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Konflikt mit einem Mythos
Bob Dylan kommt nach Berlin
Dylan kommt. Und mit ihm kommt ein Problem. Das
Problem der Fans mit ihrem Mythos Dylan. Seit Blowin´
in the Wind sind 16 Jahre vergangen, wir sind 16
Jahre älter geworden - aber Dylan auch. Während für
uns Dylan immer noch händchenhaltend am Krankenbett
von Woody Guthrie sitzt, wundern wir uns über 45 Mark
teure Konzertkarten. Wir haben ihn ,,on the road"
im Sinn, Abenteuer erlebend, für die wir zu schwach
waren - wir haben Kollegen im Büro, in der
Fabrikhalle, Dylan jedoch tauchte weg mit Gauklern,
Gangstern und herrlichen Spinnern. Aber da war die
Scheidung von Sarah, die ihn 27 Millionen Dollar
gekostet habe. Immer noch liegen die Aktien im Magen,
die er von der Napalm - Firma gekauft hat und dabei
läuft Masters of War weiter auf unserem
Plattenspieler.
Wir haben Mühe das alles zusammenzubringen. Die
Public - relations - Agenturen bewerfen uns mit
Informationsmüll zum Zweck, den Mythos noch höher zu
rücken, während wir uns mühen, ihn klein zu halten,
weil wir beharrlich weiter an seine Songs glauben,
jene vom Mitleid, von Liebe und Hass, vom Verstehen
und von der Einfachheit. Veranstalter blasen sich auf,
man habe ihr Mühen anzuerkennen, Dylan nach Berlin zu
bringen, wo sich doch offensichtlich die Tournee als
Werbe - Aktion zugunsten einer neuen LP (Street
Legal) enttarnt. Wir fluchen wegen der
Eintrittspreise, wir streben dennoch ins Konzert und
wollen letztlich nur sehen, dass Dylan in den 20
Jahren der gleiche geblieben ist - indes wir eigenen
Fort - Schritt verkünden. Wir feiern Dylan wie der
Großvater seine Marika Rökk, die er nicht in Ehren
alt werden läßt.
Unser Generationskonflikt findet nicht mit den Eltern
statt, sondern mit unseren Idolen. Weil wir von den
kalten 80er Jahren Angst haben, bleiben wir - Dylan im
Kopfhörer - , im wärmenden Chaos der 60er. Und lesen
Bob´s Verse nach, die uns Carl Weißner in sensibler
Übersetzung endlich nahebrachte.
Guthrie ist tot, Dylan kein Hobo mehr, als Mythos tut
er sich schwer: Das ,,Phänomen ohne Beispiel",
der ,,Shakespeare seiner Generation", gab sich
kürzlich bei einem Gastspiel in Japan mufflig,
lustlos, angeekelt. Idole haben im Rock - Geschäft
reduzierte Sozialkontakte (kann er noch unerkannt ins
Kino gehen?); der Informationsdschungel aus Fakten und
Fiktion, in dem der ,,Mensch Dylan" präsentiert
wird, ist für uns undurchschaubar, weil nicht zu
überprüfen. Auch ,,Playboy" - Interviews
ändern daran nichts. Laßt auch Dylan alt, nun ja:
älter werden, anders sein, es mindert nicht die Verse
und Musik von früher. Das ,,Werk" soll gelten,
nicht das Image. Und nicht unsere Erinnerung.
(Bob Dylan, 29. Juni 21. 30 Uhr (!), Deutschlandhalle.
Karten 20 - 45 DM).
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