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Nichts hat nichts zu bedeuten
Bob Dylan ist in Berlin aufgetreten. Experten und
Laien waren glücklich, obwohl der Sänger ein
Mysterium blieb
Es gibt Menschen, die sammeln alte
Bügeleisen, und es gibt Menschen, die sammeln Livesongs von Bob Dylan. Für das eine wie das andere Phänomen gibt es
keine vernünftige Erklärung. Im Sinnlosen wohnt zuweilen das größte Glück. Der Bob-Sammler kann sich nach dem Gastspiel
des Künstlers am Dienstag in der Treptower Arena einige schöne Stücke in den Schrein der Erinnerung stellen.
Somebody Touched Me, Drifter's
Escape, Things Have Changed
und weitere Songs waren in Berlin bislang nicht zu
hören. Das
Repertoire des Abends dürfte die Passionierten und die Laien im
Publikum gleichermaßen befriedigt haben.
Man kann das Auditorium einer Dylan-Vorstellung grundsätzlich in
zwei Gruppen einteilen. Zum einen sind da die Gelegenheitshörer,
welche bei Forever Young selig mit dem Kopf wackeln, und zum anderen gibt es die
Experten. Zu erkennen ist der Experte daran, dass
er seine Dylan -Shirts aus dem vergangenen Jahrhundert aufträgt und
mit diesem Ich-erkenne-jeden-Song-nach-dem-ersten-Takt-Blick
herumläuft. Das ist natürlich eine große Sache, weil nicht
einmal die Musiker aus Dylans Band dessen Songs nach den ersten
Takten erkennen. Es ist immer wieder erheiternd zu sehen, wie sich die
Gitarristen Larry Campell und Charlie Sexton zu Beginn eines Titels mit
großen Augen dem Bassisten Tony Garnier zuwenden, um ein Zeichen zu
bekommen, was sie jetzt eigentlich spielen sollen. Die Band rumpelt sich
dann so langsam ein und meistens finden später alle wunderbar zueinander.
Rollende Revue
Mit ihren 4 000 Zuschauern war die Arena bei weitem nicht
ausverkauft. Seit seinem Auftritt vor zwei Jahren in der
Waldbühne
hat Bob Dylan etwa die Hälfte seines damaligen Publikums
eingebüßt. Das klingt dramatisch, macht aber gar nichts, weil ihm die
kleineren Hallen sowieso viel besser liegen. Die alte Garage in Treptow
bot das richtige Ambiente für seine rollende Revue. Etwas von einem
Wanderzirkus hat diese Veranstaltung zweifellos. Dylan ist
Zeremonienmeister, Raubkatze und Clown in einem.
In jüngster Zeit wird von Beobachtern stets sehr aufmerksam registriert,
welchen Bühnenanzug Dylan trägt. Möglicherweise hat ja auch seine
jeweilige Kostümierung etwas zu
bedeuten. Bei Dylan hat nichts nichts
zu bedeuten. Diesmal trägt er einen weißen Anzug mit schwarzer
Schleife unter dem Kinn. Er ist dünn geworden und ähnelt in der Silhouette
beinahe wieder dem jungen Mann von 1966, den man von den Fotos aus
der Royal Albert Hall kennt, als er seine elektrische Gitarre am kurzen
Gurt wie eine Waffe im Anschlag gehalten hat. Die krausen Haare sind
grau, nur selten huscht ein Lächeln über sein Gesicht, als hätte es
sich dahin verirrt.
Die Rätselhaftigkeit der Dylan' schen Existenz wird
von der Tatsache bestimmt, dass sich kein Mensch erklären kann,
warum er tut, was er tut. Warum um alles in der Welt spielt Dylan seit
einiger Zeit immer wieder The Times They Are A - Changing, obwohl er sich den Text nicht merken kann. Jeder zweite Zuschauer würde ihm
liebend gern die fehlenden Zeilen soufflieren. In solchen Momenten
stockt einem der Atem und man denkt, gleich ist Schluss, das schafft er
nicht mehr. Dylan wirkt abwesend, putzt sich die Nase, nestelt dauernd
an seinem Gitarrengurt herum und kratzt sich am Kopf. So wie sich eine
Katze am Kopf kratzt, wenn sie in Verlegenheit gerät. Dann folgt
Tomorrow Is A Long Time und aller Zweifel verfliegt. Die alte Katze
hat die Maus gefangen. In diesem
Moment möchte sich das Publikum seinem Dylan unbedingt hingeben. Aber dieser flieht die Umarmung und bringt als ersten elektrischen Song das verflixte
Gotta Serve
Somebody aus seiner religiösen Periode.
In dem Film "Being John Malkovich" bekommen Interessenten für
ein geringes Entgelt die Chance, für zehn Minuten in den Körper des
Schauspielers John Malkovich zu schlüpfen. Being Bob Dylan wäre
auch nicht schlecht. Man wüsste zu gerne, was sich der
Unterhaltungskünstler dabei denkt, wenn er unerwartet Rockerposen
zitiert. Die eingeknickten Knie, der kleine Tanz, die Nummer mit der
Schieß-Gitarre, jede Geste wird nur kurz angerissen und verschwindet
sofort wieder im Zitaten-Fundus. Manchmal wirken seine Bewegungen
gespensterhaft und
ferngelenkt, wie letzte Zuckungen einer Marionette
auf einer Bühne, die längst abgeräumt ist. Das Spiel scheint sehr ernst
zu sein, aber es ist alles auch ein großes
Theater.
Wille zur Werktreue
Dylans Lust an der Werkzerstörung hat sich in einen festen Willen zur
Werktreue verwandelt. Dieser Tage spielt er gern vom Blatt.
Not Dark Yet
und Love Sick klingen viel intensiver als auf dem Album. Düster, krank, bitter, mit aasigem Grinsen im Gesicht erzählt er seine Geschichten, in denen es immer um die letzten Dinge geht. Lebend
kommt hier keiner raus. Jedenfalls nicht, bevor das Licht angeht. Nach sieben Zugaben und einer grandiosen Fassung der totgedudelten Kiffer-Hymne Rainy Day
Woman tänzelt Dylan hüftsteif davon. In
seiner Zerbrechlichkeit erinnert er einen
irgendwie an Harald Juhnke.
Man fürchtet: Gleich fällt er um.
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