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Dylan trat in der Kölnarena
auf
Das hat die Welt noch nicht oft gesehen! Erst reckt Bob Dylan
den Daumen, dann spreizt er die Finger zum
Victory-Zeichen - und das gleich zwei Mal in der Kölnarena,
wenn auch etwas kokett unterhalb der Gürtellinie wie der
russische Clown im "Circus Roncalli".
Dann das Unfassbare zum Finale: Der Meister aller Klassen hebt
die Arme über den Kopf, und beinahe, ja, beinahe hätten
die Hände auch noch zueinander gefunden. Aber auch so
war das beglückte Publikum im
nicht ausverkauften Saale bereit, den traditionellen
Rausschmeißer
Rainy Day Women No. 12 & No. 35 mitzuklatschen.
Was diese Vorrede sagen soll: Es glich einem emotionalen
Exzess,
was der Künstler seinem Publikum an Aufmerksamkeit schenkte.
Denn es ist Gesetz, dass er nicht als verbindlicher Moderator
seiner Songs über die Bühnen der Welt zieht. Dass manch
einer ein paar
warme Worte mehr als nur zwei knappe "Thankyou"
erwartet hatte
- tja, was soll man sagen! Was gilt, das wird eben
gesungen und
gespielt.
Und was davon in Köln zu hören war, hatte eine fabelhafte
Qualität. Bob
und Band boten Elegisches, Radikales und Amüsantes - und
waren oft und oft bereit, nach Raritäten im Repertoire
zu suchen. Kaum ein Konzert
gleicht dem anderen - und für Köln gilt, dass Dylan ein so
anspruchsvoll-ausgefallenes Programm auf der noch jungen
Europa-
Tournee bisher noch nicht geboten hat.
Nach dem derzeit üblichen Start mit Roving Gambler gab
es
Neuinterpretationen von den Dylan-Standards The Times They
Are
A-Changin', It's Alright, Ma, Mr. Tambourine Man
und Tangled Up in Blue. Dann der entschlossene Wechsel
zu einigen Preziosen - wie dem biblischen Gates of
Eden, dem backfrischen Things Have Changed, dem
gitarrenseligen Down Along the Cove, dem
ehrwürdigen
Every Grain of Sand und dem
sagenhaften-messerscharfen-peitschenschwingenden Cold Irons
Bound.
Die Band ist ständig auf der Lauer, welcher Laune des
Meisters sie zu
folgen hat. Im Vorübergehen raunt Dylan seinem Bassisten
Tony
Garnier den nächsten Titel zu, von den Lippen dieses
dienstältesten
Bandmitglieds liest es der Neuzugang Charlie Sexton geradezu
fiebernd
ab, reißt überrascht seine Gitarre vom Hals und tauscht sie
hastig um.
Diese Band hat jede Menge Kraft, um durch stille Passagen zu
wandeln,
ohne sich zu verlieren, und um für Feuer zu sorgen, wenn es
brennen
soll. Und wenn sie sich auch noch stimmlich einmischt, zwei
Mal an
diesem Abend, dann hat dies Wärme und Format.
So bereiten Garnier und Sexton, Gitarrist Larry Campbell
und
Schlagzeuger David Kemper den Grund, auf dem Bob Dylan
triumphiert.
Der lässt die Stimmbänder rasseln, als führe Ferrari auf
Felgen zum
Sieg; der schlägt die Gitarre, dass es bis in seine
kuhfellgemusterte
Stiefelspitze vibriert; der beginnt sein Mundharmonika-Spiel
als
Atemübung und spinnt dann ein goldfädriges Netz, in dem die
Seele
baumeln kann. Das gerade genehme Mundharmonika-Modell
wählt
Dylan im Übrigen geduldig aus: Er prüft das üppige Angebot
auf dem
dargereichten Silbertablett, als stünde er an der
Gemüsetheke und fühlte
nach, ob die Avocado schon reif ist.
Nach fast zwei Stunden war der Spaß fürs Publikum vorbei.
BAP-Chef
Wolfgang Niedecken allerdings bekam eine weitere Zugabe:
Gemeinsam
mit Wim Wenders, der die Kölner Band auf Film bannt, gab es
eine
kurze Audienz beim Idol, bevor dieses in den Bus nach Hannover
stieg.
Nichts Genaues ist fixiert - aber in Berlin, wo Dylan eine
Auszeit nehmen wird, sieht man sich wieder. Und wenn's kommt,
wie's kommen könnte, dann spielt er sogar eine kleine
Rolle in dem Road-and-Music-Movie. Niedeckens Stimme zum
Kölner Spiel deckt sich im Übrigen mit dem
vielfach artikulierten Eindruck rund um die Halle:
"Das war einfach großartig!"
Zuletzt vor sechs Jahren war Bob Dylan in Köln gewesen (an
einem Tag,
als ebenfalls die Sonne schien und an dem Deutschland bei der
Fußball-WM ausschied). Es gibt keinen Grund, die Stadt wieder
so lange warten zu lassen.
Daumen hoch!
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