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Und der Wind beginnt zu heulen
Bob Dylan hat in der
Arena sein bisher bestes Berliner Konzert gespielt
In der nächsten Woche
startet der Volkswagenkonzern die
Werbekampagne für sein neues Auto mit dem fabulösen Namen
Phaeton. Die in Handarbeit fabrizierte Limousine mit
hohem
Wurzelholzanteil am Armaturenbrett ist in einem Preissegment
angesiedelt,
für das sich die Typisierung mit dem Label Volkswagen
selbstverständlich verbietet. Das Volk wird diesem Wagen
nachsehen. Die Zeiten haben sich geändert. Darf man den
Informationen
aus dem Internet glauben, wird auf der Anzeigenseite, die der
Wolfsburger
Hersteller verbreiten lässt, ein Musiker mit umgehängter
Bassgitarre zu
erkennen sein, darunter die Zeile "Ist das nur ein
Musiker?" Gekontert
wird dessen Porträt mit einem Abbild des Autos und der Frage
"Ist das
nur ein Automobil?"
Die Frage nach den außerautomobilen
Qualitäten des Fahrzeugs lässt
sich noch nicht beantworten; der Musiker seinerseits hat am
Donnerstag
vorgeführt, dass er eben nicht bloß als
Legendenspender, heiliger
Geist der Rock-Feuilletons und luxuriöse Werbefigur etwas
hermacht,
sondern zuerst und möglicherweise auch zuletzt als Musiker.
Bob Dylan
ist nur ein Musiker; wenn man ihn genau nimmt. Alles, was in
ihn
hineingedichtet wird, erzählt mehr über die Hineindichter
als über Dylan.
Wer Bob Dylan nicht zum
ersten Mal auf der Bühne sieht, wird in ihm
und in seiner Musik immer auch sich selbst erkennen; weil
einen nicht
nur Songs, sondern auch Konzerte ein Leben lang begleiten können,
wohl oder übel. Man glaubt es gar nicht, was für Geschichten
zu hören
sind. Früher haben sich alte Männer bei Gelegenheit
Anekdoten aus
dem Krieg erzählt, heute reden sie darüber, was Dylan 1984
in der
Waldbühne gespielt hat. Es sind diesmal aber nicht nur die
ins Feld
gezogen, die immer kommen, vor allem also Männer in der mutmaßlich
zweiten Hälfte ihres Lebens. Das sichtbare Alter des
Publikums reicht
von Mitte Fünfzig bis Mitte Zwanzig. Auch ganz junge Menschen
sind
dabei, aus pädagogischen Gründen vielleicht. Die Arena ist
an diesem
Abend mit achttausend Zuschauern ausverkauft. Plötzlich und
unerwartet
muss man sagen, denn auf einmal waren die Karten weg. Als hätten
die Leute geahnt, dass sie etwas erleben können, was sie bei
Bob
Dylan in Berlin so noch nicht erlebt haben: Ein inspiriertes
und gut
gelauntes Rockkonzert von mehr als zweieinhalb Stunden Dauer.
Bob
Dylan ist immer auf Tournee, er spielt hundert Konzerte im
Jahr, gastiert
regelmäßig in Berlin, früher stand es schlimm mit
ihm, in letzter Zeit
bediente er solide, vor zwei Jahren war er gut, diesmal
sensationell.
Schon beim ersten Song,
dem Traditional I Am The Man, Thomas
kündigt sich das Wunderbare an, Bob Dylans Stimme klingt so
abgrundtief und dabei so laut und kräftig wie noch nie gehört.
Auf
Knien gedankt sei den Tontechnikern, die es geschafft haben,
die
immer problematische Arena exzellent zu beschallen. Über
Dylans
Stimme, die ja alles andere als eine Gesangsstimme ist, wurde
viel
geschrieben. Viel dummes auch, von Tuberkulosehaltigkeit und
so.
Schon immer, aber nun ganz besonders, setzt Dylan seine Stimme
wie
ein Instrument ein. Er dehnt und zerfasert Textzeilen, die
dann noch
unverständlicher werden, als sie eh schon sind, er
presst Strophen in ein
Wort, er holt Luft, wann es ihm passt. Manchmal holt er auch
keine Luft
und rappt, bis er im Gesicht blau anläuft. Er singt Freestyle,
aber nie ohne
Stil und Verstand. Das totgedudelte The Times They Are
A-Changing
möchte man eigentlich von niemandem gern gesungen hören, in
Dylans
persönlicher Interpretation überlebt dieses Lied alle
Zeiten.
Die Songauswahl ist bei
Dylan eine Sache für sich. In den bislang
fünf Konzerten dieser Europa-Tournee hat er um die fünfzig
verschiedene Titel gespielt. Spezialisten betrachten die
Setlists der
vorhergehenden Abende wie Speisekarten aus dem Ritz. Sie würden
bei
ihrem Ober am liebsten das noch nie Gehörte bestellen, aber
so geht
das nicht. Es bleibt beim Vertrauten, die sechziger Jahre und
das neue
Album "Love and Theft" bestimmen das Programm.
Delikatessen gibt
es nicht zu goutieren, sieht man von Solid Rock
ab, das auf der nahezu grauenhaften LP Saved aus Dylans
christlicher Phase zu finden ist und
seit zwanzig Jahren Gott sei Dank nicht mehr zu hören war.
Auf einmal, und das ist
eben das Phänomenale an Dylans Deutung
seines Werkes, spielt er dieses öde Stück als entspannten
Shuffle und
leitet damit zum elektrifizierten Teil über. Jetzt bekommt
die Band,
die sich im akustischen Abschnitt immer etwas zu entfernen
scheint,
einen Stoß ins Kreuz. Das ist ein herrliches Bild, wenn sich
Tony
Garnier am Bass, stets als Totengräber gekleidet, sowie die
Gitarristen Larry Campell und Charlie Sexton mit dem neuen
Schlagzeuger
George Receli und ihrem Anführer Dylan zu einer
Rock’n’Roll-Band
zusammenfinden, die spielt, als hätten sich die Zeiten
nie geändert.
Summer Days
vom neuen Album klingt schon auf der Platte, als wäre
zirka 1955 die Uhr stehen geblieben, live gerät die Band in
Berlin
außer Rand und Band. Im Mittelteil der Rockabilly-Nummer
steigern
sich die fünf in ein Instrumental hinein, aus dem es vor
allem für
Sexton an der Melodiegitarre kein Entrinnen gibt. Seine
Begleiter
treiben ihn von einem Solo ins nächste und lachen sich noch
eins
dabei. Die Leute im Saal können ihr Glück kaum fassen. Dylan
spielt mit fast einundsechzig Jahren wie ein Sechzehnjähriger.
Wahrscheinlich kam er sich als Sechzehnjähriger wie ein Alter
vor,
der von allem schon alles weiß. So ist das manchmal im Leben.
All Along The Watchtower
gewinnt in dieser Nacht einen
seltsamen Groove, den man nicht beschreiben, nur fühlen kann.
Wie
oft ist dieser an sich schlichte und doch rätselhafte Song
schon
aufgemöbelt worden, von Jimi Hendrix natürlich, aber auch
von Dylan
selbst. Nie scheint der Erfinder der Essenz seines Liedes,
dieser Angst
vor dem Unbegreifbaren, so nahe gekommen zu sein.
"And-the-wind-began-to-houuuuwwl" jault er und
man möchte, dass
das für alle Ewigkeit so weitergeht.
Bob Dylan rockt wie nie,
er geht in die Knie, um ein Haar hätte er
den Entengang seines Altvorderen Chuck Berry probiert, bei der
letzten Zugabe Highway 61 spielen die Gitarristen
an der
Bühnenkante wie ZZ Top, er bläst die Mundharmonika, wie es
uns
gefällt. Er ist ja auch ein Showman, sein Oscar steht hinter
ihm auf einer Verstärkerbox. Dylan schafft es sogar, den
verkitschten
Lagerfeuerhymnen Knockin’ On Heaven’s Door und
Blowing In The Wind jede Heulsusigkeit auszutreiben. Mal liegt
ein Gitarrenmotiv quer, mal konterkariert ein Chor die
Vokallinie.
Da lässt sich nichts mitsingen, es gehört sich auch nicht.
"Mit das Schlimmste
im Leben ist, dass man fast nie sagen kann,
wann etwas zum letzten Mal geschieht oder wann etwas, das uns
begeistert, zu Ende geht", hat der spanische
Schriftsteller Javier
Marias vor ein paar Jahren geschrieben und dabei vermutlich
nicht
in erster Linie an Bob Dylan gedacht.
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