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Legende auf Reisen
In seinem schnieken Südstaatler - Anzug mit schwarzer
Schleife wirkt
er geradewegs einem Margaret - Mitchell - Roman
entsprungen. Ein lebenserfahrender Plantagenbesitzer, auf
dessen Feldern nicht Baumwolle, sondern Liedgut gedeiht;
Songs, die die Popwelt der letzten 40 Jahre bewegt haben,
und die immer noch bewegen.
Als Bob Dylan kurz nach acht
mit seiner Band die Bühne der dicht gefüllten Arena betritt,
bricht ein Sturm des Jubels los. Glory, Glory, Glory,
Glory keucht er ins Mikrophon. Es ist der tradionelle Gospelsong Somebody
Touched Me, den er an den Anfang seiner Berliner Show
gestellt hat, die in knapp zwei Stunden das Lebenswerk einer Legende gerade mal streifen kann.
Selten
hat man den knurrigen Entertainer, der uns Songs beschert hat,
die längst zu geflügelten Worten geworden sind, in solch
formidabler
Spiellaune erlebt wie hier. The Times They Are A - Changin´
gleich
das zweite Stück dieses Abends, ist solch ein viel -
zitierter
Geniestreich. Doch Dylan entzieht sich wie gewohnt der
profanen
Vereinnahmung. So, wie er die Textzeilen artikuliert, dehnt,
verzögert
und immer wieder neu erfindet, torpediert er von vornherein
vorsätzlich
jedes gesellige Mitsing - Ritual. Man spielt anfangs ausschließlich
auf
akustischen Instrumenten, und das bei bestens ausgesteuertem
Sound.
Es geht also, selbst in der eher als klangfeindlich berüchtigten
Arena.
Mit It´ s Allright Ma ( I´m Only Bleeding), Love
Minus Zero/No Limit
und einem furiosen Tangled Up In Blue kommt die Musikertruppe
in Fahrt. Immer öfter lockern sich die hängenden Mundwinkel,
immer wieder huscht ein Lächeln über Dylans gegerbtes
Gesicht.
Er hat sichtlich Spaß da oben, vielleicht auch, weil er das Repertoire im
Verlauf dieser 1988 (!) begonnenen Never Ending Tour gerade wieder
ordentlich durcheinandergewirbelt hat. Er kann aus dem Vollen
schöpfen. Und er tut es. Immer wieder wechselt er Songs aus.
Mit der
wohltuend schlichten Ballade Tomorrow Is A Long Time
bereits in
den frühen sechziger Jahren entstanden, nehmen Dylan und
seine Crew
sozusagen Anlauf in die rockige Abteilung des Abends, die mit
Gotta Serve Somebody gleich mächtig in Fahrt kommt. Es
geht
treibend blues - rockig zur Sache. Jetzt sprechen die
Gitarren.
Seine versierten Mitstreiter wissen, dass sie bei diesem Spiel
nur
Begleitfunktion haben.
Gitarrist Larry Campbell, Bassist Tony
Garnier, Schlagzeuger David Kemper und der vor einem Jahr neu hinzugekommene texanische Rockgitarrist Charlie Sexton zimmern das massive Gerüst, das ganz allein als Thron für His
Bobness dient. Er ist der Mittelpunkt, der Prediger, der Folksänger, der
Gaukler, der Master of Ceremonies, die Rock-Röhre, der Entertainer. Dabei
hat er seine solistischen Fähigkeiten seit dem letzten Berlin -
Abstecher vor zwei Jahren hörbar verfeinert, nur noch selten kommen ihm schräge Töne unter die Fingerkuppen. Things Have Changed
erklingt, der erste und bisher einzige neue Dylan - Song des Jahres
2000, entstanden für den Filmsoundtrack zu "Wonderboys"
mit Michael Douglas, gefolgt vom Klassiker All Along The
Watchtower bei dem auch mal die Kollegen Campbell
und Sexton verschärft in die Saiten greifen dürfen. Das atmosphärisch
- düstere Not Dark Yet vom Grammy - gekrönten letzten
Album Time Out Of Mind leitet über zu
Drifter´ s Dream, bevor mit einer knochenharten Version
von
Leopard - Skin - Box - Hat bereits das Finale
eingerockt wird.
70 Minuten und das war´ s ? Von wegen. Der Zugabenblock währt
satte
dreiviertel Stunde und offeriert Ohrwurm auf Ohrwurm:
Love Sick, Like A Rolling Stone, Forever Young
Maggie´s Farm Don´t Think Twice, It´s All Right,
Rainy Day Woman #12#
und, ja tatsächlich, als Rausschmeißer wird das nicht tot zu
kriegende
Blowing In The Wind mehrstimmig in den Saal geschmelzt.
Noch zwei Stunden länger, und man hätte Happy Birthday
Richtung Bühne zurücksingen können.
Um Mitternacht feierte Bob Dylan seinen 59. Geburtstag.
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