Nicht auf der Höhe der
Zeit
Mit Zwanzig
ein Rätsel zu sein ist lustig, mit dreißig
ein Rätsel zu sein, zeigt einen Mangel
an Phantasie und in Dylans Alter ein Rätsel
zu sein ist offensichtlich bloß
noch bekloppt
(John Peel - Strassenmusiker) |
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Als am 17. September die Massen zum Ort des Geschehens
pilgerten, brach zuerst der Verkehr im Umkreis des
Veranstaltungsortes zusammen. Kartenkontrollen waren
bald sinnlos geworden, ebenso Alkoholkontrollen (ein
Teil des Publikums war mit vollen Bierkästen und
Wodkaflaschen angerückt), und wenn man so will, war
es schließlich ganz nach
Woodstock - Manier ein Free Concert. In der
gleichgeschalteten Ostberliner Presse erschien später
die Zahl von 70000 Konzertbesuchern, eine Zahl, die
den Vertragsmodalitäten zwischen dem Tourmanagement
und der Künstleragentur geschuldet war. In Wahrheit
waren es weit über 100000 Dylan - Fans, darunter auch
eine erhebliche Anzahl von Westberlinern, für die bei
einem Umtauschkurs von 1 : 7 das Ganze von vornherein
ein Ereignis war, das man umsonst haben konnte. ...
Was ging wohl in den DDR - Menschen vor, die Bob Dylan
in einem Grad verehrten, den die Westleute nicht
einmal erahnen konnten....
Nun war er also leibhaftig durchgekommen, gewiss
würde nun ein Wunder geschehen. Das unberechenbare
könnte möglicherweise ein Zeichen setzen, ein Fanal
bewirken oder sonst was aufflackern lassen. Vielleicht
wäre sogar ein Marsch der Hunderttausend in Richtung
Westen möglich. Man konnte doch über 25 Jahre lang
nicht umsonst gewartet haben....
Und Dann standen all diese DDR - Menschen, die an
Dylan wahrlich einen Narren gefressen hatten,
erwartungsfroh und ehrfurchtsvoll an jenem
regnerischen 17. September mitten auf einer großen
Wiese und starrten gebannt zur Bühne. Die
Sicherheitsvorhehrungen waren derart miserabel
gewesen, daß im vorderen Drittel der Druck auf die
Leute so groß geworden war, daß sie zu Dutzenden in
die Knie gingen. ... Pausenlos waren Rettungswagen im
Einsatz. Beschwörende Mahnungen aus den Lautsprechern
halfen nichts....
Und es kamen die Musiker von Tom Petty. um gemeinsam
mit McGuinn die Schlachtgesänge der 60er Jahre, Mr.
Tambourine Man und Turn, turn, turn anzustimmen. Dann
übernahmen Tom Petty and the Heartbreakers ganz
allein das Zepter und spielten ihren kernigen
Geradeaus - Rock. Die Spannung steigerte sich von Song
zu Song, was aber nichts mit den Heartbreakers zu tun
hatte, die im weiten Rund eher eine unbekannte Band
war, sondern bald würde ER sich zeigen. Die Stunde
der Wahrheit stand unmittelbar bevor.
Plötzlich steht Bob Dylan auf der Bühne, in irgend
so was wie ein weißes Jacket gehüllt, die Augen
hinter einer Sonnenbrille versteckt, die Stratocaster
um die Schultern geworfen. Doch das erwartete
Pandämonium bleibt aus, ganz im gegenteil. Ohne ein
Wort zum Publikum zu sagen, geht es mit When the
Night Comes Falling los, und als ob jemand den
Stöpsel eines Luftballons herausgezogen hat, der dann
kurze Zeit durch die Luft flattert und schnell auf den
Boden landet, ist die Spannung völlig weg. Mit einem
Mal ist wieder Platz da, man kann zumindest ein paar
Schritte nach vorn oder hinten tun.
Das Konzert nimmt einen außerordentlichen ruhigen
Verlauf, die Heartbreakers und die vier Damen im
Backgroundchor machen ihre Sache ordentlich. Dylan
singt auch nicht übel, doch ganz bei der Sache
scheint er nicht zu sein. Als nach sechzig Minuten Like
a Rolling Stone und schließlich Blowin´ in
the Wind ertönen, wissen die meisten im Publikum,
daß es vorbei ist. Für Dylan der etwas wackelig von
der Bühne torkelt, hinein in die wartende Limousine
steigt und ins Grand Hotel davonbraust, ist es
ausgestanden. Das Publikum ist völlig konsterniert:
Das soll alles gewesen sein, nicht ein einziges Wort
hat er zu uns gesagt, falls er uns überhaupt
wahrgenommen hat. War er wirklich stinkbesoffen, wie
später einige Bühnenarbeiter behaupteten?
Haben wir das wirklich verdient? Wir sind doch nicht
jene Berliner, die ihn zehn Jahre zuvor mit
Farbbeuteln und Tomaten beworfen haben. Nicht einmal
ein verlogenes Ich bin froh, endlich hier zu sein
oder Ich bin ein Berliner oder I love you
all (ein Satz der zwei Jahre später in der
deutschen Fassung für Furore sorgen sollte). Nichts,
einfach nichts war zu hören gewesen.
Gottseidank auch nichts zu dem Wort Frieden, das die
FDJ-Bonzenschaft, die vom Frieden überhaupt nichts
verstand, in großen Lettern über die Bühne gehängt
hatte. Es war absolut nicht möglich, Dylan für
irgendwelche Zwecke einzuspannen, was bei anderen
Stars, die die DDR besucht hatten, wie Bruce
Springsteen oder Joe Cocker gelungen war.
Wie man im nachhinein erfuhr, konnte man aber nicht
einmal der der Einbildung nachhängen, daß er sich
das bloß für den ersten und letzten deutschen
Arbeiter - und Bauern - Staat so ausgedacht hatte.
Dies Art Sonderbehandlung hätte uns zwar auch nicht
geschmeckt, aber zumindest hätten wir das Gefühl
gehabt, daß Dylan den Unterschied zwischen Ost und
West wahrgenommen hat. Aber die DDR - Fans wurden, und
das echt frustrierend, nicht anders behandelt als alle
anderen. Dylan kannte offensichtlich den Unterschied
nicht, von seiner kosmischen Warte aus gesehen
existierte vielleicht kein Unterschied. Auf dieser
Tournee hat Dylan nirgendwo etwas gesagt, weder in
Israel, noch auf dem europäischen Festland oder in
England.
Freilich standen auch in den Ostberliner und DDR -
Zeitungen Konzertberichte, die versuchten, irgendwie
dem Phänomen Dylan und seinem bitteren Anschlag auf
die grundsätzlich positiven Gefühle, die viele
Zuhörer ihm entgegengebracht haben, gerecht zu
werden. Dylan schlichtweg für bekloppt zu halten,
mochte eine englische Spezialität sein. Im Osten
Deutschlands mußte man sich einfach mehr Mühe geben.
So funktionierte Andreas Krusche in der Weltbühne
Dylans Auftrittt in einem bewußt inszenierten
Selbstmord um, wo möglicherweise die ganze
verunglückte Tournee bloß dem Teufel Alkohol
geschuldet war. Aber so einfach und billig konnte und
wollte man es sich auch nicht machen:
Für wen hat Dylan eigentlich gesungen? Fürs Publikum
nicht, für sich selbst auch nicht, da blickte er gar
zu griesgrämig drein. Offenbar machte er gegen sich
selber Front: Bob Dylan schien seine eigene Legende
vom allseligmachenden Popmessias zu bekämpfen, und es
ist zu befürchten, daß er den Kampf gewonnen hat und
nunmehr seine alten Tage als hartherziger Zyniker
beschließen will.
Nach dem Konzert wirkten viele Zuhörer verstört,
denn als Voyeure einer erfolgreichen
Selbstentweihungsaktion beizuwohnen war irgendwie
beschämend. Nichtsdestotrotz hatte die Sach Größe.
Dies war ein Abgang von historischer Dimension. Solch
einen pittoresken Schlußpunkt hinter eine in diesem
Jahrhundert erfolgreichsten Künstlerkarrieren zu
setzen war wohl Dylans letzter Geniestreich - und wir
waren dabeigewesen.
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