Bett aus Stein und Eisen
Es gibt in der Arena Treptow auch Sitzplätze. Aber
bei Bob Dylan muss man stehen, schon aus Höflichkeit.
Er beginnt Punkt fünf nach Acht, wie immer, da
warten noch viele Gemeindemitglieder draußen im
einsetzenden Regen auf Einlass. Die Halle aus
Backstein und Eisen ist ein architektonischer
Widerhall seiner Musik; er spielt hier zum dritten
Mal in fünf Jahren. Harter Rock, lautstarker Blues
und einige wenige balladeske Ruhezonen. Bob Dylan,
der Exzentriker, erscheint auf der Europatour 2005
grundsolide und fragil zugleich. Und bald schon
erkennen wir, was uns an diesem Abend zugedacht ist:
Auf der nach unten offenen Dylan-Live-Skala wird es
ein irdisches Konzert. Nicht unter-, aber
keinesfalls überirdisch.
Ein elegant gekleideter älterer Herr wie aus einem
Südstaaten-Kostümfilm rezitiert seine Verse, die
Weltliteratur sind, umtost von heulenden Gitarren (Stu
Kimball, Denny Freeman), gestützt von einem
Schlagzeug (George Recile), das wunderbar leicht
davonswingen kann. Dylan ohne Gitarre, daran haben
wir uns gewöhnt. Er beugt sich über sein E-Piano,
als wär’s eine Schreibmaschine, und hackt spärliche
Noten in die Luft, wie ausgestanzte Vokale auf dem
Papier. Er spricht mehr, als dass er singt, und röchelt
mehr, als er spricht. Verhaucht seine berühmten
Endreime im Falsett. Säuselt mit der Mundharmonika.
Manchmal beißt er zu, schluckt ganze Strophen weg,
um sie unzerkaut wieder auszuspucken. Mag sein, dass
er irgendwann einmal auf seinen verschlungenen Wegen
weg vom Ruhm zum Christentum übertrat. Doch Dylan
mit seinem Hut bleibt ein alttestamentarischer
Schriftgelehrter, ein jüdischer Strafprediger, und
er liest die Leviten.
„Tonight I’ll Be Staying Here With You“:
sanfte Drohung nach dem rituellen Opener „Maggie’s
Farm“. Ein nahezu klassischer Blues war „Watching
The River Flow“ seit eh und je. Hier aber
geschieht mit diesem Song etwas, was das Schicksal
vieler Dylan-Standards geworden ist in der noch
immer nicht verebbenden Flut seiner Tour-Auftritte.
Sie haben sich abgeschliffen zu finsterer Größe.
Und werden einander immer ähnlicher, so wie man es
bei älteren Paaren beobachtet. Es ist ein schmaler
Grat zwischen Veredelung und Materialermüdung.
Von apokalyptischer Zerstörung erzählen Dylans schönste
Lieder. Und von der Liebe. „Lay Lady Lay“. Die
Hymne auf das big brass bed zaubert Ironie und Lächeln
in die manchmal unkontrolliert changierende Stimme
des 64-Jährigen. Da spricht es aus ihm: „Just
Like A Woman“. Zum Heulen zart und weise. Kehlig
sind die, die reinen Herzens sind. Da ziehen sich
zwei Stunden zu einem Song zusammen, zu einem Vers.
Dafür hat sich alles mal wieder gelohnt. Nobody
feels any pain. Schmerz und Glück des Wiedersehens.