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Fürth 1995
Review
Süddeutsche
Zeitung
17. März 1995
von
Karl Bruckmaier
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Stoffwechselvorgänge
Bob Dylan auf
Europatournee
Als Gregor Samsa eines morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand
er sich in
seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.
Was einem Gregor Samsa
zustoßen kann, vermag auch einem Bob Dylan zu widerfahren: Als Bob Dylan eines
Abends aus unruhigen Träumen erwachte,
fand er sich auf einer Bühne zu
Engelbert Humperdick verwandelt.
Humperdylanck trug ein schwarzes Satinhemd und
ein verschwurbeltes
Gesicht, das in letzter Zeit zu viele leere Wodkaflaschen
gesehen hat, Humperdylanck stand auf einer Bühne im Seebad Brighton, beschienen
von
altrosa und giftgrünen Scheinwerfern, erbarmungslos ausgeliefert einem
Heer
von englischen Rentnerinnen, das unterhalten werden wollte. Oder
war es die
Quellestadt Fürth und ein Heer von Fachoberschullehrern?
Nöl, nöl. Witzel, witzel. So könnte es nun weitergehen: Und noch ein
eleganter
Tritt in Dylans Weichteile, weil der Overlord der populären
Musik auf seiner
diesjährigen Europatournee und kaum diskutabler
Verfassung zu sein scheint. Aber
ganz so einfach soll es nicht gehen.
Bob Dylan leistet seit Jahren ein
hektisches, weltumspannendes
Tournee - Programm ab. Anders als die untoten
Großverweser der
eigenen Vergangenheit wie die Rolling Stones oder Pink Floyd,
anders
auch als ein seit Jahren stagnierender Eric Clapton gewährt Dylan
keine
durchgestylten Marketing - Audienzen in Sportarenen, sondern
hält in
produktiver Unrast seine Musik am Leben. Wie ein Miles Davis hat
er einen fähige
Working Band um sich geschart, deren Vertrautheit mit
Repertoire und Mucken des
Zimmermanns aus Minnesota ein gewisses
Level garantiert; an guten Abenden gar
über eine Art permanenten
Workshops zu unerwarteten, gewagten, ja ganz und gar
unwiederholbaren und einzigartigen Aufführungen fähig ist.
So in den letzten
Monaten gehört und gesehen in Wien, in Woodstock,
auch - mit Abstrichen - bei
der Dylan Unplugged Show auf MTV. Dass
ein Musiker, der sich solchen
Dauerbelastungen und Risiken aussetzt,
auch mal Konzerte un den Sand setzt, man
verzeihe das wüste Bild, ist
allein schon aus statistischen Gründen
unvermeidbar.
In Fürths für Konzerte gänzlich ungeeigneter Stadthalle fand sich
das
zahlende Publikum auf der falschen Seite der Gaußschen
Glockenkurve wieder, feierte aber trotzdem euphorisch die Begegnung
mit dieser großen Persönlichkeit der Zeit - und Musikgeschichte.
Das Konzert begann, wie alle Dylan - Auftritte seit gut zehn Jahren mit
Jokerman. Dylan ohne Gitarre, sich nur am Mikrophon festhaltend,
da konnte man ohnehin nur noch hoffen, schon nichts mehr erwarten.
Fahrig dann If You See Her, Say Hello. Bei All Along the Watchtower
verpaßte Dylan den ersten Einsatz, bei Masters of
War quäkte die falsch
gewählte Mundharmonika. Ab da gab es die Band auf, ihre Musik nach
dem Gesang zu richten, weil selbst diese eingespielteste aller
Dylan - Bands den torkelnden Interpretationen des Chefs nicht folgen
konnte. Jetzt wurde der Set nur noch stramm abgerockt, wo in Wien
noch wilde Ausflüge in die Möglichkeiten der Popmusik gewagt
worden waren. Dylan mußte jetzt im Gegenzug seine Zeilen in diese
Konfektionsnummern einpassen oder sich ins Harmonikagebläse
flüchten. Dabei lächelte und "thankyoute" er ins Publikum, so daß
schon zu befürchten stand, er werde gar noch Hände schütteln.
Den großartigen Dylan der neunziger Jahre, der auf Platte und oft genug
auch live zu höchst eindrucksvollen Leistungen im Stande ist,
konnte
man in Fürth nur für Momente erahnen. In der akustischen Version
von Boots of Spanish Leather, in Stuck inside of Mobile with the
Memphis Blues again. Doch tut dieses mißglückte Konzert dem Respekt
für den agilen und wagemütigen Dylan keinen Abbruch; schade nur
für die Zuschauer, daß mehr des Meisters Stoffwechselvorgänge im
Mittelpunkt des Abends standen als sein Genius. Aber speziell bei Dylan
gilt: Das nächste Mal wird alles anders - was ihn meilenweit abhebt
über die oben erwähnten Langweiler - Kollegen aus den güldenen
sechziger Jahren. Bei denen bleibt immer alles, wie es angeblich gewesen
sein soll.
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