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Der Trübsinn des Chirurgen
Am Tag zuvor in Leipzig soll er gelacht und getanzt haben.
Wenn Bob Dylan auf der Bühne lächelt,
ist das selbst der eher nüchternen Deutschen Presseagentur
eine Meldung in liebevollen Worten wert. Freunde, die dabei
waren, konnten von einem ausgelassenen Konzert berichten; die
Leute hätten auf den Stühlen gestanden, geswingt und
gesungen. Bob Dylan, dessen Tagesform für Konzertbesucher oft
ein Risiko darstellt, hat in Leipzig gerockt wie verrückt.
Entsprechend hochfliegend waren die Erwartungen für sein
Gastspiel in Berlin, das aufgrund des ansprechenden
kommerziellen Erfolges seines jüngsten Albums Time Out
Of Mind in der Waldbühne veranstaltet wurde. Das
Amphitheater war gut besucht, aber bei weitem nicht
ausverkauft. In den letzten Jahren ist Dylan auf seiner
unendlichen Tournee regelmäßig in Berlin vorbeigekommen. Das überschaubare Tempodrom im
Tiergarten bot ihm für seine minimalistischen Shows die angemessene
Kulisse.
Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit gleichen sich
große Rockkonzerte gemeinhin wie ein Bon Jovi dem anderen.
Wenn sich ein Musiker die Aura des Einmaligen bewahrt hat, so
ist es Bob Dylan. In der Reduktion seiner Auftritte auf das
Eigentliche, auf Musik und Text, liegt seine Kunst. Jeder
Zirkus, jede demagogische Geste an das Publikum sind ihm
fremd.
Er ist kein Mann der großen Arenen und keine Abspielstation für
den Hitmix. Dylan ist ein lausiger
Unterhalter, wenn es gilt, die Waldbühnen-Fraktion mit ihren
Sitzkissen, Wunderkerzen und Picknickkörbchen in Verzückung
zu versetzen. Wer Dylan wirklich erleben will, muss ihm während
des Konzertes ins Gesicht sehen können. Wer ihm in der Waldbühne
ins Gesicht gesehen hat, wußte vom ersten Moment an, daß
Berlin nicht Leipzig ist. Des Künstlers Mienenspiel wies eine
Tendenz
zur Mürrigkeit auf, die ungute Ahnungen weckte.
Dylan und seine Musiker erschienen pünktlich um halb acht auf
der Bühne. Der Himmel war taghell. Keine Vorband, keine Musik
vom Band, keine Einstimmung auf das Konzert konnte wenigstens
ein bißchen für Spannung sorgen. Das Publikum war noch in
Bratwurstlaune und emsig beschäftigt, seine Pfandbecher
einzulösen, als es vom Konzertbeginn überrascht wurde.
Da Fotografen beim Auftritt des 57jährigen Sängers nicht
zugelassen waren, muss hier eine kurze Beschreibung der
Szenerie genügen. Bob Dylan trug einen schwarzen Anzug mit
kleinen Bommeln an den Hosenbeinen und dazu einen hellen
Stetson auf dem Lockenkopf. Gitarrist Larry Campell erschien
im schwarzen Frack, Bassist Tony Garnier im dunkelgrünen
Anzug mit Cowboyhut. Und wie sie da so auf dem Podium standen,
im Rauch der Räucherkerzen, boten die Männer an ihrem
Arbeitsplatz den traurigen Anblick einer texanischen
Beerdigungskapelle mit adäquatem Gesichtsausdruck. Bob Dylans
Mundwinkel formten sehr deutlich das umgekehrte U.
Die Band blickte verhalten optimistisch. Der erste Song des
Abends war nicht dazu angetan, die allgemeine Laune
aufzuhellen. Everything Is Broken
eine düstere politische Bestandsaufnahme aus den späten
80ern, gab die Tonart des Konzertes vor. Wenn Leipzig den
losgelassenen Bob erfahren durfte ein "Bobfest", wie
es Neil Young einmal nannte so sollte es Berlin mit dem quälerischen
Dylan zu tun bekommen.
Die Auswahl der Songs seines Konzertes - er wechselt täglich
zwei Drittel des Programms komplett aus - bot kaum Überraschendes.
Viele Stücke waren bereits beim letzten Mal in Berlin zu hören.
Dank des Internets ist Bob Dylan auf seiner ewigen Tournee längst
zum Global Player avanciert. Statistiker seines Gesamtwerkes können
sich Tag für Tag detailliert über die Setlist des jeweiligen
Auftritts informieren, ihre Schlüsse ziehen und Prognosen
wagen. If You See Her, Say Hello
ein sehr schönes trauriges Liebeslied vom 74er Meisterwerk
Blood On The Tracks war bisher selten live zu hören. Dylan trug den
akustischen Song in einer dezent elektrifizierten Fassung vor.
Seine Band spielte sich in einen getragenen Country -
Beat hinein, freilich ohne sich zu echauffieren. Bucky Baxter an der Pedal -Steel-Gitarre sorgte für angenehme
Schwingungen. Ein kleines Schmuckstück im Repertoire, dem
drei schwächliche Nummern folgten.Cold Irons Bound
vom neuen Album konnte live die Herzen kaum erwärmen, Under The Red Sky
ist sowieso lahm, und Silvio nun schon seit einigen Jahren die musikalische Stütze
für ausgedehnte Soli, verkam in seiner Berliner Fassung zur
Pflichtübung. Im Laufe dieses Songs wurde das ganze Dilemma
des Abends deutlich. Dylan war irgendwo zwischen Leipzig und
Berlin die Lust an der elektrischen Gitarre abhanden gekommen.
Zu seinem 50. Geburtstag, erzählte kürzlich der
amerikanische Rock-Philosoph Greil Marcus, hatte sich Dylan
vorgenommen, ein wirklich guter Lead - Gitarrist zu werden.
Und er ist es geworden, wie bei diversen Konzerten zu hören
war. Auf der Waldbühne versickerte Silvio nach einigen
halbherzig genudelten Soli im Nirgendwo. Wenn
dieser Song so etwas wie der Indikator für die Stiftung
Dylan-Test ist, so lautete das Ergebnis dieser Show:
befriedigend.
Aber wie das bei Dylan so sein kann: Kaum hat man ihn
festgenagelt, springt er vom Kreuz. Im akustischen Teil war für
Momente jene Erhabenheit zu spüren, nach der sich das
Publikum sehnte. Die verjährte Protesthymne Masters Of War
klang wider Erwarten intensiv und rauh, und bei Tangled Up In Blue
blitzte gar so etwas wie Spielfreude zwischen Dylan und der
Band auf. Sein
verschmitztes Gesicht verriet Spaß an der Sache, seine Beine
trauten sich diesen seltsam taumelnden Dylan - Dance, bei dem
man nie genau weiß, ob er jetzt das Publikum veralbert oder
gerade in Ekstase geraten will. Die Musiker lächelten sich
hinter seinem Rücken zu.
So rasch dieser Aufschwung an Gefühl gekommen war, so rasch
fiel er wieder in sich zusammen. Dylan hätte mit seinen
Zuschauern leichtes Spiel gehabt, doch fast sah es so aus, als
erschrecke ihn jede jubelnde Reaktion des Bratwurst-Publikums.
Sein Blick wanderte immer öfter nach oben, an den Rand der
Waldbühne, wo sich Leute ihr nächstes Bier holten.
Don t Think Twice und Love Sick
klangen trotzdem wunderbar. Vor Jahren noch hätte Dylan ein
Konzert in verhangener Stimmung völlig vermasselt. Heute ist
er zu routinierter Vertragserfüllung in der Lage. Das kann
man bedauern oder nicht. Nach exakt 90 Minuten war Schluss, zu
früh für 70 Mark Eintritt.
Kein Satz könnte die Atmosphäre dieses Konzertes besser
charakterisieren als eine Bemerkung Norman Mailers über den
Schauspiellehrer Lee Strasberg: "Er war wie ein Chirurg,
dessen Trübsinn durch nichts zu zerstreuen ist, der seinen
Schnitt macht, das Honorar kassiert und für kein Lob empfänglich
ist."
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