n.B.u
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Bob Dylan in Frankfurt 2000 (Bootlegcover)


Frankfurt 2000
Die Presse
von
Thomas Erle


The Real You At Last


Zwei Tage danach. Ich bin wieder aufgetaucht aus dem Kosmos, den eine
Dylan-Show aufzieht, dieser Raum, in dem die Zeit ihren eigenen Gesetzen
folgt, irgendwo in dieser Welt.

Ich bin immer noch verblüfft, ein anderes Wort fällt mir nicht ein. Ich habe 
es also doch auf mich genommen, wieder mal, die ganzen stressigen
Begleiterscheinungen, nur um ein weiteres Konzert der Never-Ending-Tour mitzuerleben. Am Freitagnachmittag losgezogen, mit Motorroller, Vorortzug, ICE. Habe mich durch das Chaos des Bahnhofs der Weltstadt Frankfurt durchgeschlagen, in dem es Mühe kostet, eine S-Bahn-Verbindung rauszubekommen und Fahrkarten zu kaufen inmitten des Wettgröhlens von Fußball- und Eishockeyfans. Da die Zeit drängt, nehme ich ausnahmsweise ein Taxi, ein letztes Mal Ruhe und Bequemlichkeit, während gleichzeitig die holländische Königin (die mit dem Hut!) einem Bombenblindgänger auf der Rollbahn ausweicht.

Ich komme in dem Moment an, als die Hallentüren geöffnet werden und die Sprinter an den Bühnenrand hecheln. Ich schiebe mich am Gedränge vorbei und gehöre zu den Vordersten, die kontrolliert und gefilzt werden (ein bißchen). Ein-, zwei Ecken, dann stehe ich im Innenraum, etwa 10 Meter vor der Bühne, leicht versetzt von der Mitte, Bob’s Mikro gut vor Augen. Die Stunde warten vergeht relativ gut, auch wenn dies für mich wie stets eher zum unangenehmsten Teil des Tages wird. Das Publikum ruckelt sich zurecht wie in einer Sanduhr, die Hälse werden länger, Jacke und Pullover lassen mich schwitzen. Warum sind einige plötzlich vor der Absperrung? VIPs? Ich bleibe, mein Platz ist gut. Räucherwaren, Checken der Amps, die Instrumente werden nachgestimmt.

Pünktlich um acht geht das Saallicht aus, die Menge grölt, die Spannung 
hebt sich dem Mann entgegen, der nun gleich aus dem Off hereintaumeln 
wird. "Good evening, Ladies and gentlemen..." Es geht los, wieder ein 
Konzert von vielen.

Nein , daß dies eine der besten Shows werden sollte, die ich je gesehen habe,deutet sich von Anfang an an. Bob wirkt sehr zielstrebig, ist vom ersten Moment an völlig präsent. Seine Haare sind lang geworden, vor allem die grauen Fussellocken im Nacken. Das schwarze unbequeme Outfit scheint er ja wohl zu brauchen, auch wenn der lila Samtvorhang zunächst fehlt.

Dann legt er los mit Duncan and Brady (1), einem Song, den ich bisher noch nie live erlebt habe. Meint er es ernst oder ist es Ironie, wenn Bob im Refrain singt ‚I’ve been on the job too long‘? Jedenfalls ist nicht zu merken von Müdigkeit oder Routine, im Gegenteil. Bob macht uns deutlich, daß es sein ‚Job‘ ist, heute Abend hier zu sein. Aber ebenso deutlich bringt er es rüber, daß er dies gerne tut. Ein hinreißender Anfang. Das Publikum belohnt es mit stürmischem Beifall, Bob bedankt sich, überrascht und artig.

Geht es so weiter? Nein, da fehlt noch etwas. Eine Art rituelle Handlung, 
die Bob noch dazwischenschiebt, wie bei der feierlichen Eröffnung eines 
lebendigen Denkmals. Der Priester legt seine Opfergabe vor dem Altar 
dessen nieder, dem er sich verpflichtet fühlt, auch wenn es inzwischen sein 
‚Job‘ ist. Bob verbeugt sich vor dem, der ihm am meisten mit auf den Weg gegeben hat. Song To Woody (2) wirkt wie ein Eintrag in das Poesiealbum. Bob nimmt sich sehr zurück, wirkt nachdenklich und konzentriert, wie wenn die letzten 40 Jahre vor seinem inneren Auge sich zu jenem Ort in East Orange verdichten als der Totkranke dem Jungen seinen Segen mitgibt. Wunderbar, wie Tonys Bass sich zu Beginn der zweiten Strophe butterweich unter das Lied legt und das Publikum einlädt, mit in dieses Schiff einzusteigen. Bob bricht in helles Lachen aus über seine eigene Ernsthaftigkeit. Wieder enthusiastischer Applaus.

Bob scheint zu merken, daß heute ein besonderer Abend werden kann, 
reagiert darauf, daß er die Songlist überprüft und sich jedesmal neu mit 
Tony und den anderen abspricht. Sie entscheiden sich für Desolation Row (3) als Start für das eigentliche Konzert. Eine gute Wahl. Bob zeigt, wer mit an Bord ist und öffnet den ganzen Kosmos der Seiltänzer, Aschenputtel, Romeos, Notre-Dame-Glöckner, Robin Hoods. Haben alle die braunen Ausweise dabei? Was - das Phantom der Oper ist zweimal an Bord? Macht nichts, wir wissen sowieso nicht, wer wer ist.

Gute Stimmung an Bord, es wird gefeiert, Walzerklänge ertönen. 
To Ramona (4), für sie und für alle anderen. Hier ist alles erlaubt, wer 
Musikstile definieren muß, soll es tun und die Stirne runzeln. Auch für 
Johann Strauß ist Platz in der Desolation Row.

Bob beginnt, Geschichten zu erzählen, von dieser Frau, die er vor langer 
Zeit kannte und die irgendwann wie ein Vogel davongeflogen ist. 
Tangled Up In Blue (5) ließ sie ihn zurück. Heute noch. Immer wieder. 
Mit der selben Unerbittlichkeit, mit der dieser Song seit Jahren an fünfter 
Stelle der Show auftaucht. Das ist für den Sänger wichtig, und für mich nur dadurch auszuhalten, daß es eines meiner absoluten Lieblingslieder ist. 
Die Performance beginnt heute etwas holpriger, weicher als sonst, wie 
wenn Bob überrascht scheint, daß es schon wieder soweit ist. Doch 
unmerklich baut sich der Song auf, wird prägnanter und erreicht schließlich eine Präsenz, wie ich sie selten zuvor gehört habe. Bob selbst wird so mitgerissen, daß er das Ende hinauszögert, er spielt durch, ein zweites Solo,  ein drittes, während endlich auch Tony zu seiner gewohnten guten Laune findet.

Doch sie ist fort, für immer. Es ist einfacher, das Grab eines toten Soldaten zu suchen. Searching For A Soldier’s Grave (6). Straight und tight die Musik, klar die Worte, präzise der Chor. Bob und die Band sind absolut dicht beieinander. Da gibt es nicht mehr das Herumgestochere in Bob’s Soli wie in Zürich im Mai. Alles ist stimmig, wie ein gesunder, pulsierender Organismus.

Licht aus. Instrumentenwechsel. Licht an. Die Feier geht weiter. Das Fest 
wird zur überschäumenden Party, zur Country Pie (7). Während Larry und Charlie (endlich Charlie!) alle Register auspacken und den Song zu einem quirlenden, überschäumenden Werk aufbauen, brechen bei Bob alle Dämme.Er kokettiert mit dem Publikum, lacht, macht Faxen, sucht Augenkontakt, zielt mit dem Gitarrenhals hinein in die leuchtenden Augen vor ihm. Es ist Show, alle wissen es, doch alle genießen es, den alten Griesgram von seiner heiteren Seite zu erleben.

Mit Dignity (8) geht es weiter, ohne Bruch. Wer käme auf die Schnapsidee, Dignity in Frage zu stellen, gar zu photographieren? Bob schüttelt milde lächelnd den Kopf. Wir altern in Würde, und wer es nicht tut, ist schon tot.

In dieser heiteren Stimmung kann ich sogar Stuck Inside Of Mobile (9)
genießen, ein Song, den ich immer sehr mochte, doch der über die Jahre zu vorhersehbar und müdegespielt war. Can this really be the end? Nein, die Party geht weiter, auch wenn wir schon in den Vierzigern, Fünfzigern sind, ein Alter, in dem man nach vorne sieht, während die Erinnerungen immer mehr werden.

Vielleicht wählt Bob aus diesem Grund als nächstes Not Dark Yet (10), eines seiner intimsten Lieder. Larry breitet einen ausgefeilten, feinabgestimmten Gitarrenteppich aus, auf dem sich die Skulptur des Songs aufbaut, Wort für Wort, jeder Buchstaben kommt kristallklar, der Gesang ist wunderbar. Doch heute ist die Bedeutung umgedreht. Wir gehen dem Ende entgegen, aber es ist noch lange nicht soweit. Hoffnung statt Resignation.

Doch wiegt euch nicht zu sicher in eurer kindlichen Fetenstimmung. Bob wäre nicht Bob wenn er nicht für Überraschungen sorgen würde. Ansatzlos zündet er eine Bombe, die das Publikum sprachlos zurückläßt. The Wicked Messenger (11), ein Song, der musikalisch schon auf ‚John Wesley Harding‘ seinen besonderen Drive entwickelte, ist nun völlig umarrangiert zu einem spannungsgeladenen, total dichten Rocker, dessen knallharte Wechsel zwischen dem Full-Band-Sound und Bob‘ s einsamer Stimme die Zuhörer erbarmungslos präsent macht. Wenn du keine guten Nachrichten bringst, dann laß es sein! Die Harmonika drängt sich in die letzten Akkorde, alt und kratzig, Bob geht in die Knie, das Ende kommt erbarmungslos kurz. 

Die amphittheatrige Stimmung der Jahrhunderthalle schlägt dem Sänger 
einen orkanartigen Beifall entgegen, hilflos letztlich jeder bemüht, seine Begeisterung glaubhaft zu machen. Doch der Mann, erfahren in tausenden von Konzerten wundert sich, versucht zu verstehen, spricht. "Whenever I play this music in this country the people seem to understand better than anywhere else. For one reason or another..." Wir haben es gehört. Wir fühlen uns verstanden. Endlich. Wir haben es immer gewußt.

Und immer gutgelaunt bleiben, egal, was kommt. Selbst wenn es eine Dame in ihrem Leopard-Skin Pill-Box Hat (12) ist. Soll sie, wenn sie will, ich habe meine eigenen Skurrilitäten. Drei Fender-Strato-Sunburst zum Beispiel, die sich zu einem Rockgewitter zusammentun und das Zucken in unseren Körpern durchbrechen lassen, mehr und mehr und mehr...

Verschnaufpause. Aufgereiht steht die Band und nimmt den verdienten 
Beifall entgegen, stoisch reglos bis auf den Mann in der Mitte, der sich 
durch die Haare fährt, sein verschwitztes Jacket zurechtrückt und den
Dauerschweißtropfen von seiner Nase wischt. Es war pure Magie,
ehrlicherweise müßte jetzt das Konzert zu Ende sein. Doch die
Internet-Eingeweihten wissen, daß Bob noch mehr mitgebracht hat, auf den Nachtisch will keiner verzichten, auch wenn es ein üppiges Festmahl war. I used to care, but - Things Have Changed (13), das wird an diesem Abend deutlich. Laß alle denken, schreiben, meinen, urteilen, kritisieren, hoffen, verzweifeln wie sie wollen. Wenn ich Lust auf gute Laune habe wird sie mir keiner nehmen.

Und wenn ich weiß, daß das deutsche Publikum manche Songs noch mehr mag als andere, dann sollen sie sie bekommen. Warum nicht? Heute ist ein großer Tag. Like A Rolling Stone (14) war gut, ist gut, wird immer gut sein, allein durch die ewige wiederholte Frage "How does it feel?" Welche Frage. Sogar in den Augen der Hartgesottenen beginnt dieses verdächtige Glitzern.

Immer noch gut? Dann beginnt jetzt die Zeit der Geschenke. Allen voran 4th Time Around (15). Wer hätte das gedacht? Und während Bob von jener zarten Begegnung mit einem Mädchen vor einer Ewigkeit beginnt zu 
erzählen, versuche ich innerlich sie zusammenzubringen, den völlig 
zugeknallten amerikanischen Jungen, der 1966 die Worte zu diesem Song 
mühsam zusammensucht und sie doch alle findet, auch wenn ihm keine Band zur Seite steht und den Mann, der hier vor mir steht wie alter, gereifter Wein, erfahren und kühl bis in die Zehenspitzen, und der dennoch eine Zartheit in seine Stimme legen kann, wie ich sie nur selten gehört habe.

Was er wohl als nächstes auspackt? Einige Unsicherheit auf der Bühne, 
alle scharen sich um Bob, ehe dieser nickt und vor aller Augen Charlie die 
Akkorde und Wechsel zeigt. Seeing The Real You At Last (16), dieses 
Lied, das schon immer unter der Diskrepanz zwischen schwacher Musik und hervorragendem Text litt. So auch heute. Es holpert ein wenig, kommt nicht recht in die Gänge, Bob wirkt sichtlich unzufrieden. Doch heute abend muß es gesungen werden. Nicht mehr mit der Ironie und der Enttäuschung früherer Jahre, keine Klagen mehr. Das wahre Du ist jetzt klar. Und das Ich. Und das Wir. Laßt uns vergessen.

Laßt uns das wirklich Wichtige sehen. Nicht nur ‚high above the clouds‘,
sondern überall. I Shall Be Released (17). Die Hoffnung stirbt nie.

Und ich? Habe ich einen Wunsch frei? Bob erfüllt ihn hier und jetzt. Highway 61 Revisited (18), eines seiner besten Lieder, an dem ich mich nie satthören kann. Einfach den Gang einlegen, und ab geht die Post, selbst wenn es auf der Bundesstraße 3 ist. Und Bob, wenn Johnny Winter eines Tages am Straßenrand steht, nimm ihn mit!

Wie kann ein solches Konzert seinen Abschluß finden? Es könnte ‚Forever Young sein‘, der Herzschmeichler. Doch die Dramaturgie verlangt, ein wirkliches Ende zu finden, wieder zurückzukehren in die Zeit der Clubs in New York, zurück zu Woody. Die Räucherstäbchen müssen gelöscht und die Halle abgeschlossen werden. Blowin‘ In The Wind (19) vollbringt dies mit Würde. Nicht als Lagerfeuersong, zu dem er meist zu Unrecht abgetan wird, sondern als Bekenntnis. Es müssen nicht alle Fragen beantwortet werden. Das wollen wir gar nicht. 

Wieder geht das Licht aus. Die Verstärkerdioden leuchten wie rote Sterne zum Abschied. Dann ist es vorbei.

Ein Mitt-Sechziger mit dicker Hornbrille steht neben mir am Absperrgitter vor der Bühne. "Ich sehe nicht mehr gut," sagt er. "Hat er gut ausgesehen?"

Er hat.


Bob Dylan in Frankfurt 2000 (Bootlegcover)