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Coverfoto (Dylan in Dresden 24. Mai 2000)


Hannover 2000
Dresdner
Nachrichten
von
Andreas Koerner


Kenn‘ ich nicht, mag ich trotzdem:
Bob Dylan’s 59.Geburtstag in Dresden


Ist-er-gut-ist-er-schlecht und Sagt-er-was-wird-er-lächeln

Bob Dylan, der sich immer neu erfand, ist wieder einmal angelangt. was 
man zuletzt ahnen mußte und hoffen durfte, ist nach dem Dresdner Konzert Gewißheit: Bange Fragen nach dem Ist-er-gut-ist-er-schlecht und Sagt-er-was-wird-er-lächeln beschämen jetzt bestenfalls den, der sie stellt. 

Wer hat sich in den 1980ern nicht um Dylans Ruf gesorgt? Doch so
, als hätte er die unüberbietbare Senke der 87er‚Temples In Flames‘ - Nerverei auch als solche erkannt, begann er zwei Jahre später eine Tour, die er mit dem Slogan "Never Ending" versah. Sie dauert noch an, der Auftritt an seinem 59. Geburtstag dürfte eine Nummer jenseits der 1200 bekommen haben.

Bob Dylan hat die 1990er genutzt, um treue Freunde, links überholte Fans und ohne Zweifel auch die ‚Unbeleckten‘ davon zu überzeugen, dass sie allesamt noch immer Großartiges von ihm zu erwarten haben. Und plötzlich geht es nur noch um Musik, darum, welche Songs er bringen wird, an welcher Stelle seiner langen Diskographie er sie ausgraben und wie er sie bearbeiten wird. Oder nicht einmal mehr darum. Es geht einfach um eine gute Zeit, die man bei ihm und mit ihm verbringen kann. Jeden Abend neu, denn Pressespiegel lügen nicht: Das Programm der Tour von Köln bis Regensburg war an jedem Abend ein anderes!

Dylan macht nicht auf Einer-Bob, die wichtigste Voraussetzung für den 
Aufschwung war, dass er sich endlich wieder als Teil einer Band begriff. 
Vor sechs Jahren ließ sich der alte Fuchs von jungen Hasen jagen, jetzt 
hält er nicht nur dagegen, er badet im Whirlpool der eigenen Spielfreude. 
Bassist Anthony Garnier ist die einzige Besetzungskonstante, David 
Kemper bezeichnet der Meister als einen "der besten Drummer, die ich 
je hatte", Larry Campbell und Charlie Sexton turnen sicher zwischen E-, 
Akustik bzw. Steelgitarren. Fünfer-Bob also, eine entspannte Fahrt.

5000 wollten Dylan sehen - eine gute Größe, auf die sich das Interesse 
mittlerweile eingepegelt hat. In lässiges Südstaaten-Schwarz gewandet, 
kommt Dylan auf die Bühne und zieht ein nicht minder lässiges 
Countryrock-Stück aus dem Ärmel: RovingGambler, bei dem der geneigte Schnüffler schon bis 1958 zurückgehen muss, um es auf einer Everly-Brothers-Scheibe zu finden. Welch Beginn! Die Band wird eine 
halbe Stunde lang akustisch bleiben, mit Standbass, drei Gitarren und Besen-Klöppel. Sie werden darüber den Druck nicht vergessen, Dylan wird lustvoll näseln wie selten, er wird den Song To Woody bringen, Masters Of  War, ein verschmitztes Tangled Up In Blue, er wird sich wie stets, doch diesmal lockerer denn je, frei machen von allen Dylans, die seine Zuhörer in ihn reinwünschen. Er spielt geerdeten 2000er Folkabilly, der ihn virtuell zurück an Woody Guthries Krankenbett beamt, aber gleichzeitig so heutig erscheinen lässt, dass es fast ultimative Züge für einen in Ehren alternden Pop-Star trägt. Denn er wird nach 30 Minuten einstöpseln und für seine Verhältnisse losberserkern. War ihm im akustischen Set vor allem am Gesang gelegen, ist ihm im elektrischen eindeutig die Gitarre heilig.Campbell und Sexton klammern Dylan in grandioser Manier (was durchaus an The-Band-Disziplin erinnert), wenn er seins macht, hurtig aus den Harmonien galoppiert, einfach nicht klein beigeben will. Er zupft nicht mit, er will der Leader sein.

Leopard-Skin Pill-Box Hat beschließt als verschwitzter Shuffle - 
Feger eine schroffe halbe Stunde, die wie für Dylanologen geschneidert 
war, denn wer kann schon von sich behaupten, alles Material er- oder sogar gekannt zu haben? So, als wollte er die 5000 für das kollektive Kenn‘-ich-nicht-mag-ich-trotzdem belohnen wie Kinder, die
brav aufgegessen haben, setzt er - nach dem für nicht wenige etwas 
schockierenden Abgang nach einer Stunde - einen zweiten Set ins Rund, 
der in dieser Form vielleicht gar nicht geplant war. Doch immer wieder 
hockten sie sich nach einem Song konspirativ zusammen und zogen den 
nächsten aus dem Ärmel. Das Motto, abgewandelt mit einem Textauszug aus Ballad Of A Thin Man, das die zweite Stunde einleitete: ...irgendwas tut sich hier, und Du weißt ganz genau, was es soll, nicht wahr, Mr. Dylan? Ein arg launiges Maggie’s Farm, bei dem seine Gitarre an ihm
herumbaumelt wie ein Beratungsmuster, It Ain’t Me, Babe ungemein 
charmant mit Mundi ohne Gestell, Highway 61 Revisited mit viel Schnur 
und Stracks ohne Schlag und Loch, Forever Young symbolisch, Like A
 Rolling Stone" solide, das finale Blowing In The Wind dreistimmig im 
Refrain. Und doch ist es genau dieser Teil, der unzweifelhaft vor Ohren
 führt, dass man zuvor den ‚alten‘ Dylan, den Bob der Kassetten und Tambourine-Männer überhaupt nicht vermisst hat.

"I’m gonna remember this birthday for a while", knödelt er sichtlich 
berührt ins Mikro, bevor er - vorläufig - geht. Wir auch. Es ist amtlich: 
Für die nächste Runde von Bob Dylans nie enden wollender Tour gibt es 
jeden erdenklichen Grund zur Vorfreude.

P.S. Auf der Tour bestand Fotografierverbot auch für die Presse. Doch so alt sah der Meister wahrlich nicht aus.


Coverfoto (Dylan in Dresden 24. Mai 2000)