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Love & Theft
Braunschweiger
Zeitung
Roland Comes


Das Stehaufmännchen denkt noch lange nicht an Ruhestand
Rocklegende Bob Dylan begeisterte 3500 Besucher in der ausverkauften Braunschweiger Stadthalle

Nein, geändert hat sich Bob Dylan auch nach seinem 60. Geburtstag nicht. Also warteten Fans wieder einmal vergeblich auf Autogramme, und für die Presse herrschte striktes Fotografierverbot. Auch das Programm, das Dylan für sein Gastspiel am Donnerstagabend in der Braunschweiger Stadthalle im Gepäck hatte, unterschied sich nicht von dem früherer Konzerte: eine launig-lärmende Sammlung von 20 Songs aus seinem fast unerschöpflichen Repertoire, vom frühen Meisterwerk Masters of War bis zu Love Sick  von seiner bislang letzten CD Time Out Of Mind.
Und doch durften sich die 3500 Besucher in der ausverkauften Stadthalle geehrt fühlen. Denn so viel Dylan gibt's selten: Statt sonst üblicher 90 Minuten waren es diesmal zweieinviertel Stunden, die der sichtlich gut gelaunte Rockmusiker auf der Bühne blieb, und auch von der Aura stocksteifer Arroganz war diesmal nichts zu spüren. 

Dafür um so mehr von der Lust an der Demontage. Wie Dylan seine Songs musikalisch wie textlich in ihre Bestandteile zerlegt, bis zur Unkenntlichkeit zerdehnt und zernuschelt oder im Irrsinnstempo durch den Stilmixer quirlt, ist ein elektrisierendes Erlebnis. Und ein lautes dazu. Nach einem moderaten Countryrock-Auftakt schalteten Dylan und seine vierköpfige Band zum Tombstone Blues erstmals den Turbo ein und brachten das Publikum mit peitschenden Rhythmen in Bewegung. Als der Meister dann zu Simple Twist of Fate auch noch erstmals zur Mundharmonika griff, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Aus Dylan, dem Wortführer der Protestbewegung in den 1960er Jahren, ist längst ein Entertainer für die ganze Familie geworden, der seine Fans bei den Großeltern wie den Enkeln hat. Heute wartet niemand mehr auf neue Wahrheiten aus seiner Feder oder wirft ihm Nestbeschmutzung vor, weil seine Texte längst nicht mehr als Parolen für irgendwelche Schlachten taugen. Stattdessen herrscht Partystimmung, in der das einstige Weltuntergangslamento A Hard Rain'sA-Gonna Fall als Brachialrock mühelos mit dem harmlosen Schlager Country Pie kompatibel ist. Solche Wechselbäder der Gefühle sind längst nicht mehr irritierend, sondern machen den Reiz eines Dylan-Konzertes aus. Natürlich ist er kein  Meister an der Gitarre und die Stimme nicht mehr so beweglich wie früher, doch die Leidenschaft und Intensität, mit der er auch nach 35 Jahren noch Titel wie Like a Rolling Stone oder Highway 61 Revisited präsentiert, nötigen nicht nur Respekt ab, sondern sorgen für faszinierende
Erlebnisse. Und wenn er den Refrain zu einem seiner großen Hits, 
Knockin' on Heavens Door neuerdings mit "like so many times before" ergänzt, darf man sich wieder mal auf Bedeutungssuche begeben: Bob Dylan, das schmächtige Stehaufmännchen aus Duluth, denkt noch lange nicht an Ruhestand, geschweige denn ans Ende. Die "Never Ending Tour" wird wohl noch eine Weile dauern.