n.B.u
FRANKFURT 
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Bob Dylan in Frankfurt 2000 (Bootlegcover)


Frankfurt 2000
Frankfurter
Rundschau
von
Sylvia Staudte


Der Musiker, der keine Rosen möchte 


Die Dinge ändern sich: Bob Dylans Blick nach vorne in die Sechziger in der Jahrhunderthalle 

Er kann nichts für die Erwartungen, die man an ihn richtet. Na ja, vielleicht ein bisschen. Immerhin soll er im Mai, als er den schwedischen 
Polar-Musikpreis erhielt (neben dem Geiger Isaac Stern), angemessen 
schlechte Laune gezeigt haben. Jedenfalls ist man ein wenig enttäuscht, 
wenn es von ihm keine aufmüpfige Geste, keine Demonstration von Eigensinn gibt, und sei es nur, dass er einen warten lässt auf den Beginn des Konzerts. 

Wenige Minuten nach acht kommt Bob Dylan auf die Bühne der Frankfurter Jahrhunderthalle, und um Punkt zehn verlässt er sie wieder. Dann geht gleich das Licht an. Zwischendurch bedankt er sich bei den "ladies and gentlemen" für den Applaus und stellt artig seine Band vor. Er verkriecht sich auch nicht in sich selbst an diesem Abend, ist nicht der bewegungslose Autist, als der ihn mancher Kritiker schon bezeichnet hat: Gern schlenkert er mit seinem linken Bein und wiegt den Kopf, und später, als es rockiger wird, wagt er sogar den ein oder anderen weiten Ausfallschritt. Einmal, bei der Zugabe, lächelt er unverschämt lange - für seine Verhältnisse. 

Wie kommt es, dass Bob Dylans Fans und auch die Kritiker genau Buch 
darüber führen, wie es um seine Laune bestellt ist? Dass sie vermerken, ob er die Mundwinkel ein paar Mal hochgezogen hat? Dass sie versuchen, von den Liedern, die er gesungen hat, rückzuschließen auf seine Befindlichkeit? Bei berühmten Kollegen wird keineswegs ähnlich verbissen im Kaffeesatz der Stimmungen gelesen. Doch Bob Dylan wird nie die Last ablegen können, die er sich einst - vermutlich aus schierer Naivität, er war doch so fruchtbar jung - auf die Schultern packte: Die des politischen Mahners, des Propheten, aus dessen Mund die Wahrheit tröpfelt - wenn man seine dunklen Zeilen nur richtig auszulegen versteht. Interviews werden daran nichts ändern, in denen er barsch sagt, er wäre Politiker geworden, wenn er hätte Politik machen wollen. Und Konzerte werden daran auch nichts ändern, nicht einmal solche wie am vergangenen Freitag in der Jahrhunderthalle. 

An diesem Abend hat der 59-Jährige getan, was ihm Lebenselixier zu sein scheint: Musik gemacht. Die Texte hat er vernuschelt, wie immer, so dass Tangled up in blue sich anhörte wie "Tanupiu". Doch zusammen mit Larry Campbell, Charlie Sexton, Tony Garnier und David Kemper am Schlagzeug bot er feinsten Gitarren-Rock, Ausflüge in den Blues und mehr noch in den Country. Seine Fans mögen ihm übel nehmen, dass er seinen Lieder in jedem Konzert ein neues Kleid verpasst, doch das spricht für seine musikalischen Fähigkeiten: Eine solche Freiheit kann sich nur nehmen, wer sich auf einen flotten Zuschnitt und eine flinke Nadel versteht. Das Risiko, dass bisweilen eine Naht schief wird, das nimmt er auf sich. 

Aktualität hat im Dylanschen Musik-Universum abgesehen von diesen wundersamen Verwandlungen alten Materials keine Bedeutung. Zwar hat 
er als eine der Zugaben das in diesem Jahr eingespielte Things Have 
Changed
gebracht (was für ein neues Feld für Textdeuter, allein schon der Satz: All the truth in the world adds up to one big lie ), doch schon als sein 
letztes Album Time Out Of Mind (1997) noch brandneu war, fühlte er sich keineswegs gezwungen, daraus zu spielen. Diesmal gab's nur
Not Dark Yet

Dylan blickte zurück wie selten zuvor; der weit überwiegende Teil des 
insgesamt 19 Nummern umfassenden Programms stammte aus den 
sechziger Jahren: Desolation Row und Highway 61 Revisited,
I Shall Be Released und The Wicked Messenger, Fourth Time Around, Country Pie und ja, auch Like A Rolling Stone und sogar
Blowin' In The Wind, das er freilich so entschieden entschnulzte, dass keiner sich mitzusingen traute und nur ein einsames Feuerzeug - Lichtlein flackerte. Wenn man denn nach einem Bekenntnis suchen will, so findet man es vielleicht in der Tatsache, dass der Song to Woody (Guthrie) an zweiter Stelle stand: Bob Dylans Lieder atmen diese Tradition, der Country Blues der dreißiger Jahre ist seine Heimat, selbst wenn er rockt. Mit ihm verbindet ihn auch das in gar nicht so wenigen Liedern durchklingende Bewusstsein einer höheren Instanz. An Dylans "christlichen Phase" konnte eigentlich nur die Vehemenz überraschen, nicht die Tatsache seiner Religiosität an sich. 

Für die Verankerung im Blues sprechen seine Texte (die ihm eine Nobelpreis-Nominierung eingebracht haben), spricht aber auch sein Gesang. Auch wenn das raue Nölen oft geschmäht wurde und Dylans Stimme in der Tat von charakteristischer Eintönigkeit ist, so macht der Sänger doch vieles durch Betonungen wett, schmuggelt Ironie in eine Wort allein durch eine Länge, eine fragende Hebung am Ende der Zeile. Seine Haltung ist die eines Erzählers, die pathetischen Gesten der meisten Rocksänger sind ihm fremd, und so holt er selbst diejenigen Lieder auf den Boden der Jahrhunderthalle, die so mit Emotionen befrachtet sind wie Like A Rolling Stone

Da singt also einer "oh me, oh my / Love that country pie" und lächelt und 
schwingt die Gitarre ein bisschen und wäre so gern nur Musiker und kein 
bisschen Messias. Als das Konzert zu Ende ist, zupft er wie ein verlegener Schuljunge den Kragen seines schwarzen Gehrocks zurecht und hebt
dann ein paar rote Rosen vom Bühnenboden auf. Er wirft sie zurück ins 
Publikum. 

PS: Nach Hause gekommen, das Radio angeschaltet und mitten in Van 
Morrisons Version von It's All Over Now Baby Blue gelandet, zufällig. Da traut sich jemand die große Geste, an Bobbys statt. Aber erwarten wird sie das Publikum immer von dem, der das geschrieben hat. Sehnsüchtig. 


Bob Dylan in Frankfurt 2000 (Bootlegcover)