Auf seiner "Never Ending
Tour" hat der Meister wieder in Deutschland Station
gemacht. In Berlin spielte Bob Dylan am Donnerstagabend
komplett zersägte Versionen seiner Klassiker. Manche
haben sogar ein ganz berühmtes Lied erkannt - irgendwas
mit "Wind".
Die Zusammenkunft erinnert ein
wenig an die alte Fernsehshow „Erkennen Sie die
Melodie?“ Nichts Neues freilich bei einem Treffen
mit dem kleinen Mann, der in seiner mittlerweile 45
Jahre währenden Karriere stets künstlerisch gedreht
und gewendet hat, eingefleischte Fans vor den Kopf
stieß und beständig weiterzog auf seinem Weg durch
die frühe amerikanische Folk- und Popgeschichte.
Heute weiß Bob Dylan, der noch
diesen Monat 66 Jahre alt wird, längst eine weltweit
vernetzte Gemeinde hinter sich, die ihm auf die dünnen
Finger schaut, die ihm an den dünnen Lippen hängt
und die Teil hat an diesem wortmächtigen und
inzwischen schier unüberschaubar gewordenen
Lebenswerk, mit dem Dylan die amerikanische
Musikhistorie pflegt, zu deren Teil er längst selbst
geworden ist.
Einheitlich in Grau
Der Mann ist pünktlich.
Altersgerecht sozusagen beginnt sein Berlin-Gastspiel,
das ihn in diesem Jahr in die Max-Schmeling-Halle führt,
um Punkt 19.30 Uhr mit der klassischen
Lautsprecheransage „Please welcome Columbia
recording artist Bob Dylan“. Wie damals. Eigentlich
wie noch viel früher, denn diese ganze Show gibt sich
als Rhythm ’n’ Blues-Revue der vierziger Jahre,
nur die Songs sind aktueller. Fünf Musiker hat er im
Rücken, einheitlich in grauen Anzüge gesteckt. Dylan
trägt schwarz, dazu einen weißen Cowboyhut. Und sagt
kein Wort.
Er hat zur Freude all jener, die
seinem Keyboardspiel der vorigen Tourneen nicht viel
abgewinnen konnten, die E-Gitarre geschultert und
singt zur Eröffnung „Absolutely Sweet Marie“ vom
1966er „Blonde On Blonde“-Album in einer
treibenden, von Blues und Country durchzogenen
Fassung. Nein, eigentlich singt er nicht. Der Dylan
der reifen Jahre hat sich auf einen unnachahmlichen,
mystischen, bedrohlich knarzenden Sprechsingsang
verlegt, mit dem er durch eigenwillige Phrasierungen
und Betonungen die alten Lieder immer wieder zerstört,
zerstückelt und neu, nur für diesen Moment an diesem
einen Abend, zusammensetzt. Das macht er großartig.
Wie ja überhaupt ein jedes
Konzert zu einer Überraschung wird, vor allem für
jene, die ihm auf seiner Tournee hinterher reisen, um
vielleicht tatsächlich einmal genau ihren ganz persönlichen
Dylan-Favoriten live erleben zu können. Denn die
Songabfolge wechselt von Abend zu Abend, stets werden
Songs verworfen und neue in die „Setlist“
aufgenommen.
Bloß nicht zweimal nachdenken
Nach dem Opener hat sich die
Band, die unverschämt cool im dämmrigen Hintergrund
lümmelt, warm gespielt. Gitarrist Denny Freedman
perlt bei „Don’t Think Twice (It’s Allright“)
über die Saiten, als wäre der leibhaftige
Gitarrenguru Les Paul in ihn gefahren. „It ain’t
no use to sit and wonder why, babe“ gurgelt Dylan so
wunderbar unverschämt erdig aus sich heraus, dass
vielen im Publikum erst beim Refrain so richtig klar
wird, um welchen Jahrhundertsong es sich da handelt.
Längst ist die nüchterne
Schmeling-Sporthallenatmosphäre vergessen. Längst fühlen
wir uns alle wie einem kleinen, schäbigen, überhitzt
schwülen Saloon irgendwo im amerikanischen Süden und
wohnen dem Auftritt einer phänomenalen Kapelle ganzer
Kerle bei, die Blues und Gospel, Folk und Jazz,
Country und Rockabilly zu einem so würzigen wie aufwühlenden
Gumbo-Eintopf vermengen. Und der maitre de cuisine rührt
die Saiten und serviert „Just Like Tom Thumb’s
Blues“ vom 1965er- „Highway 61 Revisited“-Album.
Mit „It’s Allright Ma (I’m Only Bleeding)“
folgt noch so ein monolithisches Relikt der sehziger
Jahre, das einem mit gehörigem Druck euphorisierend
um die Ohren pfeift.
Doch es sind natürlich nicht
nur Klassiker, die das Repertoire bestimmen, wie im
Verlauf der Show „Desolation Row“, „My Back
Pages“ oder „Tangled-Up In Blue“. Gut die Hälfte
stammen von den beiden Alben „Love and Theft“ von
2001 und „Modern Times“ vom vergangenen Jahr, die
Bob Dylan im 21. Jahrhundert verankerten, die ihm
wieder vorderste Charts-Positionen einbrachten.
Der Meister dann doch an der
Orgel
Mit dem leichgängig swingenden
„The Levee’s Gonna Break“ von „Modern Times“
ist dann auch Schluss mit Dylan an der Gitarre. Er
wechselt zur Orgel und bleibt dort für den Rest des
Abends. Und da, mit Blickkontakt zu seinen Musikern,
scheint er sich wohler zu fühlen. Er wippt und tänzelt,
gibt Zeichen, ja, fast scheint es, dass ab und zu ein
Lächeln die straffen Gesichtszüge streift. Er sagt
aber immer noch kein Wort.
Der Sound ist der weitläufigen
Halle entsprechend überraschend gut, die Lichtregie
setzt auf Schattenwirkung. Insgesamt 17 Songs spielt
Bob Dylan in Berlin vor, darunter auch die herrliche
neue Ballade „Nettie Moore“ und als letzte Zugabe
das alte Schlachtross „All Along The Watchtower“
als wunderbar brachialen Rausschmeißer. Ein paar
Worte sagt der ewige Troubadour dann doch noch. Er
stellt die Musiker vor, die ihm auf seiner „Never-Ending“-Reise
zur Seite stehen. Den altgedienten Tony Garnier am
Bass, Gitarrist Denny Freedman, Rhythmusgitarist Stu
Kimball, Donnie Herron an Geige und Pedal Steel Guitar
und George Recile am Schlagzeug.
Und als man die Stätte dieser
wunderbaren Begegnung nach exakt zwei Stunden verlässt,
hat man das sichere Gefühl, einem außergewöhnlichen
Konzert beigewohnt zu haben. Von gerade zu unerhörten
Ausmaßen: Neben mir hat einer sogar „Blowing In The
Wind“ gehört. Komisch, ich nicht.