Audienz
einer Ikone: Bob Dylan entsagt der Gitarre und verzückt
in der Arena trotzdem seine Fans
Er werde
niemals mehr auf Maggies Farm arbeiten, verrät Bob
Dylan im ersten Song. Viele seiner Fans bekommen das
noch gar nicht mit, dank der Sicherheitsleute, die draußen
gewissenhaft ihren Job tun. Der Star des Abends, der in
der Treptower Arena mit brüchiger Stimme gegen
Ausbeutung und Erniedrigung singt, setzt auf pünktlichen
Beginn und macht keine Überstunden. Er mutet sich
schließlich selber eine ganze Menge zu.
Seit Ende
der Neunziger ist der heute 64jährige auf "Never
Ending World Tour", und da er keine aktuelle CD im
Gepäck hat und aus etwa 40 Alben sein Repertoire schöpft,
spielt er jeden Abend ein anderes Programm. Das macht
jedes Dylan-Konzert spannend. Wie man sich ohnehin seit
Jahrzehnten immer fragt, in welcher Verfassung und
welcher Stimmung die Pop-Ikone gerade ist. Zu oft hat
sich Robert Zimmerman aus Hibbing (Minnesota) neu
erfunden.
Das aktuelle
Outfit, Stetson-Hüte und lange Mäntel, verweist auf
die Country- und Western-Periode der Frühzeit.
"Maggies Farm" stammt von Anno 1965, vier
Jahre jünger ist der zweite Titel "Tonight I'll Be
Staying Here With You", als Dylan auf
"Nashville Skyline" den Knödelbarden mimte.
Jetzt gibt er ein perfektes Bluesharp-Solo zum Besten,
bevor er wieder zu den Keyboards zurückkehrt. Richtig,
Keyboards: Der einstige Folk-Poet, der Generationen von
Hobby-Klampfern inspirierte, hat der Gitarre entsagt und
gibt sich jetzt als Mann am Klavier. An manchen Stellen
hört man es sogar. Die musikalische Qualität wird
dadurch nicht geschmälert.
Es ist
genial und sagt viel über die Klasse der Songs aus, wie
viele Titel mit der fünfköpfigen Verstärkung immer
wieder auf der Bühne neu entstehen, ohne daß es über
die Maßen nach Jam-Session klingt. Ausgesprochen rauh
diesmal das "Watching The River Flow", während
man "Lay, Lady, Lay" sofort am Intro erkennt.
Man könnte sogar mitsingen, aber das hat der Meister
seinen Jüngern mit eigenwilligen Interpretationen in
den letzten Jahren abgewöhnt. Bei "Just Like A
Women" tun sie es trotzdem, als Kontrapunkt zu
Dylans unerwartetem Falsett. Schön ist sie nicht, die
Stimme, aber faszinierend. Und wie immer in einem
Dylan-Konzert blickt man in begeisterte Gesichter ebenso
wie in eher ratlose Minen derjenigen, die vielleicht
einen Nostalgie-Abend erwarteten - erstaunlich
irgendwie, daß es solche Leute immer noch gibt.
"It's
Alright, Ma (I'm Only Bleeding)" klingt wie ein
Boogie Woogie Marke Canned Heat und läßt den einstigen
Protestsänger zu altem Zorn zurückfinden. Plötzlich
Lichtwechsel! Echo! Es ertönt ein unheimliches
"Cold Irons Bound". Vom jüngsten Album
"Love & Theft" stammen das flotte "Tweedle
Dee & Tweedle Dum" sowie die für Dylan-Verhältnisse
fast schon perfektionistisch arrangierte Swing-Nummer
"Floater (Too Much To Ask)", bei dem
Multiinstrumentalist Donny Herron mit der Geige
hervorsticht. Bei "John Brown" greift er zum
Banjo. Der wirkliche Höhepunkt der Show, dieses Lied
vom Soldaten, dessen Mutter so stolz auf ihn ist, und
der als Krüppel aus dem Krieg zurückkommt; verdammt
eindringlich, weil verdammt aktuell. Der als krachende
Rocknummer vorgetragene Protest-Klassiker "Masters
of War" paßt hervorragend dazu, abgerundet von
"Highway 61", ebenfalls in Boogie-Form.
"Like A
Rolling Stone" ist die erste Zugabe, die Hymne
aller Heimatlosen und Unverstandenen, die kürzlich zum
besten Popsong aller Zeiten gekürt wurde. Dylan ist der
beste Popsänger aller Zeiten - denkt sich zumindest der
Fan. Alle anderen haben eh keine Ahnung. Und man ist
jetzt schon traurig, daß man den restlichen sechs
Dylan-Audienzen in Deutschland nicht beiwohnen kann. Was
er da wohl spielen wird?