n.B.u
FRANKFURT 
REVIEWS

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Frankfurt 2002
Giessener
Anzeiger
Ingo Berghöfer


Die Zeiten ändern sich – Dylan bleibt

3000 begeisterte Jünger huldigen ihrem Idol in Frankfurt

Es gab mal Zeiten, da war der Besuch eines Bob - Dylan-Konzerts amerikanisches Roulette. An guten Tagen ging’s gut, an schlechten Tagen wie beim berüchtigten Auftritt Anfang der Achtziger in Offenbach war’s grausig. Doch in dem Maße, in dem sein Publikum gesetzter wurde, gab sich auch Dylan abgeklärter. Der fast 61-jährige Barde wird mit den Jahren sogar immer besser. Das demonstrierte er knapp zwei Dutzend Lieder lang
in der Frankfurter Jahrhunderthalle. 

Während jüngere Musiker sich darauf beschränken, ein 
standardisiertes Konzertprogramm Abend für Abend möglichst 
werkgetreu und langweilig zu reproduzieren, erfindet sich das ewige 
Chamäleon der Rockmusik, das alle Häutungen vom linken 
Vorzeigeprotestsänger bis zum christlichen Fundamentalisten 
durchlebt  hat, noch immer jeden Abend neu. Keines seiner Konzerte 
gleicht dem anderen und seine jahrelang eingespielte und brillante 
Begleitband um die beiden exzellenten Gitarristen Larry Campbell 
und Charlie Sexton muss sein ganzes 43 Alben umfassendes 
Lebenswerk parat haben. Man weiß schließlich nie, wonach es 
„His Bobness“ an diesem Abend gelüstet.

Während die arrivierten Besucher diverser Frankfurter Schulen 
von den bestuhlten besseren Plätzen aus mit Feldstecher und 
Opernglas aus überprüfen konnten, ob das güldene Ding auf der 
Verstärkerbox wirklich der Dylan im Vorjahr verliehene Oscar ist, 
bejubelten die Exegeten im Fußvolk mit Notizblock und Digitalrecorder 
(wenn sie denn nicht von den ständig Patrouille gehenden Ordnern 
erwischt wurden) frenetisch selten gehörte Songs wie Shelter from 
the storm
oder den Memphis blues. Nichts ist unantastbar. Aber 
auch Meilensteine wie It’s alright, Ma (I’m only bleeding) oder 
Mr.Tambourine Man sind für ihren Schöpfer nicht unantastbar. 
Der große Cowboyhut auf dem nur leicht ergrauten Kopf der 
Protestgeneration (der ihm natürlich besser steht als Madonna), gibt 
den Kurs vor. Zusammengehalten von Bassist Tony Garnier und 
dem energischen Schlagzeuger David Kemper, die hinter der 
Gitarrenfront beständig im Zwiegespräch stehen, werden die 
Edelsteine der Gegenkultur in die große amerikanische 
Musiktradition eingereiht, ob nun der in Frankfurt frenetisch 
gefeierte Lonesome day blues vom viel gelobten aktuellen Album 
Love and theft als angejazzter Rockabilly oder The times they are 
a - ’changin´
als abgeklärte Countryballade.

Wer will kann darin ein politisches Statement sehen. Mancher 
Rezensent bejubelte ja schon den Einsatz des Südstaaten - Instruments 
Dobro ob seines für mitteleuropäische Ohren fremdländischen, um 
nicht zu sagen nahöstlichen Klangs als Statement zum 
Afghanistan - Krieg. Doch Dylan lässt sich nicht instrumentalisieren.
So konsequent, wie er sich als einer der wenigen nach dem dem 
11. September patriotischen Bekenntnissen verweigerte, überlässt 
er die Interpretation seiner sprachbildgewaltigen Wortgebirge den 
Anhängern, die bei ihm oft Jünger sind (wenn auch zumeist älter).
Die Zeiten ändern sich. Was einmal für eine Kampfansage und dann 
resignatives Eingeständnis der eigenen Resignation und Anpassung 
war, klingt heute wie das lakonische Statement eines Predigers, der 
auch in der Jahrhunderthalle in einer seiner beiden Zugaben 
ans Himmelstor klopft, und zwischen den zeitlosen Zeilen noch 
schnell hinzusetzt, „like so many times before“.

Zum Schluss zelebriert die Band nach knapp zweieinhalb Stunden, 
die keine Sekunde langweilig waren, gar noch Blowin’ in the wind 
– ganz entspannt als eigener Mythos, nur gebrochen vom ironischen 
Heben der Schlusssilben. So ganz wohl fühlt sich er auf dem einsamen 
Denkmal, das er an diesem Abend sicherlich noch ein wenig höher 
mauerte, dann doch nicht. Musikalisch lebt Dylan in der Gegenwart.
Zeitreise für Besucher. Eine Zeitreise war’s nur für den Rezensenten, 
der mit seinen 36 Jahren einer der Jüngsten im Saal war, und mit 
seinen 1, 83 Metern endlich mal wieder freie Sicht auf eine Bühne hatte, 
die nicht von Kindern, die einem über den Kopf gewachsen sind, 
umlagert wird.