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Dylan in Köln 2000


Köln 2000
Kölner
Stadtanzeiger



Dylan trat in der Kölnarena auf


Das hat die Welt noch nicht oft gesehen! Erst reckt Bob Dylan den Daumen, dann spreizt er die Finger zum Victory-Zeichen - und das gleich zwei Mal in der Kölnarena, wenn auch etwas kokett unterhalb der Gürtellinie wie der russische Clown im "Circus Roncalli".

Dann das Unfassbare zum Finale: Der Meister aller Klassen hebt die Arme über den Kopf, und beinahe, ja, beinahe hätten die Hände auch noch zueinander gefunden. Aber auch so war das beglückte Publikum im
 nicht ausverkauften Saale bereit, den traditionellen Rausschmeißer 
Rainy Day Women No. 12 & No. 35 mitzuklatschen.

Was diese Vorrede sagen soll: Es glich einem emotionalen Exzess, 
was der Künstler seinem Publikum an Aufmerksamkeit schenkte. 
Denn es ist Gesetz, dass er nicht als verbindlicher Moderator seiner Songs über die Bühnen der Welt zieht. Dass manch einer ein paar
warme Worte mehr als nur zwei knappe "Thankyou" erwartet hatte
 - tja, was soll man sagen! Was gilt, das wird eben gesungen und
gespielt.

Und was davon in Köln zu hören war, hatte eine fabelhafte Qualität. Bob 
und Band boten Elegisches, Radikales und Amüsantes - und waren oft und oft bereit, nach Raritäten im Repertoire zu suchen. Kaum ein Konzert 
gleicht dem anderen - und für Köln gilt, dass Dylan ein so  anspruchsvoll-ausgefallenes Programm auf der noch jungen Europa-
Tournee bisher noch nicht geboten hat.

Nach dem derzeit üblichen Start mit Roving Gambler gab es 
Neuinterpretationen von den Dylan-Standards The Times They Are 
A-Changin',
It's Alright, Ma, Mr. Tambourine Man und Tangled Up in Blue. Dann der entschlossene Wechsel zu einigen Preziosen - wie dem biblischen Gates of Eden, dem backfrischen Things Have Changed, dem gitarrenseligen Down Along the Cove, dem ehrwürdigen
Every Grain of Sand und dem sagenhaften-messerscharfen-peitschenschwingenden Cold Irons Bound

Die Band ist ständig auf der Lauer, welcher Laune des Meisters sie zu 
folgen hat. Im Vorübergehen raunt Dylan seinem Bassisten Tony 
Garnier den nächsten Titel zu, von den Lippen dieses dienstältesten 
Bandmitglieds liest es der Neuzugang Charlie Sexton geradezu fiebernd 
ab, reißt überrascht seine Gitarre vom Hals und tauscht sie hastig um. 
Diese Band hat jede Menge Kraft, um durch stille Passagen zu wandeln, 
ohne sich zu verlieren, und um für Feuer zu sorgen, wenn es brennen 
soll. Und wenn sie sich auch noch stimmlich einmischt, zwei Mal an 
diesem Abend, dann hat dies Wärme und Format.

So bereiten Garnier und Sexton, Gitarrist Larry Campbell und 
Schlagzeuger David Kemper den Grund, auf dem Bob Dylan triumphiert. 
Der lässt die Stimmbänder rasseln, als führe Ferrari auf Felgen zum 
Sieg; der schlägt die Gitarre, dass es bis in seine kuhfellgemusterte 
Stiefelspitze vibriert; der beginnt sein Mundharmonika-Spiel als
Atemübung und spinnt dann ein goldfädriges Netz, in dem die Seele 
baumeln kann. Das gerade genehme Mundharmonika-Modell wählt 
Dylan im Übrigen geduldig aus: Er prüft das üppige Angebot auf dem 
dargereichten Silbertablett, als stünde er an der Gemüsetheke und fühlte 
nach, ob die Avocado schon reif ist.

Nach fast zwei Stunden war der Spaß fürs Publikum vorbei. BAP-Chef 
Wolfgang Niedecken allerdings bekam eine weitere Zugabe: Gemeinsam 
mit Wim Wenders, der die Kölner Band auf Film bannt, gab es eine 
kurze Audienz beim Idol, bevor dieses in den Bus nach Hannover stieg. 
Nichts Genaues ist fixiert - aber in Berlin, wo Dylan eine Auszeit nehmen wird, sieht man sich wieder. Und wenn's kommt, wie's kommen könnte, dann spielt er sogar eine kleine Rolle in dem Road-and-Music-Movie. Niedeckens Stimme zum Kölner Spiel deckt sich im Übrigen mit dem vielfach artikulierten Eindruck rund um die Halle: "Das war einfach großartig!"

Zuletzt vor sechs Jahren war Bob Dylan in Köln gewesen (an einem Tag, 
als ebenfalls die Sonne schien und an dem Deutschland bei der Fußball-WM ausschied). Es gibt keinen Grund, die Stadt wieder so lange warten zu lassen.

Daumen hoch!


Dylan in Köln 2000