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Die Zeiten ändern sich – Dylan
bleibt
3000 begeisterte Jünger huldigen ihrem Idol in
Frankfurt
Es gab mal Zeiten, da war der
Besuch eines Bob - Dylan-Konzerts amerikanisches Roulette. An guten
Tagen ging’s gut, an schlechten Tagen wie beim berüchtigten
Auftritt Anfang der Achtziger in Offenbach war’s grausig.
Doch in dem Maße, in dem sein Publikum gesetzter wurde, gab sich auch
Dylan abgeklärter. Der fast 61-jährige Barde wird mit den
Jahren sogar immer besser. Das demonstrierte er knapp zwei Dutzend
Lieder lang
in der Frankfurter Jahrhunderthalle.
Während jüngere Musiker sich darauf beschränken,
ein
standardisiertes Konzertprogramm Abend für Abend möglichst
werkgetreu und langweilig zu reproduzieren, erfindet
sich das ewige
Chamäleon der Rockmusik, das alle Häutungen vom
linken
Vorzeigeprotestsänger bis zum christlichen
Fundamentalisten
durchlebt hat, noch immer jeden Abend neu.
Keines seiner Konzerte
gleicht dem anderen und seine jahrelang eingespielte
und brillante
Begleitband um die beiden exzellenten Gitarristen
Larry Campbell
und Charlie Sexton muss sein ganzes 43 Alben
umfassendes
Lebenswerk parat haben. Man weiß schließlich nie,
wonach es
„His Bobness“ an diesem Abend gelüstet.
Während die arrivierten Besucher diverser Frankfurter
Schulen
von den bestuhlten besseren Plätzen aus mit
Feldstecher und
Opernglas aus überprüfen konnten, ob das güldene
Ding auf der
Verstärkerbox wirklich der Dylan im Vorjahr
verliehene Oscar ist,
bejubelten die Exegeten im Fußvolk mit Notizblock und
Digitalrecorder
(wenn sie denn nicht von den ständig Patrouille
gehenden Ordnern
erwischt wurden) frenetisch selten gehörte Songs wie
Shelter from
the storm oder den Memphis blues. Nichts ist
unantastbar. Aber
auch Meilensteine wie It’s alright, Ma (I’m only
bleeding) oder
Mr.Tambourine Man sind für ihren Schöpfer nicht
unantastbar.
Der große Cowboyhut auf dem nur leicht ergrauten Kopf
der
Protestgeneration (der ihm natürlich besser steht als
Madonna), gibt
den Kurs vor. Zusammengehalten von Bassist Tony
Garnier und
dem energischen Schlagzeuger David Kemper, die hinter
der
Gitarrenfront beständig im Zwiegespräch stehen,
werden die
Edelsteine der Gegenkultur in die große amerikanische
Musiktradition eingereiht, ob nun der in Frankfurt
frenetisch
gefeierte Lonesome day blues vom viel gelobten
aktuellen Album
Love and theft als angejazzter Rockabilly oder The
times they are
a - ’changin´ als abgeklärte Countryballade.
Wer will kann darin ein politisches Statement sehen.
Mancher
Rezensent bejubelte ja schon den Einsatz des Südstaaten
- Instruments
Dobro ob seines für mitteleuropäische Ohren fremdländischen,
um
nicht zu sagen nahöstlichen Klangs als Statement zum
Afghanistan - Krieg. Doch Dylan lässt sich nicht
instrumentalisieren.
So konsequent, wie er sich als einer der wenigen nach
dem dem
11. September patriotischen Bekenntnissen verweigerte,
überlässt
er die Interpretation seiner sprachbildgewaltigen
Wortgebirge den
Anhängern, die bei ihm oft Jünger sind (wenn auch
zumeist älter).
Die Zeiten ändern sich. Was einmal für eine
Kampfansage und dann
resignatives Eingeständnis der eigenen Resignation
und Anpassung
war, klingt heute wie das lakonische Statement eines
Predigers, der
auch in der Jahrhunderthalle in einer seiner beiden
Zugaben
ans Himmelstor klopft, und zwischen den zeitlosen
Zeilen noch
schnell hinzusetzt, „like so many times before“.
Zum Schluss zelebriert die Band nach knapp zweieinhalb
Stunden,
die keine Sekunde langweilig waren, gar noch Blowin’
in the wind
– ganz entspannt als eigener Mythos, nur gebrochen
vom ironischen
Heben der Schlusssilben. So ganz wohl fühlt sich er
auf dem einsamen
Denkmal, das er an diesem Abend sicherlich noch ein
wenig höher
mauerte, dann doch nicht. Musikalisch lebt Dylan in
der Gegenwart.
Zeitreise für Besucher. Eine Zeitreise war’s nur für
den Rezensenten,
der mit seinen 36 Jahren einer der Jüngsten im Saal
war, und mit
seinen 1, 83 Metern endlich mal wieder freie Sicht auf
eine Bühne hatte,
die nicht von Kindern, die einem über den Kopf
gewachsen sind,
umlagert wird.
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