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Bob Dylan in Frankfurt  2003 - Bootlegcover


Frankfurt 2003
Wiesbadener
Tagblatt
von
Michael Jacobs

 

Der Archäologe der Seele

Mit 62 Jahren immer noch unterwegs: Bob Dylan in der Jahrhunderthalle

"Es gibt einen Film, der nennt sich `Schießen Sie auf den Pianisten". Da heißt es ganz am Ende:`Musik, Mann, das ist das einzig Wahre. Das ist ein Glaubensbekenntnis. Draußen läuten die Glocken, und sie läuten immer noch.`"

Der kleine, dünne Mann am Klavier hat dies im Überschwang der Jugend vor gut 40 Jahren als Entwurf für seinen Grabspruch geschrieben. Natürlich schießt niemand in der andachtsvollen Frankfurter Jahrhunderthalle auf Bob Dylan - die Fetzen fliegen trotzdem. Wie ein Sprengmeister steht der 62-Jährige am kleinen E-Piano vor seiner unglaublichen Band und jagt sein Werk schulterzuckend und mit klammheimlicher Freude in die Luft. Die Zerstörung war seit jeher Urgrund der Neuschöpfung. Und deshalb ist Dylan während seiner endlosen Wanderschaft zu einem Archäologen der Seele geworden, der staunend durch das Tal der Könige zieht, immer neue Scherben aus dem Sand pickt, wie ein Clown mit ihnen jongliert, bis sie den Pulverrauch des Neubeginns versprühen.

Über all dem thront ein großes silbernes Auge, bereit, furchtbare Blitze auf all die zu schleudern, die sich fotographisch ein Bild von dieser Suche machen wollen.

Die Grabung beginnt mit "Down along the Cove", knochentrockener Bluesrock, angeführt vom fantastischen Leadgitarristen Freddy Koella, den der Meister immer wieder vor die Rampe rückt. Dylan selbst bleibt seitlich zum Publikum hinter seinem Tasten-Seismographen verschanzt, hypnotisch das Mikrophon im Blick, auf das er immer wieder wie ein Raubvogel hinabstößt, "my love she´s like a raven at my window with a broken wing", die Federn fliegen, nackter kann ein Liebeslied nicht mehr dastehen. "It´s alright Ma", messerscharf herausgeschreddert, zerbellt mit heißem Atem. "Simple twist of fate", zerbrochener, schimmernder Spiegel, von einem Widerhall wie aus Höhlen im Blei gehalten.

Dicht vor der Grabkammer das gespenstische, gänsehauttreibende "Man in the long black coat", in das sich Dylan hineinkrümmt wie ein schwarzes Fragezeichen auf die allerletzte Antwort. Dann fördert die Kelle "Every grain of sand" zutage, "I´m hanging in the balance of the reality of men" - im Rücken der kraftstrotzenden Band gibt ein Vorhang einen tiefen Himmel frei. "Tambourine Man", ausgebuddelt aus Ruinen mit einer Stimme, die wie eine Kautschukmaske nach oben ins Falsett schnellt - der Raubgräber am eigenen Mythos reibt sich die Hände und haut zu "Summer days" in die Tasten, dass der Gemeinde Hören und Sehen vergeht. "Like a Rolling Stone", geraunt als staubiger Wüstenwind, mit gebleckten Zähnen ins Mikro verbissen.

Und über dem Scherbenberg, der keimt und Wurzeln schlägt, wölbt sich am Ende "All along the Watchtower" - jene apokalyptische Paraphrase des biblischen Buches Jesaja. Und als alle Türme gefallen sind, die Baalstänzer im Staub liegen, nimmt Dylan sprachlos, scheu, die Huldigungen des Publikums entgegen. Ein kleiner, dürrer Mann, der von der Bühne wie aus einem Stummfilm mit unerhörtem Ton wankt.

Und draußen läuten die Glocken immer noch.


Bob Dylan in Frankfurt  2003 - Bootlegcover