|
|
Berlin 2002
Tagesspiegel
von
Rüdiger Schaper
|

|
|
Spiel mir das Lied vom
Wind
Das scheue Genie altert lächelnd:
Bob Dylans großes Berlin-Konzert in der Arena
|
Draußen in Treptow, in den Wassern der Spree, steht
der
"Molecule Man", Jonathan Borofskys
turmhohe, tonnenschwere und
mit ihren Perforationen doch so leicht dahin
schwebende Metallskulptur.
Ein Sinnbild für Bob Dylan, unseren ewigen Bob, der
um die Ecke, in
der Arena, ein großes Konzert gespielt hat -
beeindruckender noch als
der Auftritt am selben Ort vor zwei Jahren.
Auf der nach unten offenen Dylan-Skala (man hat mit
ihm schon
einiges durchgemacht) steht der Berlin-Auftritt vom
Donnerstag
ganz weit oben. So locker, so entspannt, so gut
gelaunt und abgeklärt,
ja heiter haben wir ihn wohl noch nie erlebt. Und das
Publikum in
der ausverkauften Arena war jünger und weiblicher (!)
als sonst. Man
möchte einen ganzen Wald von Ausrufezeichen hinter
diesen Abend
setzen. Bob tanzt, Bob lächelt, Bob schenkt den
tobenden Fans - eine
Seltenheit - eine zweite Zugabe, Highway 61 Revisited,
geschliffen hart
Der Beginn folgt dem Ritual der never ending tour:
Nach einem
akustischen Gospel (I Am The Man, Thomas) heißt es
gleich
The Times They Are A-changing. Und It's Alright, Ma.
Man ahnt
bald, es wird ein Konzert für Gläubige und für
ungläubige Thomasse.
Dylan legt den Finger in die Wunden des Lebens, und
siehe da, es gibt
Schlimmeres als das Altwerden in der Rockmusik. All
die legendären
Songs aus Dylans Bundeslade sind im Grunde vertonte
Niederlagen,
die er frisch intoniert und in kleine Siege
verwandelt. Ein Innehalten hier,
ein wissendes Zögern da - Dylan zitiert, ironisiert,
übermalt sein
unerschöpfliches Material, zieht die Versenden
fragend nach oben, einem Wünschelrutengänger in der
Wüste gleich.
Aus dem Fundus seiner zarten Liebesballaden holt er
verträumt
flüsternd Boots Of Spanish Leather und, eine
Konzert-Rarität,
Visions Of Johanna. Dylans Band mit den Gitarristen
Larry
Campbell und Carlie Sexton und dem Bassisten Tony
Garnier,
seit zig Jahren beisammen, zupft die Saiten ebenso
animiert wie
routiniert. Der neue Schlagzeuger George Receli, ein
richtiger
Shit-Kicker, weckt Erinnerungen an die kraftvollen
Drums der
Desire-Zeiten. Was das Quintett aus einem alten
surrealen
Heuler wie All Along The Watchtower an Energie
herausholt,
lässt weit blicken.
Im vergangenen Jahr wurde Dylan sechzig, und es
scheint, als
habe das scheue Genie all die Ehrungen und Preise
herzlich genossen.
Moonlight und Summer Days von der Love And Theft-CD
zeigen den alten Griesgram als swingenden, nicht enden
wollenden
Rockabilly, dem auch ein gemeiner Lonesome Day
Blues
nicht den eleganten Cowboy-Hut vom grauen Lockenkopf
haut.
Wie vor Urzeiten, als Bob Dylan und The Band mit
Robbie Robertson
sich in den Keller des Landhauses von Big Pink
einschlossen, um die
Wurzeln der amerikanischen Country-, Folk- und
Outlaw-Musik
anzugraben. Dylans melodische Harmonika-Intros atmen
eine
fast spirituelle Traditionalität.
Aus der Abteilung der Frauen-Hass-Lieder hören wir
das
lustige Leopard-Skin Pill-Box Hat, aber der
schrille
Sarkasmus hat sich abgewaschen. "Like A Rolling
Stone" -
immer wieder der beliebteste Dylan-Oldie - bringt ein
leicht
verfremdetes Wiederhören mit messerscharfen,
bohrenden
E-Gitarren, als wären die Grateful Dead auferstanden.
Wenn man was
zu meckern haben will: Die kiss-my-ass-Dandy-Pose
früherer
Epochen, das Schnarren und Hochnäseln ist passé.
Dylan hat sich
in den tausend Konzerten seiner Alters-Tour vom
Verstellungszwang und der Manie, sich zu verstecken,
freigespielt.
Was ging verloren, blieb auf der Strecke? Jener
morbider Schrecken,
jene aggressive Untröstlichkeit, die Alben wie "Blood
On The Tracks"
unwiderstehlich prägten. Da waren wir jünger,
unglücklicher.
Dylan, unsere innere Uhrzeit, ändert sich, und wir
ändern uns
mit ihm. Die Krisen kommen schon noch wieder. Don't
think twice,
it's alright; auch das hat im April 2002 eine weiche,
endgültig
versöhnliche Note. Die Sache mit dem Protestsänger
war schon in den
Sechzigern irgendwie ein Missverständnis. Wenn er
heute die
"Masters Of War" anklagt, dann hat es
doch einen schalen
Geschmack von Gestrigkeit und Vergänglichkeit.
Angst vor
"Blowin' In The Wind", dem Methusalem
der Lagerfeuer-
Konfirmandenfreizeit-Klampfe? Unnötig: Sie
spielen
es so fein und klassisch wie einen
Volkslied-Standard. So war's ja auch. Das Lied vom
Wind klaubte
sich der junge Bob aus Überlieferungen einst
zusammen.
Wenn der Tod Ausgang und Ende allen Kunstgesangs ist,
muss
einem nicht bange sein. Die baumlangen Sexton und
Campbell
flankieren den zierlichen Herren mit dem gelben
Halstuch beim
Finale, raunen letzte Atemzüge ins Mikro - uuhuu,
uuuhuuuu -,
und dabei laufen im Kopf unsere kleinen Lebensfilmchen
ab.
Knockin' On Heaven's Door, und Dylan setzt nach: like
so many
times before. - Encore, encore! |
|
|
|