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Kenn‘ ich nicht, mag ich trotzdem:
Bob Dylan’s 59.Geburtstag in Dresden
Ist-er-gut-ist-er-schlecht und Sagt-er-was-wird-er-lächeln
Bob Dylan, der sich immer neu erfand, ist wieder einmal angelangt. was
man
zuletzt ahnen mußte und hoffen durfte, ist nach dem Dresdner Konzert Gewißheit:
Bange Fragen nach dem Ist-er-gut-ist-er-schlecht und Sagt-er-was-wird-er-lächeln
beschämen jetzt bestenfalls den, der sie stellt.
Wer hat sich in den 1980ern
nicht um Dylans Ruf gesorgt? Doch so
, als hätte er die unüberbietbare Senke der 87er‚Temples
In Flames‘ - Nerverei auch als solche erkannt, begann er zwei Jahre später
eine Tour, die er mit dem Slogan "Never Ending" versah. Sie dauert
noch an, der Auftritt an seinem 59.
Geburtstag dürfte eine Nummer jenseits der
1200 bekommen haben.
Bob Dylan hat die 1990er genutzt, um treue Freunde, links überholte Fans und
ohne Zweifel auch die ‚Unbeleckten‘ davon zu überzeugen, dass sie allesamt
noch immer
Großartiges von ihm zu erwarten haben. Und plötzlich geht es nur noch um
Musik, darum, welche Songs er bringen wird, an welcher Stelle seiner langen
Diskographie er
sie ausgraben und wie er sie bearbeiten wird. Oder nicht einmal mehr darum. Es
geht einfach um eine gute Zeit, die man bei ihm und mit ihm verbringen kann.
Jeden Abend
neu, denn Pressespiegel lügen nicht: Das Programm der Tour von Köln bis
Regensburg war an jedem Abend ein anderes!
Dylan macht nicht auf Einer-Bob, die wichtigste Voraussetzung für den
Aufschwung war, dass er sich endlich wieder als Teil einer Band begriff.
Vor
sechs Jahren ließ sich der alte Fuchs von jungen Hasen jagen, jetzt
hält er
nicht nur dagegen, er badet im Whirlpool der eigenen Spielfreude.
Bassist Anthony Garnier
ist die einzige Besetzungskonstante, David
Kemper
bezeichnet der Meister als einen "der besten Drummer, die ich
je hatte", Larry Campbell
und Charlie Sexton
turnen sicher zwischen E-,
Akustik bzw. Steelgitarren. Fünfer-Bob also, eine
entspannte Fahrt.
5000 wollten Dylan sehen - eine gute Größe, auf die sich das Interesse
mittlerweile eingepegelt hat. In lässiges Südstaaten-Schwarz gewandet,
kommt
Dylan auf die
Bühne und zieht ein nicht minder lässiges
Countryrock-Stück aus dem Ärmel: RovingGambler, bei dem der geneigte Schnüffler schon bis 1958 zurückgehen
muss, um es auf einer Everly-Brothers-Scheibe zu finden. Welch Beginn! Die Band
wird eine
halbe Stunde lang akustisch bleiben, mit Standbass, drei Gitarren und
Besen-Klöppel. Sie werden darüber den Druck nicht vergessen, Dylan wird lustvoll näseln wie selten, er wird den Song To Woody bringen, Masters Of
War, ein verschmitztes Tangled Up In Blue, er wird sich wie stets, doch diesmal lockerer denn je, frei machen von
allen Dylans, die seine Zuhörer in ihn reinwünschen. Er spielt geerdeten
2000er Folkabilly, der ihn virtuell zurück an Woody Guthries Krankenbett beamt,
aber gleichzeitig so heutig erscheinen lässt, dass es fast ultimative Züge für
einen in Ehren alternden Pop-Star trägt. Denn er wird nach 30 Minuten einstöpseln
und für seine Verhältnisse losberserkern. War ihm im akustischen Set vor allem
am Gesang gelegen, ist ihm im elektrischen eindeutig die Gitarre heilig.Campbell und Sexton klammern Dylan in grandioser Manier (was durchaus an
The-Band-Disziplin erinnert), wenn er seins macht, hurtig aus den Harmonien
galoppiert, einfach nicht klein beigeben will. Er zupft nicht mit, er will der
Leader sein.
Leopard-Skin Pill-Box Hat beschließt als verschwitzter Shuffle -
Feger eine
schroffe halbe Stunde, die wie für Dylanologen geschneidert
war, denn wer kann
schon von sich behaupten, alles Material er- oder sogar gekannt zu haben? So, als wollte
er die 5000 für das kollektive Kenn‘-ich-nicht-mag-ich-trotzdem belohnen wie
Kinder, die
brav aufgegessen haben, setzt er - nach dem für nicht wenige etwas
schockierenden Abgang nach einer Stunde - einen zweiten Set ins Rund,
der in
dieser Form vielleicht
gar nicht geplant war. Doch immer wieder
hockten sie sich nach einem Song
konspirativ zusammen und zogen den
nächsten aus dem Ärmel. Das Motto,
abgewandelt mit einem Textauszug aus Ballad Of A Thin Man, das die zweite Stunde
einleitete: ...irgendwas tut sich hier, und Du weißt ganz genau, was es soll,
nicht wahr, Mr. Dylan?
Ein arg launiges Maggie’s Farm, bei dem seine Gitarre
an ihm
herumbaumelt wie ein Beratungsmuster, It Ain’t Me, Babe ungemein
charmant mit
Mundi ohne Gestell, Highway 61 Revisited mit viel Schnur
und Stracks ohne Schlag und Loch, Forever Young symbolisch, Like A
Rolling Stone" solide, das
finale Blowing In The Wind dreistimmig im
Refrain. Und doch ist es genau dieser
Teil, der
unzweifelhaft vor Ohren
führt, dass man zuvor den ‚alten‘ Dylan, den Bob
der Kassetten und Tambourine-Männer überhaupt nicht vermisst hat.
"I’m gonna remember this birthday for a while", knödelt er
sichtlich
berührt ins Mikro, bevor er - vorläufig - geht. Wir auch. Es ist
amtlich:
Für die nächste Runde von Bob
Dylans nie enden wollender Tour gibt es
jeden erdenklichen Grund zur Vorfreude.
P.S. Auf der Tour bestand Fotografierverbot auch für die Presse. Doch so alt
sah der
Meister wahrlich nicht aus.
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