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Kennst Du den Text
Bar aller Nostalgie:
Die ausverkaufte Treptower Arena erlebte den
vielseitigsten Bob Dylan, den es je gegeben hat
Es war eigentlich so wie
beim letzten Mal - nur noch besser. Hatte
sich die Dylan-Gemeinde vor zwei Jahren über die
Lockerheit und
die Spiellaune gewundert, mit welcher der sonst so grimmig
wirkende Jahrhundertkünstler in der Treptower Arena
einheizte, so kommt
jetzt, an gleicher Stelle, ein Hang zur Perfektion hinzu, den
man
bei Bob Dylan nicht für möglich hielt. Mit seiner Never Ending
World Tour», die er seit 1988 mit fast der
gleichen
Band zelebriert, scheint der Folkrocker, der über Jahrzehnte
an
seiner eigenen Legende feilte, um sie stets kurz darauf zu
zerstören,
bei so etwas wie Glückseligkeit angekommen zu sein.
Wer so oft wie Mr.
Robert Allen Zimmerman seine Fans vor den
Kopf stieß, der kann sich irgendwann alles erlauben, ohne,
wie
früher so oft, wütende Proteste zu ernten. Der Auftritt im
ausverkauften Straßenbahndepot gerät deshalb zum großen
Querschnitt durchs Dylan-Oeuvre und zugleich zu einer Reise
durch die nordamerikanische Musik. Dylan, wieder gewandet im
Western-Look inklusive schwarzem Hut, spielt, was ihm Spaß
macht. Das müssen nicht unbedingt Eigenkompositionen sein.
Schon die erste Nummer I Am The Man, Thomas ist von den
Stanley Brothers gecovert. Dann bereits kommen die
Protestsongs
von einst, begleitet von akustischen Gitarren, Mandoline,
Kontrabass
und dezentem Schlagzeug. Diejenigen im Publikum, die Songs
wie The Times They Are A-Changing in ihrer Jugend am
Lagerfeuer klampften, fühlen sich zum kollektiven Ratespiel
animiert. Nicht «Erkennen Sie die Melodie?», weil selbige
vom
Meister ständig neu erfunden wird, sondern «Erkennst Du den
Text?»
Nichts scheut Dylan so
sehr, als dass die Halle seine Lieder
mitsingen könnte. Manch einer versucht es dennoch. Wie seit
Jahrzehnten wird die Zeile in It's Allright Ma, I'm Only
Bleeding,
wo selbst der US-Präsident eines Tages nackt dastehen wird,
lautstark bejubelt. Das uralte Master of War, nie schien es so
aktuell zu klingen. Liebesliedern wie Don't Think Twice,
It's All Right verleiht der 60-Jährige einen völlig
neuen Charakter
und erzeugt, bar aller Nostalgie, eine Gänsehaut.
Die Zeiten, wo man
manche Songs auf der Bühne probte, sind
schon wieder Geschichte. Wie grandios das Quintett eingespielt
ist,
merkt man auch bei rockigen Titeln wie Love Sick, dem
mystischen Reggae, oder, vom aktuellen Album Love and
Theft,
die heiße Rockabilly-Nummer Summer Days, die die Gemeinde
heftig in Bewegung bringt. Abtanzen bei Dylan, wann gab es
das?
Nach zwei Stunden und sechs Zugaben, darunter
Blowing In The Wind und Knocking On Heavens Door,
verabschiedet die lebende Legende die Anhängerschaft
auf den
bluesigen Highway 61. Dass der Heimweg über die Schlesische
Straße führt, merkt man kaum.
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