Der
Archäologe der Seele
Mit
62 Jahren immer noch unterwegs: Bob Dylan in der
Jahrhunderthalle
"Es
gibt einen Film, der nennt sich `Schießen Sie auf den
Pianisten". Da heißt es ganz am Ende:`Musik, Mann,
das ist das einzig Wahre. Das ist ein
Glaubensbekenntnis. Draußen läuten die Glocken, und
sie läuten immer noch.`"
Der
kleine, dünne Mann am Klavier hat dies im Überschwang
der Jugend vor gut 40 Jahren als Entwurf für seinen
Grabspruch geschrieben. Natürlich schießt niemand in
der andachtsvollen Frankfurter Jahrhunderthalle auf Bob
Dylan - die Fetzen fliegen trotzdem. Wie ein
Sprengmeister steht der 62-Jährige am kleinen E-Piano
vor seiner unglaublichen Band und jagt sein Werk
schulterzuckend und mit klammheimlicher Freude in die
Luft. Die Zerstörung war seit jeher Urgrund der Neuschöpfung.
Und deshalb ist Dylan während seiner endlosen
Wanderschaft zu einem Archäologen der Seele geworden,
der staunend durch das Tal der Könige zieht, immer neue
Scherben aus dem Sand pickt, wie ein Clown mit ihnen
jongliert, bis sie den Pulverrauch des Neubeginns versprühen.
Über
all dem thront ein großes silbernes Auge, bereit,
furchtbare Blitze auf all die zu schleudern, die sich
fotographisch ein Bild von dieser Suche machen wollen.
Die
Grabung beginnt mit "Down along the Cove",
knochentrockener Bluesrock, angeführt vom fantastischen
Leadgitarristen Freddy Koella, den der Meister immer
wieder vor die Rampe rückt. Dylan selbst bleibt
seitlich zum Publikum hinter seinem Tasten-Seismographen
verschanzt, hypnotisch das Mikrophon im Blick, auf das
er immer wieder wie ein Raubvogel hinabstößt, "my
love she´s like a raven at my window with a broken wing",
die Federn fliegen, nackter kann ein Liebeslied nicht
mehr dastehen. "It´s alright Ma",
messerscharf herausgeschreddert, zerbellt mit heißem
Atem. "Simple twist of fate", zerbrochener,
schimmernder Spiegel, von einem Widerhall wie aus Höhlen
im Blei gehalten.
Dicht
vor der Grabkammer das gespenstische, gänsehauttreibende
"Man in the long black coat", in das sich
Dylan hineinkrümmt wie ein schwarzes Fragezeichen auf
die allerletzte Antwort. Dann fördert die Kelle "Every
grain of sand" zutage, "I´m hanging in the
balance of the reality of men" - im Rücken der
kraftstrotzenden Band gibt ein Vorhang einen tiefen
Himmel frei. "Tambourine Man", ausgebuddelt
aus Ruinen mit einer Stimme, die wie eine Kautschukmaske
nach oben ins Falsett schnellt - der Raubgräber am
eigenen Mythos reibt sich die Hände und haut zu
"Summer days" in die Tasten, dass der Gemeinde
Hören und Sehen vergeht. "Like a Rolling
Stone", geraunt als staubiger Wüstenwind, mit
gebleckten Zähnen ins Mikro verbissen.
Und
über dem Scherbenberg, der keimt und Wurzeln schlägt,
wölbt sich am Ende "All along the Watchtower"
- jene apokalyptische Paraphrase des biblischen Buches
Jesaja. Und als alle Türme gefallen sind, die Baalstänzer
im Staub liegen, nimmt Dylan sprachlos, scheu, die
Huldigungen des Publikums entgegen. Ein kleiner, dürrer
Mann, der von der Bühne wie aus einem Stummfilm mit
unerhörtem Ton wankt.
Und
draußen läuten die Glocken immer noch.