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Berlin 2007
Tagesspiegel
von
Rüdiger Schaper
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Licht der
Jahre
Der alte Traum – und das neue
Glück mit 66:
Bob Dylan in der Berliner
Max-Schmeling-Halle
Es war Robert Plant, Sänger des
legendären, lange schon vom Himmel verschwundenen Led
Zeppelin, der in einer britischen Musikzeitzeitschrift den
Verdacht äußerte, Bob Dylan sei verliebt! Damals, im
August vergangenen Jahres, konnte man über Dylans neues
Album „Modern Times“ nur staunen und große Ohren
machen. So zart und weise swingend kommen die Songs daher,
aus den Tiefen der amerikanischen Kultur, ja, aus den
Tiefen eines Herzens, das immer lieber eine Mördergrube
aus sich gemacht hat, als sich zu offenbaren. Und nun
diese Töne. Und die Nr. 1 in den Charts!
Dylan privat? Da weiß man traditionell wenig, selbst der
erste Band seiner Autobiografie „Chronicles“ gab keine
intimen Details preis. (Vielleicht gibt es für Dylan
nichts Intimeres als sein ständig sich wandelndes Werk.)
Das Dylan-Biopic, das Regisseur Todd Haynes jetzt beim
Filmfestival in Cannes vorstellen wird, heißt auch schon
wieder typisch-kryptisch „I’m Not There“. His
Bobness wird da von einer Handvoll Hollywood-Stars verkörpert,
durch die diversen Epochen seiner Karriere: Christian Bale,
Heath Ledger, Richard Gere und, tatsächlich, Cate
Blanchett (als „Blonde-on-Blonde“-Bob mit Wuschelkopf
und Sonnenbrille).
Aber wir schweifen ab. Und während wir uns noch wundern,
weshalb das Dylan-Konzert in der vollen Berliner
Max-Schmeling-Halle schon um 19.30 Uhr beginnt, legen die
da oben (wie stets superpünktlich!) in einer Art und
Weise los, die wieder nur verblüfft. Normalerweise hebt
er an mit Songs wie „Cat’s in the Well“ oder „Tweedle
Dee & Tweedle Dum“, flachen Anheizern. Plötzlich
holt er hier seine „Absolutely Sweet Marie“ heraus,
hat nach langer Pause wieder die E-Gitarre umgehängt, wir
lesen die Signale: Es wird ein gutes Konzert. „Don’t
Think Twice“ im federleichten Country-Trab, man möchte
aufsatteln und muss sogleich den ersten Eindruck
korrigieren. Denn Berlin erlebt keinen guten, auch keinen
sehr guten, sondern einen fantastischen Dylan-Auftritt.
Wir treffen nachher einen eingefleischten Dylan-Fan, der
in Tränen aufgelöst am Bierstand steht und stammelt, so
etwas habe er in Jahrzehnten nicht erlebt. Aber was? Was
macht Dylan schon wieder und noch einmal so groß, mit
bald 66 Jahren? „My Back Pages“, frisch aufgeblättert.
„I was so much older then / I’m younger NOW“
skandiert er mit ironischer Emphase. Hört Ihrs? Und um
sein „It’s Alright, Ma“ zu paraphrasieren, das er
als vierte Nummer bringt (danach wechselt er ans
Keyboard): „Something is happening, and you don’t know
what it is“. Etwas geht vor sich mit Bob Dylan, etwas
definitiv Gutes, Schönes. Glück im Konzert, Glück in
der Liebe . . .
Dylan hat seinen selbstzerstörerischen Zynismus abgelegt.
Er artikuliert und phrasiert mit einer dynamischen Präzision,
die man ihm nicht mehr zugetraut hat. Seine fünfköpfige
Band erreicht eine professionelle Lässigkeit, einen
Reichtum an Variation, die den Blues übergangslos zum
Hard-Rock hinspielt und mit einer Eleganz zu schwebenden
Balladen wechselt, die etwas Sinfonisches hat.
„When the Deal Goes Down“ und „Nettie Moore“ (von
„Modern Times“) liegen irgendwo in der Zwielichtzone
zwischen Leonard Cohen und Tom Waits – und weit darüber.
Schlagartig begreift man, was Dylan von anderen Großen,
von Rockstars zumal, so grundsätzlich abhebt. Keine Show,
keine Pose, selbst die unsicher-arrogant wirkenden Attitüden
früherer Zeiten haben sich verloren. Nur der Mann und
seine Musik, seine Verse, seine unstillbare Sehnsucht nach
dem amerikanischen Klang.
Als sei Dylan vor Ewigkeiten in eine Diamantenmine
hinabgestiegen, und jetzt ist er fast am Ziel. Seine
Songs, selbst das abgenudelte „Blowin’ in the Wind“,
sind hier ausgeglüht und geschliffen, kostbar und
facettenreich wie nie. „Desolation Row“. Das Meisterstück
dieser gewaltigen zwei Stunden. Er rezitiert, rhapsodiert,
ein weißer Rabe im Fenster zur Apokalypse. Ein narratives
Genie. Die Bildwelt der Songs der Sechziger, gesättigt
vom Vietnamkrieg („They’re selling postcards of the
hanging“), saugen den Wahnsinn des heutigen Amerika auf.
Wie viele Präsidenten hat er überlebt.
Die Zugaben. „Thunder on the Mountain“, „All Along
the Watchtower“. Das spielt er immer. Nun noch klarer.
Einfacher. Gruselig, die alte Geschichte vom Joker und vom
Dieb. Bob Dylan hat uns an diesem Abend die Karten neu
gelegt.
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