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Biermann mal ganz anders
"Wenn jemand ein ernsthafter Musiker ist, dann hört
keiner hin"
Bob Dylan in der Waldbühne
Die Waldbühne ist halb voll. Bob Dylan, der gerade eine
betont pessimistische CD produziert hat, würde wahrscheinlich
sagen: Die Waldbühne ist halb leer. Eine erstaunliche
Tatsache, denn Dylan hat eine Menge Hits geschrieben. Unabhängig
davon gilt er als einer der bedeutendsten amerikanischen Künstler
der Gegenwart und als eine der einflussreichsten Pop-Gestalten
des Jahrhunderts. Karten für ein Dylan-Konzert kosten
trotzdem nur ein Drittel dessen, was eine Karte für die
Rolling Stones kostet. In einem seiner neueren Interviews hat
Bob Dylan gesagt: "Die Popmusik ist heute im gleichen
Zustand wie zu der Zeit, als ich anfing. Wenn jemand ein
ernsthafter Musiker ist, dann hört keiner hin."
1966 starb Bob Dylan seinen ersten Tod. Ein Motorradunfall. Er
war damals 25 Jahre alt, und er hatte bereits viele seiner berühmtesten
Songs komponiert. The Times, they are a - changing zum
Beispiel, oder Blowin' in the wind. Er wäre, falls er
den Unfall nicht überlebt hätte, zum James Dean der Popmusik
geworden. Ja, Dylan war ein Idol, aber er hat seitdem alles
getan, um aus dieser Rolle wieder herauszukommen. Er wollte
ein Musiker sein, nichts weiter. Heute verschwindet er beinahe
hinter seinen Vorbildern - den Hobos, den amerikanischen
Vagabunden, die im Land umherfahren und zur Gitarre Lieder erzählen.
Seit Jahren gibt Dylan unermüdlich und unspektakulär
Konzerte, etwa hundert im Jahr. Er nähert sich seinem
60.Geburtstag. Vor einiger Zeit wäre er zum zweiten Mal
beinahe gestorben, eine Herzkrankheit. Seitdem wirkt er, falls
das überhaupt möglich ist, noch gelassener und abgeklärter.
In seiner neuen CD Time out of Mind singt er:
I' ve got new eyes.
Everything looks far away.
Dylan betritt die Waldbühne im schwarzen Western-Anzug, mit
einem hellen Cowboyhut. Er sagt nicht Guten Tag, er sagt am
Ende auch nicht Tschüs, statt dessen putzt er sich erst
einmal ausgiebig die Nase. Jeder Dylan-Fan weiß, dass jedes
Dylan-Konzert anders ist. Er spielt die Songs, nach denen ihm
gerade der Sinn steht, und es kann auch schrecklich werden.
Direkt vor der Bühne versammeln sich die Treuesten der
Treuen, meistens sind sie um die fünfzig. Bei manchen Männern
dieser Generation liegt immer Dylan auf, so, wie es bei
manchen Frauen um die achtzig immer nach Katze riecht. Einer,
ein Rechtsanwalt, erzählt, daß er Dylan auf seiner Tournee
folgt. Leipzig, Berlin, Rostock, dann weiter nach Kopenhagen.
Seine Kanzlei hat er für ein paar Tage geschlossen. "Das
wollte ich mit zwanzig immer machen, aber da hatte ich die
Kohle nicht.
Mensch, wozu arbeite ich überhaupt, wenn nicht für sowas?"
Die Rolling Stones bemühen sich darum, dass ihre Songs live
genauso klingen wie auf der Platte, selbst im Olympiastadion.
Das gelingt ihnen auch, und zwar so gut, dass es immer wieder
Gerüchte über den Einsatz von Playback gibt. Bob Dylans
Ehrgeiz ist dem Ehrgeiz der Rolling Stones genau
entgegengesetzt. Dylan hasst den Wiedererkennungseffekt. Dylan
will, dass seine Lieder auf der Bühne immer wieder neu
klingen, immer wieder anders. Manchmal wirkt es im Konzert so,
als stürze er sich wütend auf seine alten Hits - wie ein
Autor, der zornig ein Blatt aus der Schreibmaschine herausreißt,
es zerknüllt und wegwirft. Er hat das in Forever young
beschrieben. Du bleibst jung, wenn du immer wieder den Mut zu
neuen Irrtümern hast. Auf keinen Fall darfst du dich
ausruhen.
Vielleicht ist, all die Jahre, der Dichter Bob Dylan überschätzt
und der Musiker Bob Dylan unterschätzt worden. Dass sich ein
amerikanischer Musiker an Rimbaud, an Villon und Brecht
orientierte, galt als ungewöhnlich. Dafür bekam er in den
Feuilletons Kredit. Aber es regnet und es stürmt doch recht
oft in seinen Texten, recht oft funkeln die Augen wie
Edelsteine, oder ein mysteriöser Fremder kommt in die Stadt.
Dylan ist vor Klischees nicht sicher. Aber der Rhythmus seiner
Sprache stimmt immer.
In seinen jüngsten Interviews hat er erklärt, dass Rock' n'
Roll ihn nicht mehr interessiert. Dylan sagt viel, wenn der
Tag lang ist. Folglich knallt er dem Berliner Publikum eine
Serie mittelbekannter Songs aus seiner mittleren
Schaffensperiode in harter Rock -Version vor den Latz. Eine
kleine Band, vierköpfig, klassisch besetzt: zwei Gitarren,
Schlagzeug, Keyboards. Es klingt nicht gut, aber hart. Nach
einer knappen halben Stunde wird der Elektro-Kram weggeräumt,
Dylan greift zur akustischen
Gitarre und singt The Times they are a - changin´ .
Diese Hymne einer Generation hat er kürzlich zur Verwendung
in einem Werbespot an eine Bank verkauft. Er bringt sie
ironisch, beinahe zynisch. Dylan trägt das Pathos so dick
auf, dass es lächerlich wirkt: Dieses Lied gehört jetzt
anderen. Danach das Liebeslied If not for you und, überraschend,
Masters of War. Das Antikriegslied. Bob Dylan bringt Masters
of War völlig anders als The Times they are a-changing.
Ernsthaft. Wütend. Mit Nachdruck. In seinen Interviews sagt
Bob Dylan, dass er sich auch für Politik nicht mehr
interessiert.
Dylan hat alle Musiken durchprobiert, und fast alle Haltungen.
Folk, Blues, Rock, Country, Gospel. Engagement, Zynismus,
Christentum, Resignation. Kaum einem Musiker ist so oft Verrat
und Ausverkauf vorgeworfen worden wie ihm. Aber heute, im Rückblick,
erscheint Dylan als eine der wenigen Figuren, die im Popgeschäft
sich selbst treu geblieben sind. Dylan war immer zu selbstbewußt,
zu egozentrisch vielleicht, um auch nur das Geringste von sich
selber wegzugeben, um eines Imagevorteils willen. Er folgt
Launen, nicht Beratern. So hat er sein Geheimnis bewahrt. Von
Wolf Biermann, seiner deutschen Entsprechung, unterscheidet
ihn die Tatsache, dass er eitle Posen immer vermieden hat.
Es ist aus der Mode gekommen, den alten Popstars ihr Alter
vorzuwerfen. Man hat sich an den Gedanken gewöhnt, daß Bob
Dylan und Mick Jagger auch noch mit 80 auf der Bühne stehen
werden, wie vor ihnen Frank Sinatra. Und wie die Literatur, so
kennt auch die Popmusik ergiebige und weniger ergiebige
Generationen. Bei der letzten Verleihung der Grammys, also der
Musik-Oscars, war es, als sei die Zeit stehen geblieben. The
Winner is: John Fogerty, John Lee Hooker, Van Morrison, Bo
Didley, Johnny Cash. Und Dylan, den ein 19jähriger
Teenie-Star als "Bill Dylan" vorstellte. Zu den
wenigen Jüngeren, die einen Grammy bekamen, gehörte Jakob
Dylan, Bobs Sohn, mit seiner Band "Wallflowers".
Am Ende spielt Dylan in der Waldbühne Highway 61, und,
von der Band mit vielen Schnörkeln zärtlich verziert, Don't
think twice, it's allright, ein Song, bei dem allein schon
der Titel Musik ist. Er möchte sich nach gut einer Stunde von
der Bühne stehlen, aber das geht nicht. Zu den Zugaben gehört
Love Sick von der neuen CD, stürmisch begrüßt. Zum
Schluß: Blowin' in the Wind. Nur 90 Minuten hat der
Auftritt gedauert. Es war kein großes Konzert. Aber es war
Bob Dylan. Der einzige Popmusiker, den jemals ein Papst um ein
Ständchen gebeten hat. "Newsweek" will
herausgefunden haben, welche Songs Johannes Paul II. sich von
Bob Dylan wünschte. Es waren Knockin' on Heaven's Door
und Forever young. Der Mann kennt sich aus.
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