Bob Dylan im Konzert
Rock ist seine neue
Mission
03. Juli
2006 Das Amphitheater in Gelsenkirchen,
hineingebaut in den Rhein-Herne-Kanal, ist ein
romantischer Ort, wie man ihn im Ruhrgebiet zuletzt
erwartet. Behäbig ziehen Lastkähne durch eine
Gartenlandschaft, im wolkenlosen Abendhimmel kreuzen
Schwalben, neugierige Paddler nähern sich der
Konzertbühne von der Wasserseite. Es ist ein idealer
Ort für das, was zur Zeit „The Bob Dylan Show“
heißt: die Never Ending Tour in ihrem neunzehnten
Jahr und, wie schon nach den ersten Takten zu bemerken
ist, in Bestform.
Vielleicht liegt es auch an
diesem Ambiente, daß Dylan bei seinem einzigen
Deutschland-Konzert dieses Jahres so gut aufgelegt
ist. Wer allerdings erwartet, in dieser „Show“
etwas zu sehen zu bekommen, wird gründlich enttäuscht.
Keine Lightshow, keine Dekorationen (außer der
Landschaftskulisse), nur fünf Gentlemen in hellen Anzügen,
in ihrer Mitte ein dunkelgekleideter sechster. Sie
stehen oder sitzen an ihren Instrumenten, konzentriert
und kaum bewegt, zwei Stunden lang. Nur ihre Musik
tanzt, daß es eine Lust ist.
Weiß der Himmel, wie er
das macht
Wo Dylans Konzerte früher
oft mit dem Chaos kokettiert haben, da dominieren
jetzt Präzision, Professionalität und eine mitreißende
Spielfreude. Nur während der ersten Minuten steht der
Magier noch wie versteinert an seinem Keyboard; im
Laufe des Abends taut er sichtlich auf, lacht und
swingt. Wo seine Stimme in den letzten Jahren oft nur
fauchte und bellte, da ist sie wieder - weiß der
Himmel, wie er das macht - zum lässig beherrschten
Instrument geworden, das zwischen Sprechgesang und
aufgekratzten Melodiebögen wechselt. Lange war diese
Stimme nicht mehr in so präziser Artikulation zu hören.
Liebevoll kostet Dylans Harmonikaspiel die Nuancen der
blue notes aus und setzt seine asketischen Riffs gegen
die manchmal betörende, manchmal etwas schräge
Opulenz der Orgelklänge.
Stu Kimball an der Rhythmus-
und Denny Freeman an der Leadgitarre sind wahrhaftig
nicht die kreativsten Instrumentalisten, aber hier
entsteht die dichte Sound-Textur oft gerade aus dem
Verzicht auf glanzvolle Soloauftritte. Das
musikalische Rückgrat des Ensembles bildet ohnehin
das Trio aus Dylans Keyboards, Donnie Herrons
Slidegitarre und dem Baß von Tony Garnier, dem längstgedienten
Mitglied der Truppe. Zwischen ihnen entscheidet ein
knapper Fingerzeig über Klang- oder Tempowechsel und
die instrumentalen Improvisationen, für die diesmal
erfreulich viel Platz ist.
Dylan singt und lacht
Da auch die in den letzten
Jahren so dominierenden Swing- und Country-Elemente
durch den Rockabilly-Erhitzer geschickt worden sind,
gewinnt die Musik eine Schlüssigkeit und Dichte, vor
der die Unterscheidung nach Traditionslinien hinfällig
wird. Überhaupt spielt Dylan wieder auffallend
rockbetont; und zum Glück gerät er dabei nirgends in
den lärmenden Leerlauf, in dem crowd pleaser wie
„Highway 61“ oder „Summer Days“ sich früher
manchmal verloren. Kaum zu glauben, daß dies
ausgerechnet im abschließenden „All Along the
Watchtower“ kulminiert, diesem eigentlich doch längst
abgenutzten Song, den man in solch explosiver
Neuinszenierung dennoch hört wie zum erstenmal.
Auch wenn das Programm des
Abends sich aus einem mehr als vierzig Jahre
umfassenden Songrepertoire speist, klingt, was immer
hier zu hören ist, so vital und beschwingt, als sei
es Dylan eben erst eingefallen und lebe noch vom Reiz
der Neuheit. Allein ein sonderbar verrutschter Versuch
mit „Mr. Tambourine Man“, bei dem der Sänger die
sanften Melodiebögen mit einem gegenläufig
phrasierten Vers-Stakkato attackiert, erinnert an die
Zeiten, in denen Konzerte wie dieses vor allem
Experimente in Dekonstruktion waren. Das überraschendste
Fundstück, das Dylan diesmal aus seinen Expeditionen
ins eigene Werk mitbringt, ist der Titelsong des
Albums „New Morning“. Er bildet den Höhepunkt des
Abends, und er klingt wie sein Motto. „So happy just
to be alive / Underneath this sky of blue“, singt
Dylan und lacht dabei. Wer an diesem denkwürdigen
Abend in Gelsenkirchen dabei war, weiß, was er meint.
Text: F.A.Z, 4.7.2006
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