. In einer Vorschau auf die
Tour hatte ich die Frage aufgeworfen, ob Dylan auch Lieder aus der Phase
seiner Entwicklung bringen würde, in der er alle Hoffnungen und Glückserwartungen auf die
Erlösung durch Jesus projezierte. Er brachte:
When You Gonna Wake Up? Auf Slow Train Coming klang das schrill
wie ein Weckruf. Heute hat Dylan das Lied zu einer seiner typischen
Fragen umformuliert und gleich mit einer vorweggenommenen Antwort
versehen: "Maybe you never will."
Das Hamburger Konzert war gut. Es war gut bis zu jenem Augenblick,
als Joan Baez die Bühne betrat, um das
mit Spannung erwartete Duett
mit Bob Dylan anzustimmen.
Wer eigentlich war auf diesen Augenblick so gespannt? Das Publikum?
Von denen, die da waren, sicherlich viele. Joan Baez? Sie wohl auch.
Bob Dylan? Die Partnerin aus den frühen Jahren auf die Bühne zu bitten,
wenn sie schon mal da ist und im Rahmen der gleichen Veranstaltung
auftritt, ist nichts Ungewöhnliches. Aber wusste Dylan, dass damit der
Beginn der ‚Reunion‘ gefeiert werden sollte? Hatte er überhaupt eine
Ahnung vom Konzept seines
bundesdeutschen
Veranstalters? Es ist schon merkwürdig: Die Tour läuft unter einem Leitmotiv, und der
dazugehörige
Song taucht in der Programmvorschau nicht auf - war nie vorgesehen,
wie
die in Verona verteilte Songliste belegt.
Der gemeinsame Auftritt geriet denkbar kurz. Auch das nichts
Ungewöhnliches. Joan Baez sang zu drei Strophen von Blowing In The Wind
die zweite Stimme. Der
Auftritt geriet jedoch zu kurz, wenn man seine
Länge an den Erwartungen
misst, auf die das Publikum und die
Massenmedien eingestimmt waren. Der Auftritt schlitterte gerade noch
an die Grenzen des Eklats vorbei und geriet zu einem Augenblick höchster Peinlichkeit für alle, die nahe genug standen, um die Einzelheiten
wahrzunehmen.
Joan Baez versuchte, dem kurzen Augenblick in der Erinnerung des
Publikums Dauer zu verleihen, indem sie wirklich jede Chance nutzte,
sich nach vorn zu spielen. Sie
krallte Dylan, legte ihm vertraulich den Arm
um die Schulter und setzte gar während Santanas Zwischenspiel zur
Andeutung eines Flamencotanzes an. Dylan schaute starr und unbeweglich
an ihr vorbei auf der Suche nach einem Blickkontakt zu Carlos Santana,
der über Blowing In The Wind auf der akustischen Gitarre halsbrecherisch improvisierte.
Bis dahin war alles ein Missverständnis, für das der Promotor
verantwortlich zeichnet. Von da ab wurde es zu einem künstlerischen
Problem, für das Joan Baez die
Verantwortung alleine zu übernehmen
hatte. Das Problem: Joan Baez lebt von der Aura der 60er Jahre und der
Rolle, die sie damals spielte. Dylan lebt heute, und so ist seine
Musik.
Joan Baez hat sich noch immer nicht entschieden, ob sie in der
Rockarena von Verona oder der Scala von Milano auftreten will. Weil
sie beides will, ist sie in ein
künstlerisches Fiasko gerasselt, wirkte sie,
wie die ‚Nürnberger Nachrichten‘ schrieben, neben einem ‚zornigen
Mann‘ wie dessen ‚weinerliche Tante‘.
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