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The Real You At Last
Zwei Tage danach. Ich bin wieder aufgetaucht aus dem Kosmos,
den eine
Dylan-Show aufzieht, dieser Raum, in dem die Zeit ihren
eigenen Gesetzen
folgt, irgendwo in dieser Welt.
Ich bin immer noch verblüfft, ein anderes Wort fällt mir
nicht ein. Ich habe
es also doch auf mich genommen, wieder mal, die ganzen
stressigen
Begleiterscheinungen, nur um ein weiteres Konzert der
Never-Ending-Tour mitzuerleben. Am Freitagnachmittag
losgezogen, mit Motorroller, Vorortzug, ICE. Habe mich durch
das Chaos des Bahnhofs der Weltstadt Frankfurt
durchgeschlagen, in dem es Mühe kostet, eine
S-Bahn-Verbindung rauszubekommen und Fahrkarten zu kaufen
inmitten des Wettgröhlens von Fußball- und
Eishockeyfans. Da die Zeit drängt, nehme ich ausnahmsweise ein
Taxi, ein letztes Mal Ruhe und Bequemlichkeit, während
gleichzeitig die holländische Königin (die mit dem
Hut!) einem Bombenblindgänger auf der Rollbahn
ausweicht.
Ich komme in dem Moment an, als die Hallentüren geöffnet
werden und die Sprinter an den Bühnenrand hecheln. Ich
schiebe mich am Gedränge vorbei und gehöre zu den
Vordersten, die kontrolliert und gefilzt werden (ein bißchen).
Ein-, zwei Ecken, dann stehe ich im Innenraum, etwa 10 Meter
vor der Bühne, leicht versetzt von der Mitte, Bob’s Mikro
gut vor Augen. Die Stunde warten vergeht relativ gut,
auch wenn dies für mich wie stets eher zum unangenehmsten
Teil des Tages wird. Das Publikum ruckelt sich zurecht wie
in einer Sanduhr, die Hälse werden länger, Jacke und
Pullover lassen mich schwitzen. Warum sind einige plötzlich
vor der Absperrung? VIPs? Ich bleibe, mein Platz ist gut.
Räucherwaren, Checken der Amps, die Instrumente werden
nachgestimmt.
Pünktlich um acht geht das Saallicht aus, die Menge grölt,
die Spannung
hebt sich dem Mann entgegen, der nun gleich aus dem Off
hereintaumeln
wird. "Good evening, Ladies and gentlemen..." Es
geht los, wieder ein
Konzert von vielen.
Nein , daß dies eine der besten Shows werden sollte, die ich
je gesehen habe,deutet sich von Anfang an an. Bob wirkt sehr
zielstrebig, ist vom ersten Moment an völlig präsent. Seine
Haare sind lang geworden, vor allem die grauen Fussellocken im
Nacken. Das schwarze unbequeme Outfit scheint er ja wohl
zu brauchen, auch wenn der lila Samtvorhang zunächst fehlt.
Dann legt er los mit Duncan and Brady (1), einem Song,
den ich bisher noch nie live erlebt habe. Meint er es ernst
oder ist es Ironie, wenn Bob im Refrain singt ‚I’ve been
on the job too long‘? Jedenfalls ist nicht zu merken von Müdigkeit
oder Routine, im Gegenteil. Bob macht uns deutlich, daß es
sein ‚Job‘ ist, heute Abend hier zu sein. Aber ebenso
deutlich bringt er es rüber, daß er dies gerne tut. Ein
hinreißender Anfang. Das Publikum belohnt es mit stürmischem
Beifall, Bob bedankt sich, überrascht und artig.
Geht es so weiter? Nein, da fehlt noch etwas. Eine Art
rituelle Handlung,
die Bob noch dazwischenschiebt, wie bei der feierlichen Eröffnung
eines
lebendigen Denkmals. Der Priester legt seine Opfergabe vor dem
Altar
dessen nieder, dem er sich verpflichtet fühlt, auch wenn es
inzwischen sein
‚Job‘ ist. Bob verbeugt sich vor dem, der ihm am meisten
mit auf den Weg gegeben hat. Song To Woody (2)
wirkt wie ein Eintrag in das Poesiealbum. Bob nimmt sich
sehr zurück, wirkt nachdenklich und konzentriert, wie wenn
die letzten 40 Jahre vor seinem inneren Auge sich zu jenem Ort
in East Orange verdichten als der Totkranke dem Jungen
seinen Segen mitgibt. Wunderbar, wie Tonys Bass sich zu Beginn
der zweiten Strophe butterweich unter das Lied legt und
das Publikum einlädt, mit in dieses Schiff einzusteigen. Bob
bricht in helles Lachen aus über seine eigene
Ernsthaftigkeit. Wieder enthusiastischer Applaus.
Bob scheint zu merken, daß heute ein besonderer Abend werden
kann,
reagiert darauf, daß er die Songlist überprüft und sich
jedesmal neu mit
Tony und den anderen abspricht. Sie entscheiden sich für Desolation
Row (3) als Start für das eigentliche Konzert. Eine
gute Wahl. Bob zeigt, wer mit an Bord ist und öffnet den
ganzen Kosmos der Seiltänzer, Aschenputtel, Romeos,
Notre-Dame-Glöckner, Robin Hoods. Haben alle die braunen
Ausweise dabei? Was - das Phantom der Oper ist zweimal an
Bord? Macht nichts, wir wissen sowieso nicht, wer wer ist.
Gute Stimmung an Bord, es wird gefeiert, Walzerklänge ertönen.
To Ramona (4), für sie und für alle anderen. Hier ist
alles erlaubt, wer
Musikstile definieren muß, soll es tun und die Stirne
runzeln. Auch für
Johann Strauß ist Platz in der Desolation Row.
Bob beginnt, Geschichten zu erzählen, von dieser Frau, die er
vor langer
Zeit kannte und die irgendwann wie ein Vogel davongeflogen
ist.
Tangled Up In Blue (5) ließ sie ihn zurück. Heute
noch. Immer wieder.
Mit der selben Unerbittlichkeit, mit der dieser Song seit
Jahren an fünfter
Stelle der Show auftaucht. Das ist für den Sänger wichtig,
und für mich nur dadurch auszuhalten, daß es eines
meiner absoluten Lieblingslieder ist.
Die Performance beginnt heute etwas holpriger, weicher als
sonst, wie
wenn Bob überrascht scheint, daß es schon wieder soweit ist.
Doch
unmerklich baut sich der Song auf, wird prägnanter und
erreicht schließlich eine Präsenz, wie ich sie selten
zuvor gehört habe. Bob selbst wird so mitgerissen, daß
er das Ende hinauszögert, er spielt durch, ein zweites Solo,
ein drittes, während endlich auch Tony zu seiner
gewohnten guten Laune findet.
Doch sie ist fort, für immer. Es ist einfacher, das Grab
eines toten Soldaten zu suchen. Searching For A
Soldier’s Grave (6). Straight und tight die Musik,
klar die Worte, präzise der Chor. Bob und die Band sind
absolut dicht beieinander. Da gibt es nicht mehr das
Herumgestochere in Bob’s Soli wie in Zürich im Mai.
Alles ist stimmig, wie ein gesunder, pulsierender Organismus.
Licht aus. Instrumentenwechsel. Licht an. Die Feier geht
weiter. Das Fest
wird zur überschäumenden Party, zur Country Pie (7).
Während Larry und Charlie (endlich Charlie!) alle
Register auspacken und den Song zu einem quirlenden, überschäumenden
Werk aufbauen, brechen bei Bob alle Dämme.Er kokettiert mit
dem Publikum, lacht, macht Faxen, sucht Augenkontakt, zielt
mit dem Gitarrenhals hinein in die leuchtenden Augen vor ihm.
Es ist Show, alle wissen es, doch alle genießen es, den
alten Griesgram von seiner heiteren Seite zu erleben.
Mit Dignity (8) geht es weiter, ohne Bruch. Wer käme
auf die Schnapsidee, Dignity in Frage zu stellen, gar
zu photographieren? Bob schüttelt milde lächelnd den Kopf.
Wir altern in Würde, und wer es nicht tut, ist schon tot.
In dieser heiteren Stimmung kann ich sogar Stuck Inside Of
Mobile (9)
genießen, ein Song, den ich immer sehr mochte, doch der über
die Jahre zu vorhersehbar und müdegespielt war. Can this
really be the end? Nein, die Party geht weiter, auch wenn wir
schon in den Vierzigern, Fünfzigern sind, ein Alter, in dem
man nach vorne sieht, während die Erinnerungen immer mehr
werden.
Vielleicht wählt Bob aus diesem Grund als nächstes Not
Dark Yet (10), eines seiner intimsten Lieder. Larry
breitet einen ausgefeilten, feinabgestimmten Gitarrenteppich
aus, auf dem sich die Skulptur des Songs aufbaut, Wort für
Wort, jeder Buchstaben kommt kristallklar, der Gesang ist
wunderbar. Doch heute ist die Bedeutung umgedreht. Wir gehen
dem Ende entgegen, aber es ist noch lange nicht soweit.
Hoffnung statt Resignation.
Doch wiegt euch nicht zu sicher in eurer kindlichen
Fetenstimmung. Bob wäre nicht Bob wenn er nicht für Überraschungen
sorgen würde. Ansatzlos zündet er eine Bombe, die das
Publikum sprachlos zurückläßt. The Wicked Messenger
(11), ein Song, der musikalisch schon auf ‚John Wesley Harding‘
seinen besonderen Drive entwickelte, ist nun völlig
umarrangiert zu einem spannungsgeladenen, total dichten
Rocker, dessen knallharte Wechsel zwischen dem
Full-Band-Sound und Bob‘ s einsamer Stimme die Zuhörer
erbarmungslos präsent macht. Wenn du keine guten Nachrichten bringst,
dann laß es sein! Die Harmonika drängt sich in die letzten
Akkorde, alt und kratzig, Bob geht in die Knie, das Ende
kommt erbarmungslos kurz.
Die amphittheatrige Stimmung der Jahrhunderthalle schlägt dem
Sänger
einen orkanartigen Beifall entgegen, hilflos letztlich jeder
bemüht, seine Begeisterung glaubhaft zu machen. Doch der
Mann, erfahren in tausenden von Konzerten wundert sich,
versucht zu verstehen, spricht. "Whenever I play this
music in this country the people seem to understand better
than anywhere else. For one reason or another..."
Wir haben es gehört. Wir fühlen uns verstanden.
Endlich. Wir haben es immer gewußt.
Und immer gutgelaunt bleiben, egal, was kommt. Selbst wenn es
eine Dame in ihrem Leopard-Skin Pill-Box Hat (12)
ist. Soll sie, wenn sie will, ich habe meine eigenen
Skurrilitäten. Drei Fender-Strato-Sunburst zum Beispiel,
die sich zu einem Rockgewitter zusammentun und das Zucken in unseren
Körpern durchbrechen lassen, mehr und mehr und mehr...
Verschnaufpause. Aufgereiht steht die Band und nimmt den
verdienten
Beifall entgegen, stoisch reglos bis auf den Mann in der
Mitte, der sich
durch die Haare fährt, sein verschwitztes Jacket zurechtrückt
und den
Dauerschweißtropfen von seiner Nase wischt. Es war pure
Magie,
ehrlicherweise müßte jetzt das Konzert zu Ende sein. Doch
die
Internet-Eingeweihten wissen, daß Bob noch mehr mitgebracht
hat, auf den Nachtisch will keiner verzichten, auch wenn es
ein üppiges Festmahl war. I used to care, but - Things
Have Changed (13), das wird an diesem Abend deutlich. Laß
alle denken, schreiben, meinen, urteilen, kritisieren, hoffen,
verzweifeln wie sie wollen. Wenn ich Lust auf gute Laune habe
wird sie mir keiner nehmen.
Und wenn ich weiß, daß das deutsche Publikum manche Songs
noch mehr mag als andere, dann sollen sie sie bekommen.
Warum nicht? Heute ist ein großer Tag. Like A Rolling
Stone (14) war gut, ist gut, wird immer gut sein, allein
durch die ewige wiederholte Frage "How does it feel?"
Welche Frage. Sogar in den Augen der Hartgesottenen beginnt
dieses verdächtige Glitzern.
Immer noch gut? Dann beginnt jetzt die Zeit der Geschenke.
Allen voran 4th Time Around (15). Wer hätte das
gedacht? Und während Bob von jener zarten Begegnung mit einem
Mädchen vor einer Ewigkeit beginnt zu
erzählen, versuche ich innerlich sie zusammenzubringen, den völlig
zugeknallten amerikanischen Jungen, der 1966 die Worte zu
diesem Song
mühsam zusammensucht und sie doch alle findet, auch wenn ihm
keine Band zur Seite steht und den Mann, der hier vor mir
steht wie alter, gereifter Wein, erfahren und kühl bis in die
Zehenspitzen, und der dennoch eine Zartheit in seine
Stimme legen kann, wie ich sie nur selten gehört habe.
Was er wohl als nächstes auspackt? Einige Unsicherheit auf
der Bühne,
alle scharen sich um Bob, ehe dieser nickt und vor aller Augen
Charlie die
Akkorde und Wechsel zeigt. Seeing The Real You At Last
(16), dieses
Lied, das schon immer unter der Diskrepanz zwischen schwacher
Musik und hervorragendem Text litt. So auch heute. Es holpert
ein wenig, kommt nicht recht in die Gänge, Bob wirkt
sichtlich unzufrieden. Doch heute abend muß es gesungen
werden. Nicht mehr mit der Ironie und der Enttäuschung früherer Jahre,
keine Klagen mehr. Das wahre Du ist jetzt klar. Und das Ich.
Und das Wir. Laßt uns vergessen.
Laßt uns das wirklich Wichtige sehen. Nicht nur ‚high above
the clouds‘,
sondern überall. I Shall Be Released (17). Die
Hoffnung stirbt nie.
Und ich? Habe ich einen Wunsch frei? Bob erfüllt ihn hier und
jetzt. Highway 61 Revisited (18), eines seiner besten
Lieder, an dem ich mich nie satthören kann. Einfach den Gang
einlegen, und ab geht die Post, selbst wenn es auf der
Bundesstraße 3 ist. Und Bob, wenn Johnny Winter eines Tages
am Straßenrand steht, nimm ihn mit!
Wie kann ein solches Konzert seinen Abschluß finden? Es könnte
‚Forever Young sein‘, der Herzschmeichler. Doch die
Dramaturgie verlangt, ein wirkliches Ende zu finden,
wieder zurückzukehren in die Zeit der Clubs in New York,
zurück zu Woody. Die Räucherstäbchen müssen gelöscht und
die Halle abgeschlossen werden. Blowin‘ In The Wind
(19) vollbringt dies mit Würde. Nicht als
Lagerfeuersong, zu dem er meist zu Unrecht abgetan wird,
sondern als Bekenntnis. Es müssen nicht alle Fragen
beantwortet werden. Das wollen wir gar nicht.
Wieder geht das Licht aus. Die Verstärkerdioden leuchten wie
rote Sterne zum Abschied. Dann ist es vorbei.
Ein Mitt-Sechziger mit dicker Hornbrille steht neben mir am
Absperrgitter vor der Bühne. "Ich sehe nicht mehr
gut," sagt er. "Hat er gut ausgesehen?"
Er hat.
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