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Der Musiker, der keine
Rosen möchte
Die Dinge ändern sich: Bob Dylans Blick nach vorne in die
Sechziger in der Jahrhunderthalle
Er kann nichts für die Erwartungen, die man an ihn richtet.
Na ja, vielleicht ein bisschen. Immerhin soll er im Mai,
als er den schwedischen
Polar-Musikpreis erhielt (neben dem Geiger Isaac Stern),
angemessen
schlechte Laune gezeigt haben. Jedenfalls ist man ein wenig
enttäuscht,
wenn es von ihm keine aufmüpfige Geste, keine Demonstration
von Eigensinn gibt, und sei es nur, dass er einen warten
lässt auf den Beginn des Konzerts.
Wenige Minuten nach acht kommt Bob Dylan auf die Bühne der
Frankfurter Jahrhunderthalle, und um Punkt zehn verlässt er
sie wieder. Dann geht gleich das Licht an. Zwischendurch
bedankt er sich bei den "ladies and gentlemen"
für den Applaus und stellt artig seine Band vor. Er
verkriecht sich auch nicht in sich selbst an diesem
Abend, ist nicht der bewegungslose Autist, als der ihn
mancher Kritiker schon bezeichnet hat: Gern schlenkert er
mit seinem linken Bein und wiegt den Kopf, und später, als es
rockiger wird, wagt er sogar den ein oder anderen weiten
Ausfallschritt. Einmal, bei der Zugabe, lächelt er
unverschämt lange - für seine Verhältnisse.
Wie kommt es, dass Bob Dylans Fans und auch die Kritiker genau
Buch
darüber führen, wie es um seine Laune bestellt ist? Dass sie
vermerken, ob er die Mundwinkel ein paar Mal hochgezogen
hat? Dass sie versuchen, von den Liedern, die er gesungen
hat, rückzuschließen auf seine Befindlichkeit? Bei berühmten
Kollegen wird keineswegs ähnlich verbissen im Kaffeesatz der
Stimmungen gelesen. Doch Bob Dylan wird nie die Last ablegen können, die
er sich einst - vermutlich aus schierer Naivität, er war doch
so fruchtbar jung - auf die Schultern packte: Die des
politischen Mahners, des Propheten, aus dessen Mund die
Wahrheit tröpfelt - wenn man seine dunklen Zeilen nur
richtig auszulegen versteht. Interviews werden daran nichts
ändern, in denen er barsch sagt, er wäre Politiker geworden,
wenn er hätte Politik machen wollen. Und Konzerte werden
daran auch nichts ändern, nicht einmal solche wie am
vergangenen Freitag in der Jahrhunderthalle.
An diesem Abend hat der 59-Jährige getan, was ihm
Lebenselixier zu sein scheint: Musik gemacht. Die Texte
hat er vernuschelt, wie immer, so dass Tangled up in
blue sich anhörte wie "Tanupiu". Doch zusammen
mit Larry Campbell, Charlie Sexton, Tony Garnier und David
Kemper am Schlagzeug bot er feinsten Gitarren-Rock, Ausflüge
in den Blues und mehr noch in den Country. Seine Fans mögen
ihm übel nehmen, dass er seinen Lieder in jedem Konzert ein
neues Kleid verpasst, doch das spricht für seine
musikalischen Fähigkeiten: Eine solche Freiheit kann sich nur
nehmen, wer sich auf einen flotten Zuschnitt und eine
flinke Nadel versteht. Das Risiko, dass bisweilen eine Naht
schief wird, das nimmt er auf sich.
Aktualität hat im Dylanschen Musik-Universum abgesehen von
diesen wundersamen Verwandlungen alten Materials keine
Bedeutung. Zwar hat
er als eine der Zugaben das in diesem Jahr eingespielte Things
Have
Changed gebracht (was für ein neues Feld für Textdeuter,
allein schon der Satz: All the truth in the world adds up
to one big lie ), doch schon als sein
letztes Album Time Out Of Mind (1997) noch brandneu war, fühlte
er sich keineswegs gezwungen, daraus zu spielen. Diesmal gab's
nur
Not Dark Yet.
Dylan blickte zurück wie selten zuvor; der weit überwiegende
Teil des
insgesamt 19 Nummern umfassenden Programms stammte aus den
sechziger Jahren: Desolation Row und Highway 61
Revisited,
I Shall Be Released und The Wicked Messenger,
Fourth Time Around, Country Pie und ja, auch Like
A Rolling Stone und sogar
Blowin' In The Wind, das er freilich so
entschieden entschnulzte, dass keiner sich mitzusingen traute und
nur ein einsames Feuerzeug - Lichtlein flackerte. Wenn man
denn nach einem Bekenntnis suchen will, so findet man es
vielleicht in der Tatsache, dass der Song to Woody
(Guthrie) an zweiter Stelle stand: Bob Dylans Lieder atmen
diese Tradition, der Country Blues der dreißiger Jahre ist
seine Heimat, selbst wenn er rockt. Mit ihm verbindet ihn auch
das in gar nicht so wenigen Liedern durchklingende Bewusstsein
einer höheren Instanz. An Dylans "christlichen
Phase" konnte eigentlich nur die Vehemenz überraschen, nicht
die Tatsache seiner Religiosität an sich.
Für die Verankerung im Blues sprechen seine Texte (die ihm
eine Nobelpreis-Nominierung eingebracht haben), spricht aber
auch sein Gesang. Auch wenn das raue Nölen oft geschmäht
wurde und Dylans Stimme in der Tat von charakteristischer
Eintönigkeit ist, so macht der Sänger doch vieles durch
Betonungen wett, schmuggelt Ironie in eine Wort allein durch
eine Länge, eine fragende Hebung am Ende der Zeile.
Seine Haltung ist die eines Erzählers, die pathetischen
Gesten der meisten Rocksänger sind ihm fremd, und so
holt er selbst diejenigen Lieder auf den Boden der
Jahrhunderthalle, die so mit Emotionen befrachtet sind wie Like
A Rolling Stone.
Da singt also einer "oh me, oh my / Love that country pie"
und lächelt und
schwingt die Gitarre ein bisschen und wäre so gern nur
Musiker und kein
bisschen Messias. Als das Konzert zu Ende ist, zupft er wie
ein verlegener Schuljunge den Kragen seines schwarzen Gehrocks
zurecht und hebt
dann ein paar rote Rosen vom Bühnenboden auf. Er wirft sie
zurück ins
Publikum.
PS: Nach Hause gekommen, das Radio angeschaltet und mitten in
Van
Morrisons Version von It's All Over Now Baby Blue
gelandet, zufällig. Da traut sich jemand die große
Geste, an Bobbys statt. Aber erwarten wird sie das
Publikum immer von dem, der das geschrieben hat. Sehnsüchtig.
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