Erfüllte
Leidenschaft
Bob
Dylan will es in der Jahrhunderthalle noch einmal wissen
Herbert
Heil
Geliebt
haben seine Fans ihn immer. In guten wie in schlechten
Tagen. Schließlich ist Bob Dylan die zeitgemäß-unzeitgemäße
Ikone, der ewig nuschelnde Außenseiter geblieben. Sogar
seine Mundharmonika kann plötzlich so schön klingen. Und
zur Verheißung wird ein Dylan-Konzert, wenn, wie jetzt in
der ausverkauften Höchster Jahrhunderthalle geschehen,
auch alles drumherum bis aufs i-Tüpfelchen stimmt. Seine
vierköpfige Begleitband ist eine Offenbarung, der Sound
gut abgemischt, und Dylan nimmt seine alten Songs
auseinander, dass es eine wahre Pracht ist. Dylan -
inzwischen 62-jährig - at his best. Man hat den Eindruck,
der Mann will es noch mal wissen.
Und
er zeigt seinen Fans, was er noch drauf hat. Das ist eine
ganze Menge. Aus dem reichen Fundus von beinahe 50 Alben
rekrutiert sich das Songmaterial. Eines der ganz großen
Werke gleich als Nummer 2: "It's All Over Now, Baby
Blue". Dylan zersägt das Lied regelrecht. Der schmächtige
Überlebenskünstler krächzst wie ein heiserer Rabe. Erfüllte
Leidenschaft ist das. Dann ein fetter Bluesrock,
changierende Tempi. Der Wiedererkennungswert der Songs
geht stark gegen Null. Kaum ein Stück, bei dem Dylan
nicht das Zeilenende fragend hoch zieht. Manchmal wirkt
diese Marotte ein wenig gekünstelt. Dann gibt der Meister
wieder Gas, seine vier Musiker spielen, dass man seekrank
wird, so halsbrecherisch schlingert der Sound dahin.
Das
alles hat Drive, dem man sich nicht entziehen kann kann.
Ein beklemmendes "Standing In The Doorway", dann
der "Dirt Road Blues ". Die Band klingt jetzt
wie eine veritable Jazzcombo. New Orleans und Cajun grüßen
aus der Ferne. Und auch Country-Feeling ist gut vertreten.
Vorbei
die Zeiten innerer Wut und Zerrissenheit, als Dylan dem
Publikum den Rücken zukehrte. Heute wirkt er lässig und
abgeklärt. Er hämmert dann und wann auf seinem E-Piano
herum, hat am linken Bühnenrand Position bezogen. Zur
Gitarre greift er in Frankfurt nicht, dafür öfter zur
Mundharmonika.
Dylan,
der Poet, lässt es mehr als einmal krachen. Das kommt
bisweilen einem Hard-rock recht nahe und Dylan genießt es
sichtlich hart rockende Jungs neben sich zu wissen. Er hat
die Gabe, seine alten Klassiker neu zu erfinden. Zumindest
vermag er diese Illusion zu erzeugen.
Dazu
braucht es geeignete Musiker wie Tony Garnier und Larry
Campbell, aktuell ergänzt um den flexiblen Schlagzeuger
George Recile und den vorwärtstreibenden Gitarristen
Freddie Koella, der den bisherigen Stammsaitenzupfer
Charlie Sexton abgelöst hat. Und die Sound-Maschine
powert weiter. Aufgekratzt swingend wirken die "Summerdays"
und dann ein gespenstisch holpriger, metallischer
"Highway 61 Revisited". Ein uralter Straßenfeger
mit apokalyptischen Versen. Als Zugabe dann "Like A
Rolling Stone" und das schnelle und kraftvolle
"All Along The Watchtower", das lang und länger
wurde und das gewiss als Glanzpunkt eines großen Konzerts
bezeichnet werden darf.
Wie
schrieb einst das US-Nachrichtenmagazin
"Newsweek" über Dylan: Er, Dylan, ist für die
Popmusik das Gleiche wie Einstein für die Physik. Stimmt
wohl nicht ganz, aber die Dylan-Fans wissen, was gemeint
ist.