Das Rad dreht sich
30. Juni
2004 Daß es mit "Rainy Day Women #12
& 35" losging, ließ auf gute Laune, ja Übermut
schließen. Der lustige Song von "Blonde On
Blonde" rumpelt wie eine Big Band, man denkt an
das, was alle erzählen, wenn sie mal in New Orleans
einen Beerdigungszug auf offener Straße erlebt haben:
die Feier des Lebens auch unter unerfreulichen Umständen.
Beerdigt wurde auf dem Bonner Museumsplatz, der, wie
sich das gehört, wenn ER kommt, voll war mit älterem
und altem, angenehm konservativ durchweg in Jeans
gekleidetem Publikum: niemand.
Er schlug das soundsovielte
Kapitel seiner never ending tour beeindruckend vital
auf und zerstreute so den Eindruck, daß es sich beim
Auftakt um einen fast schon unseriösen Song handelte,
um sein "Ob-la-di-Ob-la-da". Tief, viel
tiefer naturgemäß als auf Platte, ging er stimmlich
herunter; der Refrain, damals auf dem letzten, ihn so
spaßig wie selbstverständlich als Drogenkonsumenten
ausweisenden Wort ausgesungen, hat alles Gewicht nun
auf dem monströs zerdehnten ersten: "Eeeeeevrybody
must get stoned!"
Geschenke für jeden
Rock-Fan
Nasalstil war das nicht, wie
überhaupt der Reife sich aufs Röcheln verlegt hat,
mit dem dünnen Körper als Resonanzraum für das
Zersingen einer Liedersammlung, die Ihresgleichen
nicht hat und auch nie haben wird. Nur bei Mißgünstlingen,
die immer noch meinen, ihm mit Gesangsnoten am Zeuge
flicken zu dürfen, macht sich Überdruß breit an der
historisch-kritischen Aufbereitung seiner Auftritte,
die Geschenke sind für jeden, der sich noch für
Rockmusik interessiert.
Er schenkte sein Schönstes
her: "It's Alright Ma (I'm Only Bleeding)",
einer seiner fünf besten Songs überhaupt, war in
ebenfalls big-band-nahem Spiel noch schwerer zu
erkennen als sonst. Er hat ja nichts mehr zu fürchten,
und das fauchte er heraus wie ein whiskeyverkaterter
Puma, falls es sowas gibt: "You suddenly find you
got nothing to fear" - wir auch nicht, man muß,
wie er das vormacht, nur den Mut haben, sich zu
verlieren, dann freut man sich auch über die Sachen
aus dem Spätwerk, die viel besser rüberkamen als auf
Platte: unerhört fulminant schon "Tweedle Dee
& Tweedle Dum" und dann, sicherlich ein Höhepunkt,
"Honest With Me", das den Platz mit einem
Hardrockgewitter überzog, das die Wettergötter
normalerweise nur über South Carolina zustande
bringen.
Achselzuckende Gleichgültigkeit
Dazwischen knallte er uns,
wie so oft in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten,
seine Anklageschrift "Masters Of War" auf
den Tisch und gab, zögerlich und ohne die alte
Folkanmut, "It Ain't Me, Babe", das seinen
bitteren Liebesleidton aufgegeben hat und sich längst
zu einem gewichtigen, saisonübergreifenden statement
in Fragen der Identität ausgewachsen hat. Akustisch
belebte er seine Prä-Folkrock-Zeit wieder mit "Don't
Think Twice, It's All Right", dieser ewigen Einübung
in achselzuckende Gleichgültigkeit, die mit
Defaitismus nicht zu verwechseln ist.
Was noch? "Like A
Rolling Stone", sofort erkannt und deswegen schon
nach den ersten Takten besonders herzhaft bejubelt,
fast vierzig Jahre alt, aber wuchtig wie am ersten
Tag. Und schließlich, als zweite Zugabe, "All
Along The Watchtower". Danach und obwohl auf
einer vorab kursierenden Liste auch noch "Highway
61 Revisited" angekündigt war, aber leider nicht
mehr gegeben wurde, stellte er, der sich wie schon im
vergangenen Herbst den ganzen, unvergeßlichen Abend
klimpernd über ein Elektropiano gebeugt und eben
nicht zur Gitarre gegriffen hatte - danach stellte er
sich gesellig zu den anderen, denen er es schlau überlassen
hatte, diesen unglaublichen Druck zu erzeugen: Larry
Campbell und Charlie Sexton denkwürdig an den
Gitarren, Tony Garnier am Baß und David Kemper am
Schlagzeug.
Nachtrag: Er bot gleich als
zweites "The Times They Are A-Changin'".
Auch dies war nicht unbedingt zu erwarten gewesen,
verdeutlichte aber ideal die Aussage, zu der sich
seine Konzerte seit langem verdichten: Trotz. Ihr
Schreiberlinge und Kritiker, röchelte, grunzte und quäkte
er, seid vorsichtig mit euren Prognosen, das Rad ist
noch in Schwung, und wer weiß, auf wessen Namen es am
Ende zeigen wird. Der Mann, der dies, wie immer an der
Grenze zur Unverständlichkeit, fordernd sang, heißt
Bob Dylan.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2004, Nr.
150 / Seite 35
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